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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-09-28 · Heft 39 (28.9.1880) · p. Seite 613

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 39 (28.9.1880)
Date
1880-09-28
Page
Seite 613 (sequence 5)
Language
German
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613 eigener Kraft sich zu erhalten, er macht keine Ausgaben für -seine Bequemlichkeit, schwelgt nicht, — wer ebenso handelt, wird reich werden wie er, und wenn er niemals einen jüdischen Buchstaben gesehen. Die anti-semitische Bewegung muß mit dem Boksunterricbte, mit Mäßigkeitsvereinen begonnen werden, nicht mit „Statuten". Ich kann auf ein eklatantes Beispiel Hinweisen. Es giebt eine große Ortschaft am Platensee, sie heißt! Siösok. Sie ist ein Hauptknotenpunkt des Getreidehandels» jenseits der Donau und hat, seitdem die Südbahn epistirt, eine | starke jüdische Ansiedelung, die hierein großes, prächtiges! Bethaus besitzt. Und doch befindet sich in dieser Ortj schast und ihrer Umgebung nicht ein einziger Bauer, in Wuchererhänden und kommt kein Fußbreit Ackers unter den Hammer. Und wer hat dieses Wunder gewirkt? Ein nüchtern denkender, patriotischer, praktischer Mann: der Pfarrer. Als er nach Si«>fok kam, fand er folgenden Zustand vor: Ein Bauer entlieh (vom Juden » Geld und bezahlte an Zinsen täglich einen Kreuzer nach jedem Gulden; ein anderer borgte sich fünf Gulden aus, für die er wöchentlich einen Gulden an Zinsen zu bezahlen hatte; die Zinsen wurden zum Kapital geschlagen und ~ - eines Tages schuldete der Bauer dem Juden 1100 Gulden. Anstatt nun den Kreuzzug gegen die Juden zu predigen, ließ der Pfarrer einen Schullehrer kommen; diesen verpflegte er aus seine Kosten Jahre hindurch: er ließ Schulen bauen und hob das Volksunterrichtswesen aus eine solche Stufe, daß er hierfür ein Anerkennungs-Diplom sich erwarb. Dann gründete er eine Sparkasse, wo jeder Bauer wohlfeiles Geld bekam, außerdem eine Aushilfskasse auf geringe Einzahlungen, welche dem ärmsten Häusler in Zeiten der Noth Hilfe sicherte; ferner errichtete er eine Gemeinde-Waage, damit in den Käufen und Verkäufen Einer dem Anderen nicht übervortheile, und die Einnahmen dieser Waage decken reichlich die Kommunalsteuer; jetzt ist Niemand betrogen. Niemand in Wucherer- Händen. Und was haben die Juden zu alldem gesagt? Im Anfang rumorten die Schlechteren unter ihnen gegen den Bolkswohlthäter und drohten, ihn zu erschlagen; allein die redlichen Israeliten ergriffen Partei für ihn und sagten: Ter ist ein gerechter Mann I Die Nichtsnutzigen mußten den Platz räumen, die Rechtschaffenen blieben und heute leben in Siöfok Katholiken, Protestanten und Juden in schönster Eintracht nebeneinander: der Landmann und der Kaufmann bcrathcn zusammen in den Sitzungen der Sparkasse, der Bauernbursche weiß, was heute der Gulden, morgen der Kreuzer werrh ist: Jung und Alt liest und lernt zuhause, arbeitet in Feld und Weinberg anstatt die Zeit im Wirthshause zu vertrödeln, und Alle segnen den Mann, der sie dieses gelehrt. Wer erfahren will, wie die gefährliche Frage zwischen Juden uud Nichtjuden gelöst werden muß, der gehe nach Siösok und suche den Pfarrer Johann Magyar auf — dieser wird es ihn durch praktische Beispiele lehren. Möge man in jeder Gemeinde ihm nacheifern. Mit donnernden Phrasen aber kann man diese Frage nicht schlichten - so wie man sie anderseits mit glatten Phrasen nicht verhüllen kann." i l*u 11 cj m i a c li c i c f) l c 11. Deutschland. Berlin, 17. Sept. Ter „B. Börs. Cour." bringt folgende Nachricht: „Es ist feiner Zeit nicht bekannt geworden, verdient aber nachträglich erzählt zu werden, daß während der Zeit des Aufenthaltes des Kaisers in Ems der geheime Commercienrath Herr G. v. Bleichröder, als er beim Kaiser zu Tische geladen war, diesen um eine Audienz ersuchte, die ihm auch bereitwillig gewährt wurde. Als den Zweck der Audienz bezeichnete Herr v. Bleichröder ausdrücklich die Absicht, mit dem Kaiser Wilhelm über die gegen die Juden von gewisser Seite in Scene gesetzten Hetzereien zu sprechen. In der Audienz erklärte der Kaiser, er habe die Hetzereien, die von Herrn Stöcker ausgegangen seien, naturgemäß niemals gebilligt, aber er werde die Gelegenheit auch nicht vorübergehen lassen, ganz direct seine Mißbilligung über diese Hetzereien, die den Frieden der Cousessionen in Frage stellen, auszndrücken. Hiernach wird Herr Stöcker bei seiner diesjährigen Campagne sich wohl gezwungen sehen, etwas vorsichtiger und zurückhaltender auszutreten als bisher." — Wir haben keinen Grund, diele Nachricht anzuzweifeln, und deren Bedeutung brauchen wir nicht erst klar zu machen. Tie Gegner machen „den Juden den Vorwurf, daß sie fort und fort den Kaiser in die Debatte ziehen." Allein es handelt sich hier um keine parlamentarische und legislatorische Angelegenheit, auch nicht um eine ^Debatte" — sondern um eine Agitation, die von einem „Hofbeamten" ausgeht, und was könnte da richtiger und entscheidender sein, als die Ansicht der allerhöchsten Personen'. Bonn, 19. Sept. ^Privatmitth.) Aus mehrfache Zuschriften bemerken wir, daß das in Nr. 37 gegebene Schreiben des Herrn Rabb. l)r. I. Caro nichts als eine Antwort auf die, von vielen Blättern veröffentlichte „Petition" von

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