Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1880)
- Date
- 1880-09-14
- Page
- Seite 588 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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588 den Donnerstagen versammeln. Ein armer Mann, der eine Frau und drei oder vier Kinder hat, erhält ungefähr sechs Pence, mit welchen er für den Sabbath auskommen muß. An Freitagen und Sabbathen findet eine Bertheilung von Brod statt, welches in allen jüdischen Häusern gesammelt wird, jede Familie giebt einen Brodkuchen, der soviel wie zwei Stücke englischen Brodes ist. Die Zahl der auf diese Weise unterstützten Armen beträgt ungefähr 6000, die Kinder eingeschlossen. Ferner wird aus derselben Quelle den Kranken Beistand geleistet, aber die Fonds entsprechen nicht den zahlreichen und fortwährenden Anforderungen. Bemerkenswerth ist, daß unter den Juden viel mehr Bettelei stattfindet als bei irgend einem anderen Glauben. Das fortwährende Klopfen an der Thür um Unterstützung ist unter den Muselmännern und Christen unbekannt, da sie viel fleißiger gewöhnt sind. Ohne Zweifel würden die ärmeren Juden, wenn das Unterstütznngscomit^ systematischer verführe, bester sortkommen. Heirathen finden sehr frühzeitig statt. Nicht selten! kommt cs vor, daß die Braut erst zehn Jahr alt ist, aber gewöhnlich heirathen die Mädchen zu zwölf oder vierzehn., Tie Verbindlichkeiten des socialen Lebens find in den jüdischen Familienkreisen in Bagdad unbekannt. Bei der Ankunft eines Besuches eilen die Frauen hinaus und verbergen sich. In Folge dieses Mangels an Geselligkeit bemerkt der Europäer eher die Fehler als die Tugenden seiner orientalischen Umgebungen.! Die Synagoge wird regelmäßig von Allen besucht. Tie Morgengebete werden mit Tagesanbruch gesprochen, der Gottesdienst wird ohne Gesang gehalten, sogar an Sabbathen, und cs herrscht stets Andacht, doch ohne Ordnung. Einige gehen umher beim Gebetsagen, Andere sitzen mit gekreuzten Beinen aus den Bänken, während Kinder umherlaufen und schwatzen. Tie Cohanim sprechen jeden Tag ihre Segenssprüche. Wenn die Leute zur Thora ausgerusen werden, ziehen sie ihre Pantoffeln aus und beim Zurückkehren aus ihre Plätze ziehen sie diese wieder au. Tie Geschenke, die beim Thoralesen gespendet werden, werden zur Erhaltung ocr Synagoge, zum Kausen des Oels für Lichter, und zum Bezahlen des Pedells verwendet. Es giebt 21 Synagogen, alle gleich gebaut. Als ich sie zum ersten Male sah, machten sie aus mich den Eindruck, als wenn der Erbauer plötzlich von seiner Arbeit weggerufen, worden und vergessen habe, wieder zurückzukommen. Tie aus Ziegel erbauten Wände find nackt und unterscheiden sich unvortheilhaft von den jüdischen Gotteshäusern in Europa. Die Bänke sind mit Teppichen bedeckt und keine Pulte oder Halter sind da, um die Gebetbücher daraus zu legen. Alles sieht roh und unvollendet aus. Das Dach ist an vielen Stellen für Licht und Lust offen gelasten und der Regen kommt ungehindert hinein. Der Borbeter erhält kein bestimmtes Gehalt, aber empfängt Gaben aus den Geschenken, die während der Festtage gemacht werden. Der Pedell wird ebenfalls nicht bezahlt, aber erhält die Gaben, die beim Maskir gespendet worden. Trauernde tragen zur Erleuchtung der Synagoge durch Spenden der Lampen und des Oels bei. Es ist Sitte, die vermeintlichen Gräber der Propheten und anderer berühmter Männer zu besuchen und dort Gebete zu sprechen. Die üblichsten Pilgerungen gehen nach den Gräbern von Esra und Ezechiel, von Josua dem Priester und nach dem Scheikh Jsaac. Diese Gräber werden theilweisc durch besondere Beiträge und theilweise durch das Geld von den Pilgern erhalten. Die Gräber von Esra und Ezechiel werden zwischen Peszach und Schabuoth besucht, das Grab von Josua dem Priester jeden Festtag und Rosch Chodesch und das von Scheikh Jsaac einmal im Jahre. Esra's Grab ist eine Tagereise von Bastorah. Ezechiel's Grab befindet sich in Hillah, nahe welchem die berühmten Ruinen von Babylon stehen. Josua der Priester liegt ungefähr eine halbe Stunde von Bagdad und Jsaac der Scheikh ist in Bagdad begraben. Das Grab liegt in der Nähe des Hauses des H. Lurion, des Präsidenten des Comitäs der Alliance- Schule. Tie zwei erstgenannten Gräber werden nicht so häufig wie die andern besucht, weil das Wallfahren dorthin mehr Zeit und Geld erfordert. Drr feierliche Äußug )er Inden zu Prag im Jahre 1716. Wir haben schon öfter daraus aufmerksam gemacht, daß man sich eine falsche Vorstellung von den früheren Jahrhunderten macht, wenn man sich das Leben in jener Zeit nur düster, lchwermüthig und beengt vorstcllt. Bedrückungen und Einschränkungen, die uns jetzt unerträglich erscheinen, fand man damals durch die Gewöhnung und wo Alles in abgemestene Schranken durch Gesetz und Sitte gebannt war, nicht auffällig, ja fast natürlich, und innerhalb derselben schuf sich der Volks- Humor und das Bedürfniß des Menschen nach heiteren Mo menten, nach Augenblicken ungezügelter Freudigkeit, einen genügenden Raum. Was an Geislesschwung und Freiheit der Bewegung fehlte, das wurde durch die Buntsarbigkeit, ja Buntscheckigkeit der Erscheinung, der Trachten, des Witzes u. s. w. ersetzt, und es wäre ganz sehlgegriffen, wenn man glaubte, daß sich die Juden damit nicht auch an die Oeffenti getraut hätten. Einen Beleg hierzu liefert uns ein feierlicher Aufzug der Prager Juden im Jahre 1716, besten ausführ-; liche Beschreibung mit sämintlichen Inschriften, Gebeten und