Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1880)
- Date
- 1880-09-14
- Page
- Seite 585 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227323--38338-3307564- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
585 und bei dieser Gelegenheit bemüht sich der Herr Referent sowohl die Ursache dieser Vorkommnisse, als auch die Mittel zu deren Beseitigung ausfindig zu machen. Die Berichte erscheinen geradezu unglaublich und märchenhaft; aber Herr L. will augenblicklich die Wahrheit des Berichteten nicht bestreiten, vielmehr die Frage beantworten: woran liegt es, daß die Juden eine solche Abneigung gegen diese heilige Pflicht, gegen die Wehrpflicht hegen? Er weist zuerst nach, daß in der jüdischen Religionslehre auch nicht! ein Anhaltspunkt für diese gesetzwidrige Handlungsweise vorhanden sei. Ebenso wenig kann dieser Borwurf die Juden überhaupt, als Glieder der jüdischen Nation treffen. Ihnen von vornherein die Eigenthümlichkeit zuzuschreiben, en masse dem Militärdienst sich zu entziehen zu suchen, würde mehr als gewagt sein, da doch ein Blick ins Ausland genügt, um die Nichtigkeit einer solchen Insinuation evident zu beweisen. Man sehe nur nach Deutschland, Oesterreich-Ungarn, den Niederlanden, Italien und Frankreich. Der Verfasser fährt nun fort: Nein, die Nachkommen der Maecabäer sind gegen die werter als Arbeitgeber, und diese alle bleiben, was man auch von jüdischen Schätzen erzählen mag — en masse bettelarm, von der dumpfen Luft versumpft und sowohl physisch als geistig höchst bejammernswerth! Können solche Zustände als normale betrachtet werden? Kann bei solcher Bewandniß in diesen Kreisen eine Begeisterung für die höhere, ideelle Ehre der Baterlandsvertheidiguug tiefe Wurzel schlagen? Wenden wir nun unser Augenmerk von „denjenigen Gegenden, wo die Juden am dichtesten zusammen sitzen, wie namentlich im südwestlichen Gebiet" ab und lenken unsere Blicke auf die baltischen Provinzen, vorzüglich auf Kurland, wo die jüdische Bevölkerung, kraft der bestehenden Gesetze, im Verhältnisse zu derjenigen der westlichen und Weichselgouvernements nicht zahlreich und, in Folge deffen, trotz mancher Einschränkungen, geistig und materiell höher steht: so müssen wir gestehen, daß Gräuelthaten, wie die Starokonstantinowsche hier höchstens zu den allerseltensten gezählt werden können. Eine Uebersicht der der „Kurl. Gouv.-Ztg." angeschlossenen Listen der Personen, die sich bis hiezu der Militärpflicht entmilitärische Ehre nicht unempfindlich, suchen nicht ü tont prix j zogen haben, belehrt, daß die kurischen Juden fast mit glei diese Pflicht zu umgehen, so lange — nun, so lange sie! chem Eifer wie die Christen der Wehrpflicht Nachkommen, nicht durch äußere Verhältnisse zu einer Abnormität herab-! Liefern diese Facta nicht den schlagendsten Beweis dafiir, sinken, resp. so lange ihre geistige und materielle Entwicke-! wie gerade der Umstand, daß „die Juden am dichtesten zulung nicht in „Frage" gestellt wird. ^'ammensitzen" dieses Vergehen verursacht? Leider aber besitzen auch wir in unserem geliebten Vater-! Nach allem bisher Gesagten, würde man wohl zur Erlande eine „Judenfrage", die seit Decennien unsere Elite- > Wartung berechtigt sein, daß beim Ergreifen von Maßregeln wie unsere Afterpublicisten von Zeit zu Zeit in Athem hält.! zur Beseitigung dieses Uebels, vor Allem die Freizügigkeit Es kann nicht hier unsere Aufgabe sein, sämmtliche Phasen! der Juden als probates Mittel empfohlen werden würde; und Momente dieser heiklen „Frage" zu erörtern und wollen i leider aber ist davon in der qu. Zuschrift des „Bereg" keine wir nur das unbestrittene Bestehen derselben constatiren.! Spnr,dagegen wird dort, christlicherseits, ein anderes Mittel, Hat nun der 9. Februar c. den unumstößlichen Beweis ge-> nämlich harte Strafen, wie z. B. Einstecken in Arrestantenliefert, wie die Juden die verschiedenen Wohlthaten, welche > Companien, in Vorschlag gebracht. jenen während der Regierung unseres Huld- und gnaden-! Wir lassen dahin gestellt sein, ob ein solcher Vorschlag reichen, väterlichen Monarchen zu Theil geworden sind, überall! wirklich christlich sein und daher überhaupt von christlizu würdigen wissen, so documentiren nicht minder die aus!cher Seite empfohlen werden kann und wollen nur rückhaltsgepreßter Brust hervordringenden, herzzerreißenden Hilferufe, welche in der jüdisch - russischen Presse ununterbrochen erschallen, — daß sowohl die kulturellen als die materiellen Zustände der Juden in den westlichen wie in den Weichsellos gestehen, daß wir von der Zuverlässigkeit solcher Mittel uns nicht zu überzeugen vermögen. Der Vers, weist nun statt aller theoretischen Argumentation auf die Juden in Ungarn hin, und belegt es mit Do- Gouvernements schwierig und für die Tauer unhaltbar seien, cumenten, wie diese zwanzig Jahre lang ohne bürgerliche Mehr als 3 Millionen Menschen find daselbst in einem Rechte widerwillig der Wehrpflicht genügten, seit ihrer Gleichverhältnißmäßig kleinen Raume zu leben angewiesen. Zudem ist ihnen der Landbesitz ganz und der Staatsdienst zum größten Theil verschlossen. Ja, sogar in commerzieller Hinsicht haben sie manche Einschränkungen zu gewärtigen. In den meisten fast nur von Juden bewohnten Orten, sind weder Elementarnoch Handwerksschulen zu treffen, dagegen aber mehr Angebot als Nachfrage, man könnte fast sagen, mehr Buden als Käufer, mehr halbverhungerte, unwissende Handstellung aber in fast größerer Proportion ins Heer eintreten, als die christliche Bevölkerung. Er schließt mit dem Satze: „Wenn „der Gesalbte Gottes", unser väterlicher Monarch, Allerhöchst dessen Sinn nach der Bibel, von Gott gelenkt wird, wenn unser erhabener Herr und Kaiser, dem wir nächst Gott unsere Existenz zu danken haben, wenn Allerhöchst dieselben uns für würdig finden werden, uns auch nur mit „Freizügigkeit" zu beglücken, dann, oh dann werden, bei den nicht 37