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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-09-07 · Heft 36 (7.9.1880) · p. Seite 562

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 36 (7.9.1880)
Date
1880-09-07
Page
Seite 562 (sequence 2)
Language
German
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562 scbreitungcn aufrecht erhalten; auch ließe sich ja dagegen anführen, daß dasselbe Volk den Heiland hat erstehen laßen." „Was wirst man den Juden dann aber vor?" „Daß sie einen Staat im Staate bilden und daß sie sich eines großen Theils des Handels bemächtigt hätten, daß sie vor allen Dingen den Geldmarkt beherrschen. Beide Borwürfe enthalten allerdings viel Wahrheit, aber wer anders als die Christen selbst hat die Juden zu dem gemacht, was sie heute find?" „Wenn sie durch Fleiß und Sparsamkeit, durch Intelligenz und Unternehmungsgeist in der Lage sind, den Handel zu beherrschen, so ist der Grund davon lediglich darin zu suchen, daß die Juden stüher einzig und allein auf den Handel und die Industrie als einzige Erwerbsquellen beschränkt waren zu einer Zeit, als man die Beschäftigung hiermit für wenig ehrenvoll hielt. Die Folge davon war natürlich, daß sie den Christen, als das Boruriheil gegen Handel und Industrie schwand, in diesen Ertverbszweigen an Kenntnissen und Praxis weit überlegen waren, welche Ueberlegenheit sic bis auf den heutigen Tag sich zu erhallen bemüht sind.')" „Was nun den Staat im Staate anlangt, den die Juden bilden sollen, so ist in ihrer Gemeindeordnung und in ihrem Zusammenleben wohl keine größere Abgeschlossenheit und Selbständigkeit zu erblicken, als sie jeder andern nicht der allgemeinen Landeskirche angehörigen Religionsgenosienschaft auch zugestanden ist, und zu politischen Zwecken nutzen die Juden ihre enge Bereinigung und ihren großen Zusammenhang nicht aus, wenigstens hat man bis jetzt noch nie etwas von einer jüdischen Fraction gehört." „Daß die Juden noch heute abgeschlosien für sich sind und daß man einem Theile von ihnen mit Recht vorwerfen kann, sie seien Cosmopoliten ohne Liebe zu ihrem Baterlande, die sich überall da wohl fühlten, wo es ihnen gut gehe, dafür sind die Gründe und Ursachen ebenfalls wieder bei den Christen zu suchen; denn wenn ein Volk ausgestoßen - aus aller andern Gesellschaft in enge Quartiere zusammengepfercht wird, ohne jedes Recht im Staat oder in der Bürgerschaft, nur mit Pflichten beladen, so kann man sicb wohl nicht wundern, daß dieses Volk streng abgeschlosien 1) Daß die Juden den größten Theil des Handels mit ..lieberlegenhcit" sich bemächtigt hauen, ist ein Borurtheil, von welchem sich einsichtsvolle Männer nachgerade freimachen sollten. In einzelnen haldcivtlisirten Staaten wie Marokko und an einzelnen Ortschaften mag cs der Fall sein: in den Culturstaaren kann keine Rede davon sein. England, Holland, Frankreich, Jiolien, Amerika haben für ihren Welthandel niemals der Juden bedurft. Daßdie deutsche Industrie und der deutsche Handel nicht in den Händen der Juden sti, dafür kann Jedermann auf den Wellausstellungen sowie auf jeder Provinzialausstellung sich vollständig überzeugen, noch dazu da jede g'övere industrielle Anstalt ihren Export unmittelbar und ihren Binnenabsatz durch ihre Agenten und Reisende besorgt. Bielniehr sind die Juden auf den Kleinhandel und auch hier nur auf einzelne Zweige zurückgedrängr. Jede Geschichte des Handels liefert dafür die genügenden Belege. blieb und daß es zu einem Lande, welches ihm nur Pflichten, keine Rechte auferlegte, keine Liebe faßen konnte.2 3)" „Welche Stellung die Juden aber in allen christlichen Staaten durch das ganze Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit hinein eingenommen, was für Verfolgungen sie erduldet haben, wie oft sie vertrieben und ihrer Habe beraubt worden sind, dafür ist es wohl nicht nöthig, Beispiele anzuführen, da solche als bekannt vorausgesetzt werden dürfen; nur das soll noch erwähnt werden, daß in den meisten Fällen die Gier nach dem Gelde der Juden die eigentliche Triebfeder dieser Verfolgungen gewesen ist, welche sich unter dem Deckmantel fanatischen Religionseifers so schön verstecken konnte." „In demselben Maße aber wie die Rechte der Juden zugenommen haben, hat auch ihre Abgeschlossenheit sowie ihr Cosmopolitismus nachgelassen, und wenn beide noch bestehen"), so muß man nur bedenken, wie kurze Zeit man überhaupt den Juden eine ^Existenzberechtigung eingeräumt hat. Man lasse ihnen vor allen Dingen Zeit, sich in die neuen Berhällnisie hineinzuleben, und die Erfolge werden sicher nicht ausbleiben; aber was in Jahrhunderten an einem Volke gefehlt ist, läßt sich in ein paar Decennien nicht ungeschehen machen. Man wolle nur berücksichtigen, daß das jetzt handeltreibende Volk der Juden ohne Vaterlandsliebe^) früher lediglich ein ackerbauendes gewesen ist, welches, vom höchsten Patriotismus beseelt, wie kein anderes Volk für seine Freiheit und sein Vaterland todesmuthig gestritten und die größten Drangsale und Unbilden ertragen hat. So haben die Jahrhunderte und die Mißgunst der Mitmenschen die Juden von ihren früheren Existenzbedingungen und daraus hervorgehenden Charaktereigenthümlichkeiten fortgctrieben und auf ganz entgegengesetzte Bahnen der Entwicklung gelenkt." „Andrerseits aber hat dieser enge Zusammenhang bei 2) Ein Borurtheil ist es, daß die Juden selbst in der Zeit ihrer Verfolgung keine Vaterlandsliebe empfunden Härten. Wer dies behauptet, hat keine richtige Borstellung von der menschlichen Seele und von der Vaterlandsliebe überhaupt, die ein ganz unmittelbares Gefühl des menschlichen Herzens und in ihm unter allen Bedingungen lebendig ist. Uebrigens erweist die Geschichte der Juden, daß sie niemals ihrem Baterlande in seinen Nöthen abstanden, niemals einen Berrath an demselben übren. 3) und 4) Hier müssen wir dem hochachtbaren Bersasier einen entschiedenen Protest entgegcnstellen. Sicherlich würde er in Verlegenheit gerathen. wenn wir von ihm verlangten, die Beweise dafür zu liefern, daß die Juden „ohne Baker lanos liebe" und „Cosmopoliten" seien. Wo und wann hat sich dies rhatsächlich e»wiesen? Wo und wann haben sie nicht getreulich zum Baterlande gehalten und willig all' die Opfer gebracht, die es von seinen Söhnen for derte, deren es von ihnen bedurfte? Mit tiefstem Schmerze, der sich osl genug in bitteren Klagen ausipricht, verließen selbst zur Zeit der Verjagungen die Juden ihre Heimath, und noch jetzt steht die Auswanderung der Juden nach ihrem numerischen Verhältnisse der der christlichen Bevölkerung nach. Cosmopotitische Ansichten und Gesinnungen giebt es in Leuten jeglichen Volkes und Glaubens, und bei den Juden nicht mehr als bei den anderen.

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