Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-09-21 · Heft 38 (21.9.1880) · p. Seite 597

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 38 (21.9.1880)
Date
1880-09-21
Page
Seite 597 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227285-3227324--38351-3307578
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

597 kennen, so schlagen Sie doch, wenn Sie im „alten Testament" nicht bewandert sind, eine Concordanz dazu unter dem Worte „Gnade" auf und überzeugen Sie sich davon, ehe Sie wieder Shakespeare in Ihrer Claffe tractiren, wie vielmal das Wort darin vorkommt und sagen sie dann, ob das Judenthum aus das Christenthum zu warten hatte, um die „Art" oder besser; die Kraft der „Gnade" kennen zu lernen. Nicht Shakespeares! Schuld ist es, wenn Sie und andere Commentatoren vor Ihnen eine solche bodenlose Behauptung aussprechen: er hat ihr ja selbst dadurch oorzubeugen gesucht, sollte man meinen, indem er seine Portia als einen zweiten Daniel bezeichnen läßt, was sich wohl nicht allein aus den Scharfsinn dieses Propheten beziehen soll, sondern überhaupt als Hinweisung aufs „alte Testament", aus dem auch ihre Reden geschöpft sind, gedeutet werden muß. Uebrigens hat schon Touce aus das Buch Sirach XXXV. 20 als den Ursprung des Bildes vom Regen hingewiesen, und wenn Sir William Blackstonc zu der folgenden Stelle ..we do pray i’ov mercy“ die wunderbare Bemerkung gemacht hat, sic sei außer Platz als an einen Juden gerichtet und man glaube, Shakespeare habe dabei „unmittelbar an das Vaterunser gedacht", so hat ein anderer Erläuterer auch für diese Stelle, in freilich ganz nnnöthiger Weise, auf dasselbe apokryphische Buch XXVI hingewiesen. Sie sehen also, Herr Dr. Behne, auch Ihre Hermeneutik steht nur auf schwachen Füßen, d. h. Sie kennen nicht einmal die dazu gehörige Literatur in ihrer Vollständigkeit. Doch dies ist nur eine Kleinigkeit gegenüber dem Hauptfehler, den Sie sich zu Schulden kommen lassen, indem Sie Shakespeare so falsch behandeln. Wie ein König über den Parteien steht, so erhebt sich auch jeder große Dichter über die beengenden Glaubenssätze, die nur zu Spaltungen unter den! Menschen führen, in die höhere und reinere Region der Hu-; manität, oder derjenigen Lehren, die allen wahren Religionen gemeinsam sind. Solche Lehren sollten Sie aus Shakespeare schöpfen und er bietet sie in Fülle; nicht aber auch ihn dazu herabziehen, Borurtheile fortzupflanzen und schon die Jugend damit zu instciren. Was nüut es unter solchen Umständen, daß es gerade der Dichter des „Nathan" war, der Lehrer der reinsten Humanität, welcher Shakespeare's wahre Bedeutung zuerst gewürdigt und die Deutschen mit diesem großen Dichter bekannt gemacht hat? Er aber, ebenso wenig wie Lessing, steht nicht auf christlichem Standpunkte, sondern aus dem des alttestamentlichen Propheten und beide predigen, wie alle großen Dichter, dessen Worte: „Wie? Ist nicht Ein Vater uns Allen? Hat nicht Ein Gott uns erschaffen? Warum sind wir treulos, der Mann gegen seinen Bruder, zu entweihen den Bund unserer Väter? (Mal. II. lo.) ‘X'vi l i i m cj >1 iac h z t c l| lc 11. Deutschland. Berlin, den Sept. «Privatmilth.) Es gewährte einiges Interesse, vor dem eben beendeten Feste einen Blick in den Jnseratentheil der hiesigen Tagesblätter, z. B. vom 5. Sept. o. Beil, zur „Boß. Zeitg." zu werfen, wo in einer Reihe von Annoncen die verschiedenen „Festgottesdienste", ihre Anfangszeit und die Namen ihrer Prediger angezeigt wurden. Die „jüdische Gemeinde" mit ihren drei Synagogen, der „alten, neuen und Kaiserstraßen-Synagoge", wo die beiden Rabbinats-Affefforen Dr. Ungerleider und Frankl und der! Rabbinats-Candidat Dr. Bärwald predigten; die jüdische! Reformgemeinde (ohne Nennung der Prediger), die Gemeinde! Schachare Hattob, Prediger Dr. Meyer, die Gemeinde Aha-! batb Schalom, die Gemeinde Adath Jeschurun; außerdem; werden angezeigt: Gottesdienst im Hotel Imperial, Predigers Rabbinats-Candidat Singer und Dr. Meyer, im Hotel de Saxe, im großen Saale der Gesellschaft der Freunde, im Concerthause Dr. Joel, City-Hotel, im großen Saale Wallnertheaterstraße 15, Prediger Dr. Stein, im Saale der Reichshallen, Prediger Dr. Janowitz, in der Sing-Akademie, Rabbiner Dr. Nascher, und endlich der „Louisenstädtische Brüderverein Ahabath Reim", Prediger Dr. Teutfchländcr. Außer diesen 16 höchst zahlreich besuchten Gottesdiensten finden noch viele statt, die es nicht für nothwendig hielten, zu annoncircn, und Minjanim in den verschiedensten Stadtheilen. Freilich wäre es zu wünschen, daß das religiöse Bedürsniß alle Zeiten des Jahres so lebhaft wäre — allein auch diesen Thatsachen gegenüber, wie steht es in Wirklichkeit um die Religionslosigkeit, welche die pietistischen und ultramontanen Blätter und Braudschriften den modernen Juden vorwerfen? Das Thatsächliche liegt hier nicht allein in dem Herbeiströmen der Andächtigen, sondern auch in den sehr bedeutenden Geldopfern, welche diese „Gottesdienste" allen Thcilnehmern kosten. Wir wollen nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, und nicht einen vergleichenden Blick auf andere Confessivnen werfen! Berlin, 9. Sept. Tie heute früh stattgefundene Einweihung des neuen Friedhofes der hiesigen israelitischen Gemeinde gestaltete sich zu einer würdigen und erhebenden Feier. Etwa zweihundert geladene Personen hatten sich dazu eingefunden: die Vorstände der Gemeinde, ihre angesehensten Mitglieder, Vertreter der Stadt und der Bürger-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.