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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-09-14 · Heft 37 (14.9.1880) · p. Seite 579

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 37 (14.9.1880)
Date
1880-09-14
Page
Seite 579 (sequence 3)
Language
German
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579 bilden. Haben wir diese Einheit begriffen und zur vollendeten Darstellung gebracht, so bliebe selbst bei einem sicheren Resultate jene Kritik, ob ein Stück einer frühesten, das andere einer etwas späteren, das dritte einer ganz späten Zeit angehöre, ohne wesentliches Interesse. — Die andere Betrachtungsweise geht auf geschichtlichem Wege, aber nach umgekehrtem Verlaufe zu Werke. So weit wir bis zu den frühesten Quellen unsrer Tradition zurückgehen, und von da zu den letzten Propheten und späteren historischen Büchern der Schrift, wird unverrückbar die Thora als die unantastbare Basis unsres ganzen Religionswesens betrachtet und behandelt: aus ihrem Boden steht man, von ihr geht man überall aus, zu ihr kehrt man zurück, so weit man sich auch entfernt hatte, auf sie stützte mau sich in allen Fragen, in allem Wandel des Lebens. Schreiten wir von da noch weiter zurück, so rinden wir auch bei den älteren Propheten und in den ältesten der geschichtlichen Werke die vielfachsten Andeutungen, daß die in der Thora beschriebenen Institutionen, die cultuellen wie die socialen als vorhanden, als wesentlich in Geltung und Uebung vorausgesetzt sind. So weit also die Kunde vom geschichtlichen Leben unsrer Religion und des sie tragenden Stammes reicht, bildet die Thora das Fundament, die unverrückbare Grundlage. Die mannichfaltigste Entwickelung, die prophetische, die exilistische (in Babel wie in Alexandrien), die traditionelle, die talmudische, die rabbinische, die rcligionsphilosophische, die kabbalistische, die moderne, alle diese Phasen setzen die Thora als ihre einheitliche Grundlage voraus, und zwar so wie sie heute noch existirt, wie sie bis heute uns überliefert worden. An dieser großen geschichtlichen Erscheinung findet nicht der geringste Zweifel statt, sie ist so klar und sicher wie der Sonnenball am unbewölkten Himmel. Unser gesammtes historisches und gegenwärtiges Religionswesen steht also auf der Thora als ihrer Basis, und deshalb kann jenes kritische Spiel, jener kritische Hader keinen wirklichen Einfluß aus unsre religiöse Erkenntniß und Lehre üben. Nicht also ein befangenes Urtheil, ein Mißverständniß wiffenschastlicher Forschung, eine Bertheidigung des Obskurantismus bringen wir hier zum Ausdruck, sondern nur nach einer Klarlegung des richtigen Standpunkts streben wir, falsche Vorstellungen und nachtheilige Ansichten zu zerstreuen. Wir wollen die wirkliche Ausgabe derer feftstellen, welche in unsrem heutigen Israel den Beruf als Lehrer im weitesten Sinne dieses Wortes auf sich nehmen, und die Wege bezeichnen, aus welchen das moderne Heidenthum zu bekämpfen und seinem Eindringen Widerstand zu leisten ist. Und nun zu zw eit. Aus denselben Gründen dürfen wir, wenn wir nicht die Selbstvernichtung anbahnen wollen, unsere Reform nicht von dem Boden abdrängen lassen, auf welchem sie bis jetzt bestanden und fortgeschritten, nämlich von dem historisch gegebenen. Wir dürfen nicht feige darum, weil unsere Gegner als ein Argument ihrer feindseligen Agitation aufführen, daß wir uns trotz der Gleichstellung nicht amalgamirten, sondern „abgeschlossen" hielten, diesen Beweis durch das Aufgeben aller Eigenthümlichkeiten in unseren religiösen Einrichtungen aus dem Wege räumen wollen. Wir wissen es ja hinreichend, daß es diesen unlauteren Hetzern niemals an erfundenen und halbwahren Argumenten fehlen wird, und daß gerade die Refornr einem anderen Theile unserer Feinde einen Grund der Verurtheilung abgiebt, indem sie in ihr die Beseitigung. aller Gottesfurcht und Religiösität finden will. Noch weniger dürfen wir den Uebcreifer einiger jüngeren Rabbiner, namentlich jenseits des Occans, Beachtung schenken, welche alle überlieferten Institutionen beseitigen und sie nach den Tendenzen des Tages modeln wollen. Ta sie selbst die Bedeutung dieser religiösen Institutionen für den Bestand des Judcnthums in ihrer Wirksamkeit auf die Volksseele verloren haben, wagen sic es in der Erhaltung derselben eine „Heuchelei" zu finden, während man ihnen selbst doch nur religiöse Leichtfertigkeit zuschreibcn kann. Es entgeht ihnen, daß mit der Beseitigung gewisser Formen auch der ganze gedankliche Inhalt und der wesentliche Zweck verloren gehen. Wenn sie z. B. in Amerika für die Verlegung des Sabbaths auf den Sonntag agitircn, so bemerkt ein amerikanisches Blatt, daß sie consequenter Weise Rosch-haschanah auf den 1. Januar und Jom- Kippur auf den christlichen Bußtag verlegen müßten uud daß das erstere dadurch zum Kneip-Sylvester und das zweite zu einem Tage gemacht würde, an welchem, wie die öffentlichen Blätter beweisen, Concerte und Tanzvergnügen veranstaltet werden. Der große und erhabene religiöse und sittliche Gedanke, den diese Feste in allen Bekennern des Judeuthums mit unmeßbarer Wirksamkeit wecken und lebendig erhalten, wäre damit aufgegeben. So wenig es in unserer Absicht liegen kann, einer starren Orthodoxie und irgend welcher Stagnation das Wort zu reden, so müssen wir uns doch einem Radikalismus widersetzen, der nur einer einseitigen Tagesströmung huldigt und auf religiösem Gebiete am wenigsten am Platze ist und am verheerendsten wirkt. Auch hier gilt das Gesetz der Entwickelung, das dem bestehenden sein naturgemäßes Gewicht und, so weit in ihm noch Lebenskraft und Wirkungsfähigkcit vorhanden, die volle Berechtigung einräumt. Und hiermit sind wir zu dem zurückgelangt, von wo wir ausgegangen, zur weihevollen und recht innerlichen Feier der hohen Feste, die wir jetzt begehen. 37

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