Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1880)
- Date
- 1880-09-07
- Page
- Seite 564 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227322--38316-3307541- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
564 gründen können, ferner wurde die Heilkunde und Medicin von ihnen auf eine solche Höhe gebracht, daß die Schriften jüdischer und arabischer Aerzte bis ins 16. Jahrhundert hinein als die besten Quellen eifrig studirt wurden. Ebenso berühmt waren die Lehrer der grammatischen Gelehrsamkeit und der Philosophie, welche die Lehren des Aristoteles und des Neuplatonismus mit denen des Islams und Judenthums verband. Vor allen andern alten Schriftstellern übte Aristoteles eine große Anziehungskraft auf die semitischen Gelehrten aus und wurde von ihnen viele Male übersetzt, bearbeitet und erklärt; so ist auch die Kenntniß des Aristoteles dem Abendland zuerst durch diese arabischen Nebersetzungen gekommen. Einen Begriff von der hohen Stufe semitischer Bildung erhält man, wenn man erfährt, daß zur Zeit, als in den Ländern lateinischer Zunge kaum zwei Universitäten bestanden, und zwar ohne Bibliothek, in Spanien allein 70 Bibliotheken und 17 glänzende Lehranstalten der Wissenschaft dienten. Von diesen Schulen ist dann die Pflege der Wissenschaften auf die Geistlichen und Klöster übergegangen, die von da ab die Träger der Bildung wurden, während die Juden den nun kommenden Verfolgungen fast erlagen, ohne ihre Liebe zum Lernen zu verlieren." „Man kann daher wohl mit einigem Rechte behaupten, daß die Semiten für unsere jetzige Cultur und Bildung wesentlich mitgcwirkt haben, und daß gerade durch, ihre Hülfe mancher von den antiken Schriftstellern von dem Untergänge gerettet ist. Durch diese Verdienste haben die Juden sich aber die Dankbarkeit, mindestens die Achtung und Anerkennung der ganzen Menschheit erworben, und wenn in andern Ländern diese Ansicht anfängt sich Bahn zu brechen, so sollte Deutschland darin nicht nachstehcn, wo schon im vorigen Jahrhundert unser großer König sagen konnte: „In meinem Staate kann jeder nach seiner Fa,.wn selig werden." „Diese Auffassung sollte in unserem Jahrhundert, welches sich mit Vorliebe das aufgeklärte und fortgeschrittene nennt, Gemeingut aller Gebildeten und auch des Volkes werden und uns vor finsterem mittelalterlichem Berfolgungssanatismus bewahren." — Das Gegenstück zu diesem Artikel haben wir in vor. Nr. in der beabsichtigten Petition an den Fürsten Bismarck gegeben, und wollen wir nur einige Bemerkungen über dieses die deutsche Nation wahrhaft schändende Schriftstück hier anfügen. Sie ist offenbar nur ein sogenannter Fühler, der losgelaffen wird, um die Stimmung zu erkunden, und wenn sich einige Anknüpfungspunkte finden sollten, daran sich festzusaugen. Tie erste Mittheilung über diese Petition fand sich in der „Lutherischen Kirchenzeitung". Sie geht also vom proteftantisch-pietistischen Lager aus. Ihre Aehnlichkeit mit den Schmähartikeln der „Grenzboten" ist unverkennbar. Die dort gemachten Anträge stimmen mit denen der Petition überein. Also auch dies spricht ganz und gar für die reactionäre Partei als Brutstätte. Bon da aber ging fie zu den Ultramontanen über. Doch wird sie hier mit einer gewissen Reserve ausgenommen. Die viel schlaueren Ultramontanen trauen dem Dinge keinen Erfolg zu. Es drückt sich dies nach der Methode der ultramontanen Presse in der „Germania" (vom 24. Aug.) in einer Correspondenz aus Osnabrück aus. Es heißt daselbst: „Die intendirte antijüdische Petition an den Reichskanzler ist auch an ein hervorragendes Mitglied der deutschhannoverschen Partei zur Unterstützung eingesendet. Wie die „D. B. Z." erfährt, hat der betreffende Herr dahin erwiedert, daß er, wenn er auch vollkommen den Ernst von der Situation theile und die Besorgniß von der dem deutschen Volke drohenden Gefahr für durchaus gerechtfertigt halte, doch die Petition nicht unterzeichnen könne, da er in den vorgeschlagenen Maßregeln eine Heilung der krankhaften Zustände nicht erkennen könne. Nicht durch Repressionsmaßregeln könne die sociale Frage abgewendet werden; denn auch den Juden, wenn sie Lasten und Pflichten tragen sollen, dürfe gerechterweise auch die Theilnahme an den Berechtigungen nicht vorenthalten werden. Die Gefahr liege nicht in den confessionell jüdischen Individuen, sondern vielmehr in dem ungläubigen reformjüdischen Geiste, der auch in den Namenchristen herrsche. Man finde diesen Geist in den Volksvertretungen, er leite durch die Macht des Geldes die innere und äußere Politik, er stelle die Omnipotenz des Staates höher, als göttliches und menschliches Recht, er nutze die dienstbare Presse zu Götzendienst und Erfolganbeterei aus, schließe Verträge, bereit, um fie nicht zu halten, je nachdem solches dem eigenen Bortheil Aussicht auf Erfolg zu bieten scheine." — Dies scheint so gut wie eine Ablehnung, denn daß die „Germania" sich sonst von Gefühlen der Gerechtigkeit gegen die Juden nicht leiten läßt, ist Jedermann bekannt. Was nun die Petition selbst betrifft, so find die Anträge an sich kaum der Rede werth. Die Einwanderung russischer Juden ist ein blos erfundener Vorwand, den jede statistische Erhebung ins rechte Licht stellen wird. Die Börsen- und Banksteuer ist eine allgemeine Maßregel, welche die Juden speciell nichts angeht. Den Antrag auf eine Controls und hohe Besteuerung der Zeitungen werden sich die Herren Conservativen und Ultramontanen noch einmal überlegen, da eine solche ungeheuerliche Maßregel fie so gut wie die Liberalen und die jüdischen Mitarbeiter an Zeitungen treffen würde. Ebenso unpractisch ist die Wahl der Beamten durch diese selbst, um den Eintritt von Juden in Staatsämtern zu verhindern. Jedoch die Hauptsache in diesem, bis jetzt anonym gebliebenen Pamphlet ist die Motivirung, welche Alles