Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1880)
- Date
- 1880-09-21
- Page
- Seite 604 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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604 sohn, der Kaufmann Beit, ist dort bestattet. Ihr Freund Markus Herz, einer der beliebtesten Aerzte seiner Zeit, schläft dicht daneben: ihm reiht sich Herz Beer, der Vater Meyerbeers, und der Rechenmeister Abraham Wolf an, den Lessing im Sinne hatte, als er den Derwisch im „Nathan" schuf. Auch Beitel Ephraim, der Hofjuwelier und Münz-Entrepreneur Friedrichs des Großen, der Mann mit weitem Gewissen , fand hier sein enges Grab. Die Ephraimsthaler, Ephraimiten oder Blechkappen genannt, machten ihn zuerst in traurigster Weise berühmt. In seiner Nähe ist Daniel Jtzig, „der reichste Mann seiner Zeit," bestattet; er soll auch ein guter Mann gewesen sein. Zwei seiner Töchter vermählten sich nach Wien: die Eine wurde Baronin Eskeles,; die Andere Baronin Arnstein. Die dritte Tochter hatte ' aber hier in Berlin gelebt, wo sie sich hoher Achtung erfreute: Frau Sara Levy, welche im Mai 1854, 93 Jahre i alt, gestorben und in ihrem Erbbegräbnisse auf dem Friedhofe vor dem Schönhauser Thore, in der Nähe ihres Schwagers David Friedländer, eines gleichfalls sehr verdienten Mannes, beerdigt ist. Ihr und ihres Gatten Salon (sie war seit 1806 Wittwe des Banquiers Samuel Salomon Levy), der sich den bedeutendsten ihrer Zeit öffnete, genoß eines weit über Berlin verbreiteten Rufs. Mozart (Mai 1789) und Beethoven (1796) entzückten dort die Hörer durch ihr Spiel und auch Frau von Schiller war demselben nicht fern geblieben. Die älteren Berliner werden fich der intereffanten Frau erinnern, welche durch Stiftungen nach ihrem Tode, nur ihren im Leben geübten Edelsinn fortgesetzt hatte; sie war, gleich ihrem Bater, sehr wohlthätig. Unter den berühmten Männern, welche dort ruhen, wäre unter anderen noch der Mathematiker Meyer Hirsch zu nennen, welcher vor 30 Jahren in Geistesnacht starb, weil man ihm jede Staatsanstellung grundsätzlich verweigert hatte. Der neue Friedhof der jüdischen Gemeinde auf der Feldmark Weißensee erregt ein ganz besonders architektonisches Jntereffe, weil die Anlage in ihrer Art die erste ist. Der Plan ist aus einer Preiskonkurrenz hervorgegangen und rührt vom Baumeister Licht her. Tie Hauptgruppirung der einzelnen Gebäude ist derart, daß zwei größere Bauten durch einen Arkadengang verbunden sind, von deffen Mitte aus senkrecht ein zweiter Arkadengang in die Kapelle führt. Die ganze Anlage zeigt ttotz großer Einfachheit ein sehr anmuthiges Bild, und die schöne architektonische Wirkung wird durch den Umstand noch erhöht, daß der ganze Bau im Blockverband dem mittelalterlichen Stile gemäß hergestellt ist. In den Friedhof führt eine Doppel-Einfahrt für Wagen der Leidtragenden und zwei Eingänge für Fußgänger, während für den Transport der Leichen eine besondere Einfahrt vorhanden ist. Die Leichenhalle gewährt Platz für 16 Särge, sie ist mit dem Dessau nach Berlin gewandert kam. Auch sein Schwiegerdarunter befindlichen Raume durch einen Fahrstuhl verbunden von ist sein Bruder Wilhelm bestattet, der Astronom und Mathemattker, der im Verein mit Mädler bedeutende Werke schrieb. Ihm gegenüber liegt der älteste Bruder, der Componist. In Paris 1864 gestorben, wurde die Leiche nach Berlin gebracht, denn unter den Seinen, neben der Mutter, wollte Meyerbeer bestattet sein. An der nächsten Mauer befindet fich der Name Mendelssohn. Dort ruht Joseph, der älteste Sohn von Moses Mendelssohn. Mit seinem Bruder, dem Vater von Felix Mendelsson-Bartholdy, gründete er das berühmte Bankgeschäft und war auch als Schriftsteller thättg. Der Fabrikant Liebermann,! dem die Verbreitung des Kattuns in Preußen, und der! Kaufmann Lipmann Wulf, dem eine herrliche Stiftung für arme Bräute zu danken ist, schlafen ziemlich in der Nähe. Geht man dann weiter, tiefer in die Gänge hinein, fällt der; Name Louis Traube auf. Der berühmte Arzt, der so Manchem Genesung brachte, ist vor wenigen Jahren gestorben. Unter jenem Hügelschläft Theodor Heymann, der als Buchhändler Rühmliches geleistet, und in jenem Grabe, mit den schönsten Blumen geschmückt, ruht Bernhard Wolff, der Begründer des Telegraphenbureaus und Besitzer der „National-Zeitung". In diesen beiden Schöpfungen, welche die Summe seiner angespannten, unermüdlichen jThätigkeit umfaßen, hat er seinem Namen in der Geschichte der deutschen Zeitungspresse ein dauerndes Denkmal gesetzt. Sein Freund Bernhard Oppenheim, der treffliche Schriftsteller, ist ihm bald im Tode gefolgt und liegt nicht weit von ihm. Gleich hinter der Gebethalle ist die „Ehrenreihe." Moritz Reichenheim, der Stifter des Waisenhauses am Weinbergsweg, eröffnet dieselbe. Ihm schließen Baruch Auerbach, der das Waisenhaus in der Oranienburger Straße gegründet, der Buchhändler Moritz Beit und die Rabbiner Holdheim, Geiger und Aub sich an. Fast mitten auf dem Friedhof liegen Zwei, die am 18. März 1848 gefallen sind, und dicht daneben wurde acht Opfern der letzten Kriege die Gruft bereuet. Nach dem neunten September, wenn nur noch Wenige auf diesem Friedhof bestattet werden, wird es dort still und stiller. So still und einsam wie auf dem alten jüdischen Friedhof, den man durch ein Haus in der großen Hamburger Straße betritt. Als jener geöffnet war, wurde dieser geschloffen: ein kleiner, schattenreicher, von Käfern und Libellen umschwirrter Platz. Der älteste Stein zeigt die Jahreszahl 1672. In diese Erde wurden die Vertriebenen gesenkt, die vor zweihundert Jahren Wien und die österreichischen Erblande verlaffen mußten. Der große Kurfürst gewährte ihnen ein neues Heim. Fast inmitten des Friedhofs wurde ihnen das letzte Heim bereitet, und berühmte Männer liegen wie im Kreise um sie herum. Da ruht Moses Mendelssohn nebst seinem Lehrer Rabbi Fränkel, dem zu Liebe er von