Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1880)
- Date
- 1880-08-31
- Page
- Seite 554 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227321--38305-3307523- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
554 Brandenburg a. d. H., im August. (Privatmitth.) In! dem nahen Rathenow hat die Polizeiverwaltung alle Plakate,! welche eine Aufforderung zum Abonnement auf „Die Wahr-! heit" enthielten, abreißen und vernichten lassen. Dieses Blüttlein, dessen Namen an die Etymologie von Inerw a non lncendo erinnert, gehört als eine Schöpfung der verflossenen Antiscmitenliga, jener Ausgeburt des Blödsinns und der Gemeinheit, zu der Sorte journalistischer „Latrinen-Literatur", deren Scribler am liebsten in dem Hochgenuß schwelgen, ihre judäivoristischen Cxpectorationen ein — allerdings spottwenig beachtetes — druckschwarzcs Eintagsfliegen-Dasein erleben zu sehen. So wenig beneidcnswerthcr und so sehr zweifelhafter Natur ein solcher Hochgenuß auch ist, bat ihn doch die Rathenower Polizeivcrwaltung der „Wahrheit" gestört, oder vielmehr wie ein Heiterkeit erregender Wuthausbruch derselben verräth, in hohem Grade vergällt, indem die gedachte Behörde einen solchen Hochgenuß ebenso beurtheilt, wie ihn längst die Bremer Staatsanwaltschaft gewürdigt hat. — Wie es den Anschein hat, wird man allgemach auch in Deutschland allgemein zu der — freilich sehr schweren — Erkenntniß kommen, daß es eines Rechtsstaates denn doch nicht so ganz würdig ist, in Bezug auf sein Verhalten gegen die israelitischen Angehörigen sich nur rühmen zu können: „Sind wir nicht riesig tolerant? Es wird kein Jude mehr verbrannt!" Kr. —. In Anbetracht der jüngsten, zum Theil noch fortdauernden krampshasten Bemühungen in unscrm deutschen Vaterlande, die Juden herab- und zurückzuseycn, Bemühungen, die bekanntlich in majorem (iormaniaft bonorom in unserer nächsten Nähe, namentlich auch von einem Hofprediger und einem Geschichtsprofestor angefacht und befördert wurden, ist jede bei uns, besonders in Preußen, den Vertretern des jüdischen Eultus gewährte osfieielle Berücksichtigung, die in andern civilisirten Ländern als selbstverständlich gilt, von weitgreifendem Interesse. Aus diesem Grunde sei hier mitgetheilt, daß zur Thcilnahme an der Einwcihungsfeier des von der Knrmark gestifteten Krieger-Denkmals auf dem Marienberg bei Brandenburg, die am 12. d. M. in Anwesenheit unseres Kronprinzen und anderer Mitglieder des kaiserlichen Hauses stattfand, unser Rabbiner des Synagogenbezirks Brandenburg, Herr vr. Kroner, gleich den christlichen Geistlichen der hiesigen Stadt, Namens des Kurmärkischcn Communal-Landtag? durch den Vorsitzenden, Herrn von Rochow Plessow von Berlin aus, aufgefordert wurde. Posen, 22. August. (Privatmitth.) Wenn jüngst auch in diesem Blatte mitgetheilt worden, daß die auf den Di-. Jnowraclawer zum Lehrer am Friedrichsgymnasium in Breslau gefallene Wahl von der Regierung nicht bestätigt worden; so müssen wir heute hinzufügen, daß nach der „Posener Zig." vom 17. Aug. der genannte Mann mit feiner Familie zum Ehristenthume übergetreten ist. Jetzt wird wohl nun die Wahl bestätigt werden. Den Commentar hierzu kann Jedermann sich selbst machen. Mittheilungen aus Rawicz, wo vr. I. früher Lehrer war, nehmen dem Factum das Ueberraschende. Bonn, 22. Aug. (Notizen.) Unter den Siegern bei dem Allgemeinen deutschen Turnfeste in Frankfurt a. Main befanden sich auch zwei Israeliten. — Aus Pest wird uns geschrieben: Zu denjenigen Behörden, welchen nach dem zwischen Scsterreich-Ungarn und Deutschland abgeschlossenen Vertrage das Vorrecht eingeräumt wird, daß die von ihnen ausgestellten oder legalisirten Urkunden keiner weitern Legalisirung bedürfen, gehören auch: die Durchführungs- Commission der ungarischen und sicbenbürgischen israelitischen autonom-orthodoxen Glaubensgenossen und die israelitische Landeskanzlei. Das ungarische Landes - Rabbiner - Seminar scheint diese Begünstigung nicht erhalten zu haben. — Vor! Kurzem vcrheirathcte sich eine Kleinnichte Sir Moses Montefiore's mit einem Grafen Ricci (anglikanischer Kirche). Da- Bcide ihrer Religion treu bleiben wollen, aber in England und Frankreich sich kein Rabbiner fand, der die Mischehe mit religiöser Trauung versehe, ließ man einen der Prediger der Berliner Reformgemeindc nach Paris kommen und daselbst in der englischen Gesandtschaft die Trauung vornehmen.! - Zu Türkevi ist im Alter von IlO Jahren der älteste Mensch in Groß-Kumanien, Moses Schlesinger, verstorben und am io d. M. zu Grabe getragen worden. Der alte Schlesinger, ein allgemein beliebter Mann, hat mit seiner zweiten Frau, die beim besten Wohlsein ist, 63 Jahre in glücklicher Ehe gelebt und Ur-Urenkel gesehen. — Man schreibt ans Breslau vom 11. August: Unser allgemein verehrter und in den weitesten Kreisen, namentlich in der Gelehrtenwelt berühmter Mitbürger, der Philologe und Lexicograph Herr Or. Wilhelm Freund, feierte heute mit seiner Ehegattin, gcb. Borchert, das seltene Fest der öOjährigcu Jubel-Hochzeit. Das Jubelpaar wurde im Laufe des Vormittags durch eine Deputation der Gesellschaft der Freunde, der Ersten Brüder-Gesellschaft, deren Ehrenmitglied der genannte seit 35 Jahren ist, des Breslauer Handlungsdicner-Jnstituts und der Industrieschule für israelitische Mädchen beglückwünscht. Am Nachmittage fand im Saale des, der Gesellschast der Freunde gehörigen Gebäudes auf der Reuen Graupenstraße ein Festmahl zu Ehren des Jubelpaares statt, an dem sich eine große Anzahl von Verwandten, Freunden und Verehrern betheiligte. — In Sz6s4ny (Ungarn) ereignete sich kürzlich, wie „P. N." schreibt, ein j scandalöser Fall mit einem israelitischen Lehrer, welcher nach I dreimaligem stuhlrichterlichcm Verbot den Unterricht während