Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1880)
- Date
- 1880-09-28
- Page
- Seite 611 (sequence 3)
- Language
- German
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611 im Ultramontanismus gellend wurde: lein Pactiren mit den Forderungen der Neuzeit, jedes Zugeständniß an diese gereicht uns zum fortschreitenden Nacktheit! Es wird daher jede Gelegenheit benutzt, zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Katholiken und Griechen, zwischen Katholiken und Juden einen solchen Haß als vorhanden auszugeben, jedes Ereigniß, jede Erscheinung als aus diesem Hasse hcrvorgegangen zu dcuunciren und Gegenhaß zu erregen. Man braucht aus diesem Gesichtspunkte nur irgend welche Nummer der ultramontancn Blätter zu lesen, um sich von dem Gesagten zu überzeugen. Und hierin haben wir auch die Erklärung von der unermüdlichen Verfolgung der Juden in den Organen des Ultramontanismus. Nicht sowohl um die Kränkung oder gar um die Gefährdung der Juden ist es ihnen zu thuu, als vielmehr in den Herzen des katholischen Volkes den Haß gegen die Juden und alle Andersgläubigen zu schüren und immer von Neuem zu beleben, und es dadurch von allen seinen andersgläubigen Mitbürgern zu trennen. Da sie es nun hinlänglich erfahren haben, daß dies in unserer Zeit nicht mehr so leicht gelingt wie in vergangenen Perioden, so denken sie: der Tropfen höhlt den Fels aus, und setzen ihre Arbeit unermüdlich und ununterbrochen fort. Alle anderen Motive sind ihnen nebensächlich. Warum sollten sie sonst wider jede bessere Ueberzeugung den Juden einen „inhärirenden Haß gegen das Christenthum" zuschreiben'? Warum sollten sie sonst aller Wahrheit zuwider „die Juden an der Spitze der gegen das positive christliche Bekenntniß gerichteten Bewegung in allen Ländern" marschiren lassen'? Erst die allerjüngsten Vorkommnisie beweisen das Gegentheil. Auf dem Congresse der librespensenrs in Brüssel befand sich kein einziger Jude, aus dem Congreß für das Unterrichtswesen ebendaselbst, den die Germania als durchaus antichristlich bezeichnet, betheiligte sich kein einziger Jude als Redner. In der französischen Regierung, welche den Culturkampf so energisch ausgenommen, ist kein Jude, und in der großen Mehrheit der Deputirtenkammer, die so überaus anticlerikal gesinnt ist, befinden sich nur zwei Juden. So oft auch schon die ultramontanen Blätter aus gefordert wurden, ihre Behauptung zu erweisen, daß die Juden an der „Culturkampfshetzcrci in Deutschland" einen starken Antheil genommen, sie traten den Beweis nicht an, wiederholen aber ihre Anschuldigung, da es ihnen nicht um die Wahrheit, sondern darum zu thun ist, daß das katholische Volk es glaube und die Juden darum baffe. Sie müssen einräumen, daß die Abgeordneten jüdischer Religion gegen die Jesuitenvertrcibung gesprochen und gestimmt haben; sie können höchstens hervorheben, daß zwei oder drei Blätter, die Juden zu Redacteuren haben, auf Seiten des Culturkampfes standen — und dennoch sollen die deutschen Juden die Bannerträger im deutschen Culturkampfe sein. Noch lügenhafter ist die immer wiederholte Behauptung, daß die Juden in allen Ländern es mit der Revolution Hallen und sich vorzugsweise „an der französischen und italienischen Revolution bctheiligtcn." Auch dies ist eine beliebte Phrase, mit welcher sie die Juden nach oben und nach unten verdächtig, ja verhaßt machen wollen. Wenn man diese Leute hört, so war die Welt, bevor die Juden etwa mit den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts in das allgemeine politische Leben mit eiutr.iten, friedlich und glücklich, alles in der schönsten Ordnung und in der gesichertsten Ruhe. Tie Bauernkriege und Jaquericu, die furchtbaren Religionskriege, von der Vernichtung der Arianer bis zu der der Waldenser, von den Hugenottcnkämpsen bis zum dreißigjährigen Kriege, das Sklavcnthum und die; Leibeigenschaft, die Inquisition und die Hcxeuprozcssc, der Truck der Feudal- und hierarchischen Herrschaft, sic waren alle nicht vorhanden, abgesehen von den Territorial- und Nationalkricgcn, von den Kreuzzügen, vom Faustrecht und den Römerzügcn, von den Kämpfen der Ghibcllinen und Guelsen, der rothcn und der weißen Rose, und was sonst noch Europa durchstürmte, dies alles ist in der Zeit vor der französischen Revolution gar nicht dagewesen, und erst diese entzündete die Fackel der Zwietracht und schmiedete die Waffen des Kampfes! Und was haben denn endlich die Juden an der französischen Revolution für einen Antheil gehabt? Weder aus der von 1789 noch von 1 {§30, damals auch nicht in Cassel und Braunschweig und in Italien, ist ein einziger Jude zu nennen. Erst 1848 treten in Paris Cr^mieur und Goudchcaux aus, aber was wollen sie, so ehrenfeste und verdienstvolle Männer sie auch waren, gegen Lamartine, Ledru-Rollin, Louis Blaue u. s. w. sagen! Die Umwälzung von 1870 ist doch wahrlich nicht den Juden zuzuschreiben, und selbst da kann auch nur nochmals derselbe Crsmieux genannt werden. Wahrlick, die ganze Phrase hat keinen anderen Werth als z. B. bei Gelegenheit des Verkaufs der Klostergüter in Italien die Behauptung der Ultramontanen, daß die Juden die meisten Klostergüter sich angeeignet hätten, woraus actenmäßig erwiesen wurde, daß unter den Hunderten von Käufern nur ein einziger Jude gewesen, der noch dazu nur einen unbedeutenden Kauf gemacht! Die Herren Ultramontanen wollen aber den Haß verewigen und ihn innerhalb aller Völker und zwischen allen Religionsparteien erhalten. Dies ist es, was die Welt einsehen muß, und endlich auch dem katholischem Volke klar werden wird. Und aus diesem Wege leistet die pietistisch-rcactionäre Partei den Ultramontanen willige Gefolgschaft und sie arbeiten sich gegenseitig in die Hände. Wir haben in Nr. :»«Z einen Artikel wiedergegeben, welchen die „Köln. Ztg." von einem activen preußischen Osficier gebracht hat: „Tic antisemitischen Bestrebungen." Ter Aussatz war zu sehr von humaner, unparteiischer und durch geschichtliche Studien aufgeklärter Gesinnung dietirt, als das; er nicht den Judenhetzern zum größ- 39*