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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-09-28 · Heft 39 (28.9.1880) · p. Seite 618

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 39 (28.9.1880)
Date
1880-09-28
Page
Seite 618 (sequence 10)
Language
German
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618 wollen. Hierzu gehört auch unser Waisenhaus, das seit dem den Bezirkshauptmann von B r ody: „Wie viele Juden sind 16. Mai 1673 besteht, und 36 Waisen die beste Erziehung in Brody?" Die Antwort lautete: „Nur ein Biertel der und den kräftigsten Unterhalt giebt, und ein schönes Ge- Bevölkerung ist christlich, von 20,000 Einwohnern sind 15,000 bäude besitzt. Die Curatoren der Anstalt verdienen das Juden." — höchste Lob. Aber da die Jahreskosten ca. 10,000 Dollars betrugen, so stellte sich ein Desizit von 1200 Dollars heraus, das noch zu decken ist. Man bemüht sich daher, die Mitgliederzahl zu vermehren und neue Schenkungen dem jetzt ca. 80,000 Dollars betragenden Fonds zuzusühren. Möchte dies in genügendem Maß gelingen. Ein eigener Fall ereignete sich im Lause des Jahres, der sür das Asyl und sür ähnliche Anstalten in unserem Lande von Wichtigkeit ist. Bor 5 Jahren wurden zwei Kinder einer Wittwe in das Asyl ausgenommen und sie Unterzeichnete einen Contract, der dem Asyl die absolute Controle und Wacht über die Kinder bis zu deren regelmäßigen Entlassung übertrug. Im August 1670 richtete die Wittwe das Verlangen an das Asyl, die Kinder ihr wieder zu überlassen. Bei genauer Untersuchung stellte sich dem Curatorium die Ueberzeugung heraus, daß dies sür die Kinder von sehr nachtheiligen Folgen sein würde, und es verweigerte deshalb die Herausgabe. Sie zog das Euratorium vor Gericht, und nach einer sorgsältigen Erörterung des Falles wurde die Forderung der Wittwe abgewiesen. Sie appellirte an den obersten Gerichtshof und dieser entschied aus Grund der Eorporationsrechte und des Contracts mit der Mutter, daß das Asyl vollständig berechtigt sei, die Kinder zurückzubehalten. Hierdurch sind die Rechte einer solchen Anstalt durch die höchste Autorität sestgestellt, und dies ist um so wichtiger als sich eine Erreichung des Zieles sür die Erziehung der dem Asyl anverrrauten Kinder nicht gut denken läßt, wenn zu jeder Zeit die Angehörigen dazwischen kommen können. Bonn, 10. Sept. (Notizen.) Als bei der jüngsten Reise des Kaisers Franz Joses durch Galizien dieser die Würdenträger des Kronlandes in Lemberg einpsiug, fragte er In Petersburg errichtet der bisherige Inhaber des israelitischen deutschen Theaters in Bukarest ein jüdisches Theater, für desien Eröffnung der Director A. Goldfaden eine Operette „Der Fanatiker" gedichtet und componirt hat. Hohes Alter! In Duna-Földvür — so berichtet „Hires" — lebt ein Ehepaar Namens Glaß, welches seit 80 Jahren verheirathet ist. Der Mann ist 102, die Frau 00 Jahre alt. Beide sind noch rüstig und haben am jüdischen Neujahrsfeste den Tempel besucht. Der Mann hatte schon im Jahre 1800 während des Franzosenkrieges eine Pferdelieferung sür die österreichische Regierung besorgt. Bonn, 10. Sept. (Literarische Notizen.) Aus Prag wird berichtet: Dieser Tage ist ein für die Bereicherung der jüdischen Literatur- und Culturgeschichte wichtiges Werk im Manuscript beendet worden, nämlich die Ausnahme säinnttlicher zugänglicher Inschriften auf dem Prager alten israelitischen Friedhose in der Josesftadt. Die Idee hierzu ging von dem Borstande der dortigen Beerdigungs-Brüderschaft aus und brauchte fünf Jahre bis zur vollständigen Realisirung. Um die durch das hohe Alter mancher Grabsteine so erschwerte Entzifferung der Epitaphien hat sich zuerst der Friedhof-Kustos, Herr David Podiebrad, große Verdienste erworben, welcher mehr als 2000 derselben kopirte. Die Fortsetzung wurde dann dem Stiftungs-Rabbiner, Herrn Leopold M. Popper, Lehrer der Oberklaffe an der Talmud- Thoraschule, übertragen, dessen unermüdlichem Streben es gelungen ist, noch weitere 1000 Inschriften zu Tage zu fördern. Diese sind in jüdischer alphabetischer Ordnung zusammengestellt, und trägt der älteste Stein angeblich 4366 nach Erschaffung der Welt, gleichlautend 605 der christlichen Zeitrechnung, der jüngste die Zahl 5547 jüdischer, das ist 1767 christlicher Zeitrechnung. Feuilleton. Plaudereien aus dem Leben. IV. „Die gute alte Zeit!" Diese Redensart ist unbeliebt geworden, man ist zu der Ansicht gelangt, daß jede Zeit ihre Licht- und ihre Schattenseiten hat, daß auch der Fortschritt und was er bringt, Unbequemlichkeiten mit sich führt, weil es eben daraus ankommt, daß sich die Menschen erst in die Zustände hineinbegeben. Ter weise König sagte daher mit Recht „Alles ist schön zu seiner Zeit", und nicht wie Hegel: „Alles was ist, ist vernünftig." Denn von derselben „Schönheit" sagte derselbe Salomo: „die Schönheit ist wichttg", d. h. sie gefällt und thut dem Menschen wohl, aber sie ist vielmehr auf Schein beschränkt und vergänglich. — Ist es doch nicht zu leugnen, daß das gegenwärttge Geschlecht viele Lasten zu tragen hat, die aus der Erbschaft entspringen, welche ihm und sine beneticio aus der guten alten Zeit zugefallen. Unsere Städte seufzen unter der Last der Communal-Steuern, und sind gezwungen, eine große Anleihe nach der anderen zu machen, was sogar^hier und da schon zum Bankerott geführt hat. Warum? Weil die „gute alte Zeit" sie in Zuständen zurückgelassen hat, die für das gegenwärtige

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