Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1880)
- Date
- 1880-09-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227322--38313-3307538- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
"Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Em unparteiisches Organ sür alles Wische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 bis 2'/» Bogen. Preis Lierteljährig 3Mart. Inserate werden | mit 20 Pf. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Postämter (Postzeitungsliste Rr. SS) und Buchhandlungen nehmen Bestellungen an. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippsou in Bonn. Verlag von Baumgärtuer's Buchhandlung in Leipzig. In redactioncllen Angelegenheiten I wende man sich an Dr. L. Philippsou in | Bonn-, hinsichtlich derJmeraie an R.! | Moffc in Leipzig und dessen Filiale» | in Berlin, Breslau ec. , Znsikale, welche dis Ä oanersi-g eingehen, > finden in der darauffolgenden Rümmer! Berücksichtigung. Beilagen werden mit 12 Mark berechnet. 44. Zuhrguug. Leipzig, den 7. September 1680. JVo. 36lohalL Leitende Artikel: Zwei gegensätzliche Kundgebungen. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Leipzig, Hannover, Stuttgart. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest, Bon der Donau, Prag. — Belgien: Brüssel. — Frankreich: Paris. — Rußlano: Berlin. — Serbien: Belgrad. — Amerika: Cincinnati. — Marokko: Paris. — Bonn: Notizen, Literarische Notizen. — Pest: Literarische Notizen. — Feuilleton: Plaudereien aus dem Leben. III. — Vermischtes: Ein eigemhümlicher Proceß. jujileviT'c fcXctillc-f. , Bonn, 1. September. Zwei gegensätzliche Kundgebungen. Die Geschichte der deutschen Judenhetze im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts wird eine interessante und charakteristische Episode bilden, die nach jeder Seite hin durchsichtig und verständlich zu machen, unsre Sorge sein muß. Das Wichtigste hierbei ist die Feststellung der Motive, und dann das Gewicht der Kundgebungen auf beiden Seiten. Es stellt sich heraus, daß bei der Abwehr, welche die Juden selbst bewerkstelligten, überall der nobelste, gebildetste und sittlichste Ton eingehalten wurde, und so stark die Entrüstung sein mußte, welche die Juden bei diesem Streite empfanden, dennoch Ausschreitungen in Sprache und Argumenten nicht vorkamen: die niedrigen Beschimpfungen wurden nicht mit Münze gleicher Art bezahlt. Auf demselben Standpunkte gewahren wir aber auch all' die edlen, vom Gefühle der Gerechtigkeit geleiteten Christen, welche sich zur Bertheidigung der Juden öffentlich verpflichtet fühlten. Ihnen Allen wohnte das Motiv ein, zum Schutze der Humanität und Wahrheit einzutreten, und keinem einzigen läßt sich irgend eine andere Triebfeder Nachweisen. Die Juden wären auch viel zu gescheidt gewesen, um zu etwas Anderem die Hand zu bieten. Dahingegen haben die meisten unsrer Gegner ihre eigennützigen und niederen Beweggründe gar zu klargelegt. Bei den Einen verräth sich das persönliche Interesse selbst, bei den Anderen giebt sich die Verfolgung der Juden als eine niederträchtige Parteipractik kund, und zwar namentlich dadurch, daß sie sich zu den gehässigsten Uebertreibungen, zu tückischen Machinationen und zu offenbarem Lug verleiten ließen. Dies thut auch der in Jrrthum befangene Mensch nicht, wenn er einen ehrlichen, ihm am Herzen liegenden Zweck verfolgt. Einen Beleg hierfür geben zwei Schriftstücke, von welchen wir bereits in vor. Nummer gesprochen haben. Das eine, in der „Köln. Z." vom 1L. Aug. veröffentlicht, „Von einem activen preußischen Lsficier" verfaßt, ist „die antisemitischen Bestrebungen" betitelt. Der Vers, geht von den höchsten geschichtlichen Standpunkten aus, und daß er nicht von allen Borurtheilen und Jrrthümern frei ist, beweist gerade die Reinheit seiner Motive. „Die antisemitischen Bestrebungen." „Wenn man hört, daß sich selbst in unfern Tagen Antisemiten-Ligen bilden, ja daß sogar Zeitschriften entstehen, welche lediglich derartigen Tendenzen dienen, so muß man sich doch zunächst fragen, was hat denn dieses arme verfolgte Volk der Juden eigentlich verschuldet, daß sogar daß aufgeklärte neunzehnte Jahrhundert sich nicht von einem mittelalterlichen Vorurtheil freizumachen imstande ist?" „Der Vorwurf, der vor Jahrhunderten manche Judenverfolgung hervorrief, daß sie das Volk seien, welches den . Heiland der Welt getödtet habe, läßt sich wohl heute von - gebildeten Menschen nicht mehr als Grund derartiger Aus- 36