Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1880)
- Date
- 1880-09-21
- Page
- Seite 595 (sequence 3)
- Language
- German
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aus dem übrigen Deutschland) hat überhaupt eine nennenswerthe Einwanderung der Juden nicht stattgefunden. 4) Die Einwanderung, welche in den Ostprovinzen des Staats stattfindet, ist überhaupt viel unerheblicher, als diejenige in die Westprovinzen, und auch an dieser schwachen Einwanderung sind die Juden in irgend welchem erheblichen oder unverhältnißmäßigen Grade nicht betheiligt. 5) Soweit sich die Juden etwas stärker vermehren als die Gesammtbevölkerung, wird dieser Unterschied lediglich durch die etwas geringere Sterbeziffer der Juden bedingt." Die Wichtigkeit der Broschüre und das Verdienst ihres Verfaffcrs leuchten hieraus ein. Er hat durchaus nur die amtliche Statistik zu Grunde gelegt, und sein Nachweis erstreckt sich auf die Zeit von 1622 bis 1871. Es resultirt, daß die Auswanderung der Juden stärker gewesen ist als die Einwanderung, sodaß durch die Mehrauswanderung die Gesammtbevölkerung je die 66ste Seele, die jüdische je die 6te verloren hat. Im mittleren Durchschnitt hat die Gesammtbevölkerrrng pro Periode etwa 1/0°/0 ihres jeweiligen Bestandes, die jüdische in gleicher Weise lV/Zo durch Mehr auswanderung verloren. Seitdem den Juden (1847) die völlige Freizügigkeit innerhalb des preußischen Staates gewährt worden, hat sich eine bedeutende Wanderbewegung der jüdischen Bevölkerung innerhalb Preußens eingestellt. So hat die jüdische Bevölkerung der Provinz Posen vom Ende des Jahres 1834 bis ebendahin 1871 durch Mehrauswandcrung 49,205 Seelen verloren, so daß sie 1871 nur «11,982 Seelen betrug statt 111,187. Hieraus schon erklärt sich, daß einzelne Landschaften und Städte, wie Berlin, eine rapide Zunahme der jüdischen Bevölkerung ausweisen. Im Ganzen aber verließen 37,000 Juden den preußischen Staat, die mit dem großen Strome der allgemeinen Auswanderung nach Amerika gegangen sind. (Sind doch in demselben 3! jährigen Zeitraum (l840—1871) ca. 25,090 Juden aus Bayern ausgewandert.) Dieser Auswanderung steht von 1841—1871 eine Einwanderung in Preußen von ca. 3250 jüdischen Einwanderern gegenüber, und zwar, was die drei Ostprovinzen betrifft, in Preußen mit 180, Schlesien 250, Posen 300 jüdischen Einwanderern. Ein zweiter Beweis wird durch die Geringfügigkeit der in nicbtpreußischen Staaten geborenen, in Preußen theils angesiedelien, theils ohne ihre auswärtige Staatsangehörigkeit aufzugeben sich aufhaltenden Personen gegeben, wo sich dann das überraschende Resultat hcrausstellt, daß die Zahl dieser Fremden in Rheinland und Westfalen bedeutend größer ist als in den drei östlichen Provinzen Preußen, Posen und Schlesien, und wiederum ist der Antheil der Juden an diesen Fremdbürtigen nach ihrem numerischen Verhältniß ein geringerer als der der christlichen Bevölkerung. Somit ist diese Fabel in das vollste Licht gestellt und alle die Folgerungen, welche die Judenhetzer aus der „niassenhaften Einwanderung der Juden über die Ostgrenzen" gezogen haben, alle Furcht und Schrecken, die sie damit dem deutschen Volke einstößen wollten, lösen sich in den Nebeldunst der Bosheit und Lüge auf. Möchten doch alle wahrheitsliebenden Publicisten einen Act der Gerechtigkeit dadurch vollziehen, daß sie auf Grund der Untersuchungen, die in dieser Broschüre angestellt worden, das Resultat zur allgemeinen Kenntniß bringen. Wird doch hierdurch der Credit jener fanatischen Verfolger auch für ihre anderen Behauptungen schwinden! Leipzig, 8. September Shakespeare m -er Schule von Di-. Z>a»id Ashcr. In dem soeben erschienenen Hefte des „Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen", herausgegeben von Ludwig Herrig («14. Band 1. Heft, Braunschwcig, Georg Westermann 1880) veröffentlicht ein Herr Di-. H. Behne in Darmstadt einen: „Eine Stunde Shakespcare-Lectüre in der Prima einer Realschule I. Ordnung" überschriebencn Artikel, den zurückzuweisen ich mich gedrungen fühle. Möglich, daß der Verfasser dabei, sowie bei seinem Unterricht in der Schule, ohne jede böse Absicht und in voller Unschuld handelt und wir auch auf ihn, wie auf so viele unserer jetzigen Gegner und Anfeinder, das einst — wie die Sage will — auf uns angewandte Wort anwenden müffen: „Verzeihe! ihm, denn er weiß nicht was er thut". Daß er nicht weiß, soll nun eben hier nachgewiesen werden und zwar zu seiner und anderer ihm ähnlicher Belehrung. Wundern aber muß man sich doch, daß sein eigenes Gefühl, sein pädagogischer Tact — falls er nämlich solchen besitzt — ihn nicht davon abhält, an einer Schule, wie die Darmstädter Realschule I. Ordnung, die doch gewiß von jüdischen Schülern besucht wird, in solcher rücksichtslosen, ihre Gefühle als Juden so verletzenden Weise zu unterrichten. Er giebt nämlich in seinem Artikel eine Probe davon, wie er Shakespeare in der Prima tractirt und wählt dazu — „den Kaufmann von Venedig", und zwar den ersten Auftritt des vierten Aufzugs. Gegen seine philologische Behandlung des Stoffes wäre nun nichts einzuwenden: hier zeigt er sich gutgeschult genug; wohl aber gegen seine moralisirenden Erläuterungen, bei denen er nur seine gänzliche Unkenntniß des Judenthums blosstellt. Er scheint zwar anfangs den etwaigen Vorwurf der Unduldsamkeit von sich abwenden zu wollen, wenn er sagt: „Mit genialer Sicherheit und feinfühliger Seelenkenntniß hat uns der Dichter in der vorhergehenden Scene in Hinblick ans das Denken und ns*