Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1880)
- Date
- 1880-09-28
- Page
- Seite 510 (sequence 2)
- Language
- German
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510 ber und Träger anzugeben, und scheuen selbst die Lächerlich-! feit nicht, um dies ihren Lesern vorzuspiegeln, wie sie z. B. - jüngst die Alliance isr. univ. die Maßregeln der französischen j Regierung gegen die Ordensgeistlichen fordern ließen und das j Journal des Debats ein Judenblatt nannten. Aber eine Tactik! ist eben nur Mittel und nicht Zweck selbst, und hat mit dem ei- - gentlichen Wissen und Wollen an sich nichts zu schaffen. Wirj können also in allem diesem den eigentlichen Beweggrund und den wirklichen Zweck der Ultramontanen nicht erkennen. Suchen wir nun dieses Mysterium aufzudecken, so müssen - wir das Spiel der Ultramontanen schärfer ins Auge fassen i und zusehen, ob sie es uns nicht selbst verrathen. Tie Ge-! legenheit fehlt nicht. Die „Germania" vom 6. September j bringt einen Leitartikel: „Tie Entwickelung des Nihilismus j in Rußland." Sie legt eine Schrift des Russen Nicolai > Karlowitsch, die denselben Titel führt, zu Grunde. Daß dieser! Autor auf dem Boden der Autokratie steht, sagt sie selbst. j Er hofft zur Beseitigung des Nihilismus von größeren > Freiheiten nichts, sondern allein von der straffen und uneri schütterlichen Autokratie. Alle Schritte für Provinzial- und Kreisständc und städtische Selbstverwaltung hätten nur die Verschleuderung de» öffentlichen Vermögens, die Anhäufung von Schulden und Teffcits zur Folge gehabt. Als Ursachen des Nihilismus bezeichnet der Verfasser das gegenwärtige Er-. ziehungssystem in Rußland, welches nur den Realismus und die Naturwissenschaften in atheistischem Sinne betreibe, in der Gleichberechtigung der Frauen, namentlich zu den höheren Studien, während doch diesen Frauen eine wirkliche Earrrere verschlossen bliebe, endlich im Universitätslcben, in welchem die russischen Professoren eine oft klägliche und gefährliche Rolle spielen sollen. Den Bauernstand hält er vom nihilistischen Geiste noch frei geblieben, was gewiß nicht wahr ist, da communistische Züge seit alter Zeit im russischen Bauernstände und seiner Verfassung vorhanden sind. Ebensowenig traut er der griechisch-russischen Staatskirche nachtheilige Wirkungen auf die Entwickelung Rußlands zu, obschon das ungeheuerliche Sectenwesen im Czarenreiche ein gcgentheiliges Zeugniß ablegt. Aus der Feder eines solchen Autors können wir am wenigsten eine unparteiische Beurtheilung hinsichtlich der Juden erwarten. Auch er betont den starken Procentsatz, mit dem die Juden bei den nihilistischen Bestrebungen sich betheiligen sollen. Diese Behauptung ist in den russischen Blättern oft wiederholt, aber noch nicht erwiesen worden. Sie geben sogar Zahlen an, ohne darzuthun, woher sie diese Zahlen haben, und mit welchem Rechte sie aufgestellt werden. Aber anstatt die Ursache in den erdrückenden Beschränkungen zu finden, welchen die Juden in Rußland auch gegenwärtig noch unterworfen sind, und die ebenso die Masse durch Zusammenpferchen in armseligen Provinzen materiell belasten, wie durch Ausschluß von Staatsämtern, deren studirender Jugend jede Aussicht, jede Verwendung ihrer Intelligenz abschneiden, statt dessen sucht der Bertheidiger der Autokratie die Ursache in dem Haß der Juden gegen das christliche Staatswescn. Wenn wir nämlich den Citaten der „Germania" trauen dürfen, erklärt er die Theilnahme der Juden am Nihilismus durch den „gewaltigen Fanatismus, welcher zahlreiche Schichten der jüdischen Bevölkerung Rußlands durchdringe" und fügt hinzu: „Tie Juden in Rußland sind mit den auswärtigen Israeliten gar nicht zu vergleichen, und die verbissene Stimmung, welche von Innen Biele in Bezug auf den christlichen Charakter des russischen Staatswesens erfüllt und welche Einzelne selbst zu verwegenen Unternehmungen fortrcißt, mag für ein ausländisches Auge manches Räthselhafte haben." Selbst wenn der russische Autor nichts weiter sagte und hinzufügte, wollen wir hier nicht mit ihm rechten, noch dazu, da seine absichtliche Einseitigkeit zu Tage liegt. Daß die russischen Juden keine große Vorliebe für die griechische Kirche haben können, welche mit so gierigen, oft despotischen Händen in ihre Mitte eingreift, um sich Proselyten herauszuholen, wie dies namentlich unter der früheren Regierung geschah, können wir zugeben, von einem fanatischen Hasse jedoch, der sie zu verbrecherischen Handlungen treiben soll, blos weil das russische Staatswesen ein „christliches" sei, davon wissen wir sie frei. Auf solchem ideellen Standpunkte, um der religiösen Idee willen das ganze Staatswesen zu hassen, stehen diese im härtesten Kampf um das Dasein begriffenen Menschen nicht. Doch wie gesagt, hierum handelt es uns sich heute gar nicht, sondern vielmehr um die Gelegenheit, welche uns die „Germania" hierbei giebt, ihr in ihr Herz zu blicken. Sie fügt hinzu: „Für uns ist diese Haltung der Juden kein Räthsel, sie beschränkt sich auch nicht auf Rußland allein, wenn der dem Judenthum inhärirende Haß gegen das Christenthum in verschiedenen Ländern auch in verschiedener Form sich manisestirt. In allen Ländern marichiren die Juden an der Spitze der gegen das positive christliche Bekenntniß gerichteten Bewegung; in allen Ländern halten sie c» mit der Revolution. Wir erinnern nur an die Betheiligung der Juden an der französischen und italienischen Revolution, sowie an ihre Culturkampfshetzerei in Deutschland." Es ergiebt sich nämlich aus diesen Zeilen nichts anderes, als daß der eigentliche Zweck der ultramontanen Presse der ist, einen fanatischen Haß unter allen Confessionen zu verbreiten, zu wecken und zu nähren, jeden Funkendes fanatischen Hasses zu hellen Flammen anzuschüren. Alle Religionsparteien sollen durch einen solchen gegenseitigen fanatischen Haß von einander getrennt, sich feindlich gegenüber gestellt werden, besonders aber jener Haß im katholischen Volke erglühen, um dieses letztere um so mehr an die Herrschaft des llltramontanismus zu fesseln! Man wird dies um so mehr begreifen, wenn man sich erinnert, daß seit Itzlö die Ansicht