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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-09-21 · Heft 38 (21.9.1880) · p. Seite 596

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 38 (21.9.1880)
Date
1880-09-21
Page
Seite 596 (sequence 4)
Language
German
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596 Handeln der Hauptpersonen von einer Consequenz zur andern geführt und enfaltet in der vorstehenden Scene allmählig die fürchterliche Vergeltung, die Antonio für die dem Juden so häufig bewiesene, allzu rücksichtslose Mißachtung über sich gebracht hat. Diese Härte in der dem bewiesenen Verachtung sorgt gewissermaßen dafür, daß Antonio mit seinem im Uebrigen so makellosen, ja königlichen Charakter uns nicht als unerreichbarer Halbgott erscheint, sondern bei aller sittlichen Hoheit aus dem Rahmen des mit Schwächen behafteten Menschen nicht herausgeht und damit unserer innigen Theilnahme für seine Person, unserer Liebe und Bewunderung für ihn um so näher tritt." Freilich aber fügt er hinzu: „Wie aber Antonio in seinem Unglück nicht einen Augenblick die Hoheit seines Seelenadels verleugnet, so erfüllt uns Sbylock, für desien Geiz, Neid und Haß wir nur ein Gefühl der Verachtung haben, durch seine in unglaublicher Härte und Gefühllosigkeit sich kundgebende Schadenfreude mit dem tiefsten Abscheu, ja mit Entsetzen." Was hilft alles Polemisiren gegen vorgefaßte Meinungen? Wie viel ist schon über dieses Thema geschrieben worden, wie schön hat u. A. Henry Franklin in einer Programmschrift der Frankfurter Handelsschule sich über den „Kaufmann von Venedig" und spcciell über desien jüdischen Helden geäußert! Ebenso habe ich selbst in einem in Moltkes Shakespeare-Museum B. I Nr. 17—20, 1874 aus dem Jewish Chronicle abgedruckten Artikel darauf hingewiesen, wie viel grausamer der „ritterliche Zweikampf" sei, in welchem für die geringfügigste Beleidigung noch heute nicht blos „ein Pfund Fleisch", sondern das ganze Leben des Beleidigers gefordert und nur zu oft geopfert wird. Was hilfts? Ein einmal eingewurzeltes Borurthcil bleibt eben fest sitzen und erhebt hydraartig sein Haupt immer wieder von neuem, auch wenn man ihm noch so viele abgehauen hat. Andrerseits freilich habe ich es auch schon au anderer Stelle beklagt, daß jede neue Ausführung des Stückes dieses Voruriheil nur von neuem nährt, da der äußere Schein bei der lebhaften Darstellung allerdings stark dazu geeignet ist, Shplock in das ungünstigste Licht zu stellen und gegen ihn und mit ihm leider, wie stets, gegen die Juden überhaupt einznnehmen. Wie dem aber auch sei, so muß man sich doch gegen die Verpflanzung solches Borurtheils in die Schule hinein entschieden verwahren. Ist der Lehrer selbst davon besangen, so wähle er doch lieber ein anderes Drama des Dichters, als gerade das mehrfach genannte, oder man könnte den Verdacht hegen, er gehe absichtlich darauf aus, Haß und Zwiespalt in seiner Klasse zu säen. Herr vr. Behne verbreitet sich über die Rede der Portia, welche mit den Worten beginnt (ich citire die Schlegel'sche Hebers.): „Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang", und beruft sich dabei auf einen neueren Commentator Shakespeare's (wohl den sel. Prof. Flathe (?)), welcher gesagt: „Wenn alle Urkunden des Christenthums verloren gegangen lvären, aus Portias Reden könnte man sie wieder Herstellen." Weiterhin heißt es in seinem Artikel (p. 82): „In der nun folgenden schönen Schlußanwendung, in welcher Portia mit den Worten „none of US sliould see salvation“ einen Fundamcntalsatz des christlichen Glaubens in den Vordergrund stellt, haben wir bei dem Worte mercy an „Vergebung" zu denken, indem mit Recht von Commentatoren des Dichters daran erinnert wird, daß Portia hier die Bitte um Vergebung im Vater- Unser im Sinne habe." Endlich heißt es gegen den Schluß des Artikels: „Die letzten Worte der Portia sind groß und bedeutungsvoll: obwohl der Jude in Folge des vom Kaufmann nicht eingehaltenen Termins der Bezahlung der entlehnten Summe in seinem, dem Wortlaute des Contractcs nach, unbezweifelten Rechte, ungeachtet aller darin beruhenden Härte und Grausamkeit — so thront doch hoch über allem menschlichen Recht und menschlicher Gerechtigkeit, die nach des Juden Anschauung ihre Garantie hat am alttestamentlichen Gesetz, das da fordert Aug um Aug und Zahn um Zahn, die von dem höchsten aller Gesetze Himmels und der Erde, der Liebe, geforderte Gnade, Vergebung, die die Rache nicht kennt." Weit gefehlt, Herr 1>r. Behne. Alles was über diesen Punkt geschrieben worden, ist für Sie also nicht vorhanden. War ein jüdischer Schüler unter Ihren Zuhörern, als Sie diese Erläuterung vortrugen und hätte er den Muth gehabt. Ihnen zu widersprechen, er hätte Sie ohne besondere Kenntniß des Judenthums — schon aus seinem alltäglichen Gebetbuche eines Andern belehren können. Er hätte Ihnen blos die 18 Attribute Gottes, welche Moses nach dem Vorfälle mit dem goldenen Kalbe angerufen, um Vergebung für das Volk zu erwirken, und welche Ihr Schüler aus der Liturgie jedenfalls kennen mußte, entgcgenzuhalten brauchen, um Ihre grundfalsche Behauptung zu widerlegen. Wenn Sie die Stelle nicht kennen, so schlagen sie gefälligst Exodus 84. 6. 7. nach, und Sie werden das Wort„ Gnade" zweimal, das Wort „Gerechtigkeit" aber nicht einmal finden. Und diese „Eigenschaften" Gottes werden den Juden nicht etwa blos ohne Nutzanwendung als solche ciugevrägt, sondern schon von den Alten, wie nicht minder in jedem Religionsbuche, zur Aneignung und Nachahmung empfohlen. Die Liturgie aber, namentlich an den sogenannten Gerichtstagen, dem Neujahrs¬ und Versöhuungsfeste, wiederholt es fast auf jeder Seite, daß wir ohne „Gnade" nicht' vor dem Schöpfer bestehen könnten und erfleht diese von ihm, ihn bittend, sie statt der „Gerechtigkeit" walten zu lassen. Und wie wir heute noch, so hat Shylock, hätte es einen solchen je gegeben, an jenen Tagen zu Golt gebetet und mußte „die Art der Gnade" kennen, ehe Portia sie ihn lehrte. Da man Ihnen, als Christ, indessen nicht zuniuthcn kann, die jüdische Liturgie zu

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