Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1880)
- Date
- 1880-09-21
- Page
- Seite 603 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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603 constatiren, daß gen. Werk unsere großen Erwartungen noch! weit übertroffen. Die Compositionen find durchgehends in! schönem, würdigem Stile verfaßt und erheben das Gemüth zu weihevoller Andacht. Besonders anerkennenswerth ist die geschmackvolle, feinsinnige Harmonisirung unsrer traditionellen Melodien nach modernen Kunstgesetzen, und unverkennbar ist das tiefe Eindringen des Componisten in den Geist unserer alten Gesänge mit deren eigenthümlichem Tonsystem, wie auch in die Schule der classischen Musik, die der Verfasser zur Richtschnur genommen. Wüßten wir nicht, daß jeder einzelne dieser Gesänge im jüdischen Boden wurzelt, so würden wir sagen, es ist der erhabene Eindruck Bach'scher und Händel'scher Musik, der hier auf uns einwirkt. Mit Erfolg anwendbar ist jede einzelne Nummer dieses Werkes, und was das bedeuten will, werden alle diejenigen zu würdigen wissen, denen die Pflege des musikalischen Theils unseres Gottesdienstes anvertraut ist; das Ganze aber bildet eine Liturgie, die wir unbedingt als mustergiltig bezeichnen müssen. Freilich find nicht alle Piecen von gleichem Werthe: man merkt deutlich die stufenweise Entwickelung des Componisten, die sich innerhalb seiner 35jährigen Thätigkeit vollzogen, und selbst der Verfaffer scheint dies in seiner Vorrede andeuten zu wollen, indem er erklärt, eine strengere Sichtung der Gesänge nicht vorgenommen zu haben, weil sie nun einmal durch langjährigen Gebrauch der gewohnte und liebgewordene Ausdruck der Erbauung seiner Gemeinde ist. Jndeß keine einzige Nummer der Sammlung, der frühesten Periode angehörig, streikt auch nur das Gebiet des Profanen und Trivialen, und somit verdanken wir dem hoch begabten Verfasser ein Werk, das ganz dazu geeignet ist, auf die Hebung und Veredlung des Synagogen-Gesanges segensreich einzuwirken. Wir erlauben uns einige dieser Gesänge besonders hervorzuheben, weil sie nach einer bisher wenig gepflegten, doch allgemein anzuempfehlenden Richtung hin einen merklichen Fortschritt unsrer derzeitigen Synagogen-Musik bezeichnen und sind uns hierbei der Zustimmung unsrer geehrten Berussgen offen im Voraus bewußt, von denen sich bereits viele überaus günstig über dieses neue Product geäußert haben, nämlich: Adon Olam 22 a, b, c, Nr. 40 und 41; 48 — 51, der Wechselgesang Nr. 50, bei dem die Stellen vielleicht noch wirksamer durch einen Männerchor oder durch die Gemeinde executirt würden, ferner Tal. 61 — incl. 66. und die Nr. 70, 79, 86, 97, 98, 103, 104, 105, 109, 110, 111, 118. So danken wir denn dem hochgeehrten Herrn Collcgen für sein treffliches Werk, mögen seine „Breslauer Synagogen- Gesänge" den wohlverdienten Ehrenplatz in unserer Synagoge finden und die weite Verbreitung dieses vorzüglichen Werkes dem treuen, wackeren Arbeiter Veranlasiung geben, später seine anderen Compositionen zu veröffentlichen, von denen wohl ein großer Theil wegen des zu niedrig angesetzen Preises (15 Mark) Zurückbleiben mußte. Unsere Anerkennung können wir zum Schluffe auch der Verlagshandlung Breitkopf & Härtel in Leipzig nicht versagen, die — was die Ausstattung des Werkes betrifft — wiederum; ihren alten Ruf bewährt hat. Cantor A. Baer. Ieuilleton. Die jü-ischen Friedhöfe in Serliu. Die am 9ten stattgefundene Einweihung des neuen jüdischen Friedhofes bei Weißensee giebt den Berliner Blättern Veranlaffung, einen Blick auf den nunmehr geschlossenen Friedhof, dem schon ein anderer, „der alte Friedhof", voranging, zu werfen. Wir entnehmen einen solchen der „Nat. Ztg." Auf der weiten Stätte, unter Bäumen und reich mit Blumen geschmückt, ist Hügel an Hügel, Stein an Stein. Wenn der Zug des Todes jetzt an diesen Friedhof kommt, werden nur noch Wenige dort Einlaß finden. Nur wer sich im Leben ein Plätzchen „reservirte", oder ein Erbbegräbniß besitzt, wird noch in jener Erde gebettet. Die andern müffen weiter, nach Weißensee hinaus, denn der Friedhof vor dem Schönhauser Thor ist „voll" und wird am neunten September geschloffen. Bor dreiundsünfzig Jahren wurde diese Pforte den ersten Todten geöffnet. Die Namen an den Steinen find den Seiten eines Stammbuches gleich. Diese und jene Seite wird nur flüchtig betrachtet, während ein Blick auf die nächste Seite die Erinnerung an edle Thaten weckt. An der Mauer, die sich zur Linken der Bethalle erstreckt, ruht Israel Jacobson. König Jerome ernannte ihn zum Präsidenten des Consistoriums, welches die bürgerlichen und religiösen Angelegenheiten der Juden ordnen sollte. Bis zu seinem Tode 1828 hat Jacobson für seine Glaubensbrüder gewirkt; ihm ist die Verbesserung des Schul- und gottesdienstlichen Wesens, die Abschaffung des Leibzolls in einigen Gegenden und die Stiftung des Waisenhauses in Seesen am Harz zu danken. In seiner Nähe schläft Meon Burg, Artilleriemajor und Lehrer an der Kriegsschule, 1855 gestorben, bewahrten ihm seine Schüler die größte Dankbarkeit. Er war der einzige Israelit, der cs zu dieser Stellung im Heere brachte. Treu seinem Glauben, verweigerte er den Uebertritt zum Christenthume, als ihm unter dieser Bedingung eine höhere Stellung geboten wurde. Unfern davon ist das Erbbegräbniß der Familie Beer. Eine Tafel in der Mitte erinnert an Michael Beer, den Dichter des „Struensee," der in München begraben liegt. Links da- 38*