Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1880)
- Date
- 1880-09-07
- Page
- Seite 563 (sequence 3)
- Language
- German
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503 den Juden auch schöne Früchte gezeitigt. Hierhin gehört vor allen Dingen die gewissenhafte Auffassung des vierten Gebotes, von welcher das ganze jüdische Familienleben durchdrungen ist. „Ehre Vater und Mutter" ist der Grundstein des jüdischen Familienlebens, auf dem sich auch das weitere Gemeindeleben aufgebaut hat. Ferner hat sich durch dieses enge Abgeschlosiensein das Gefühl der Zusammengehörigkeit sehr stark entwickelt, was sich namentlich durch Wohlthaten und Unterstützungen gegen ihre Glaubensgenosien bethätigt. Ein bettelnder Jude ist heute noch eine Seltenheit.-')" „In den beiden letzten aufgeführten Puncten, in der Befolgung des vierten Gebotes sowie im Wohlthun, leuchtet das jüdische Volk allen anderen Völkern als nachahmungswerthes Beispiel voran." „Wenn so gezeigt ist, daß die Borwürfe, welche dem Volke der Juden gemacht werden, eigentlich auf die zurückfallen, welche sie ihm machen, so soll schließlich noch ein Punct näher erörtert werden, welcher vielleicht weniger allgemein gewürdigt wird, das sind die Verdienste, welche sich die Semiten — insbesondere Juden und Araber — um die ganze Menschheit erworben haben und die nicht hoch genug angeschlagen werden können, da sie zum Theil die Grundlage unserer heutigen Cultur bilden." „Die Cultur der Semiten ist sehr alt, älter als die Griechenlands, denn nach der Sage ist die Buchstabenschrift den Griechen von den Semiten gebracht. Was speciell die Juden unter den Semiten anlangt, so haben sie von den Aegyptern, dem ältesten Eulturvolke, während ihrer dortigen Sklavenjahre sicher deren Bildung theilweise sich angeeignet, wenigstens wird erzählt, daß ihr Führer Moses zur Zeit des Auszuges in die ägyptischen Mysterien eingeweiht gewesen sei, was wohl für jene Zeit als der Inbegriff alles Wissens aufzufaffen ist. Nachdem die Inden schon zu den Zeiten der Pharaonen Aegypten verlaffen hatten, haben sie auf der von dort mitgenommenen Cultur fleißig und rastlos weitergebaut und es zu einer hohen Stufe der Bildung gebracht, wofür die besten Beweise uns in dem alten Testament und in der Ausbildung der monotheistischen Idee vorliegen; in der Auffassung und Ausbildung religiöser Ideen sind die Semiten überhaupt allen anderen Culturvölkern überlegen gewesen, da sie die ersten und im Alterthum einzigen gewesen sind, die den Glauben an einen einzigen Gott entwickelt und aufrecht erhalten und so dem Christenthum, welches zunächst auch von ihnen ausgegangen ist, eine Stätte bereitet haben. In diesem letzteren Sinne hat namentlich der in Alexandrien lebende Jude Philo sich große Verdienste erworben, in dessen Schriften, welche die jüdische Religion b) Es kann dies wohl nur von Juden, die bei anderen, als bei ihren Glaubensgenosien betreln, gellen. in Verbindung mit den Lehren und Systemen der griechischen Philosophen bringen, wir einen Uebergang vom Judenthum zur christlichen Lehre erblicken können. Diese hohe geistige Bildung haben sich die Juden auch zu erhalten gewußt, so daß ihre Schulen weit und breit berühmt waren, selbst noch nach der Zerstörung von Jerusalem in den schweren Zeiten der nun folgenden Verfolgungen, als sie aufhörten ein Volk zu sein." „Als später das Christenthum anfing, sich über die engeren Grenzen seines Geburtslandes auszudehnen, mußte es, um sich den neuen Verhältnissen anzupassen, nothwendigerweise eine Wandlung erfahren. Die reine einfache Lehre vom Reiche Gottes auf Erden, wie Christus und die Apostel sic gepredigt hatten, war nicht geeignet, Eingang weder bei den entarteten Griechen und Römern noch bei den rohen Barbaren zu finden. Die ersteren bedurften eines Ersatzes der alten Mythen sowie einer strengen hierarchischen Zucht, die letzteren konnten nur durch äußern Pomp und Prunk des Gottesdienstes und durch eine unbeschränkte Gewalt des Priesterstandes für die neue Religion gewonnen werden." „Diesen Forderungen wurde man gerecht in der Verehrung der Heiligen, der Einführung eines herrschenden streng geschiedenen und gegliederten Priesterstandes sowie in der Ausschmückung der Kirchen, in welchen bald auch eine äußerliche, prunkhafte Gottesvcrehrung Platz griff. Eine der wichtigsten Folgen dieses veränderten Christenthums ist die bis dahin unbekannte Verfolgung anderer Meinungen, welche bald mit einer Härte und Grausamkeit ausgeübt wurde, daß das römische Reich darunter mehr zu leiden hatte, als durch die fortwährenden Kriege; vor allem zerrissen das Reich die Streitigkeiten zwischen den Arianern und Athanasiancrn. Selbstverständlich richtete sich dieser Berfolgungsgeist auch gegen das Heidenthum und zerstörte in seinem Fanatismus auch alles Schöne und Große, was mit demselben in Verbindung stand; so gingen viele Erzeugnisse der antiken Kunst und Wissenschaft zu Grunde, überhaupt wurde alles, was nicht dem unmittelbaren Dienst der Kirche nutzbar gemacht werden konnte, als unnöthig und überflüssig über Bord geworfen. In dieser Zeit tiefer geistiger Versunkenheit waren es die Semiten, Araber und die bei ihnen Schutz findenden Juden, welche das geistige Erbtheil der Griechen und Römer antraten und würdig verwalteten. Ihre Schulen, welche besonders in Asien und später in Spanien zur höchsten Blüthe gelangt sind, pflegten und erweiterten die Errungenschaften griechischer und römischer Philosophen, sowie ägyptischer und griechischer Mathematiker und Astronomen." j „Bon ihnen wurde zuerst die Länge des Jahres bis I auf wenige Secunden genau berechnet sowie die Tafeln der Bewegungen der Himmelskörper festgestellt, ohne welche Kepler und Newton nicht hätten die neuere Astronomie be- 36*