Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1880)
- Date
- 1880-08-31
- Page
- Seite 551 (sequence 7)
- Language
- German
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551 die Semiten hetzte, sie würden sich bis aus den letzten Mann! So weit Nem6nyi. Am Schlüsse empfiehlt er die in einstellen, wenn ein anderer Stumpfredner gegen die Geistlichen, Ungarn noch gesetzlich verbotene „Mischehe". Nun, in Deutschgegen „die Herren" und gegen das, was man die Bourgeoisie land und Oesterreich ist sie längst gestattet, und die Hetze nennt, seine große Anklage-Acte verlesen würde." gegen die Juden ist darum nicht weniger heftig. viejMa* Deutschland. Berlin, 13. August. (Privatmitth.) „Die Judenhetze ist todt", so berichtete neulich die Volkszeitung. Gestatten Sie einem Laien nun einige Worte. Tie Judenhctze hier in B. ist nicht todt, im Gcgentheil, sie steht in voller Blütbc, und wenn Stöcker seine Versammlungen erst wieder abhalren wird, so wird manche Frucht mehr reis werden. Ta aifichirt das antijüdischc Witzblatt alle Sonntag und Montag seine Zeichnungen, welche die gemeinsten Angriffe gegen die Juden enthält. Man muß cs sehen, mit welcher Wonne das Publikum diese geistlosesten Witze verschlingt. Ter Ton, der überall gegen die Juden herrscht, ist geradezu für anständige Leute betrübend. Judenjunge, Schmausel, Jtzig u. s. w. sind vutz gäre Straßenausdrücke. Wo das hinaus will, mag Gott wißen. Die Polizei thut nichts dazu, sonst müßte sie doch wohl derartige Plakate von den Säulen entfernen, denn bieselben enthalten doch nur Aufreizungen gegen friedlich lebende Mitbürger. Ja, es drängt fich fast die Meinung auf, daß man alles Das an maßgebender Stelle gern gewähren läßt. Welchen Umfang diese Agitationen angenommen haben, beweist ja die Eingabe, die in ganz Deutschland zur Unterschrift circulirt, zur Beschränkung der Rechte der Juden, die: man dem Reichskanzler einreicheu will. Giebr es denn in j Deutschland keine einflußreichen Leute, die es bewerkstelligen > könnten, daß diesem schamlosen Treiben ein Ziel gesetzt wird? Und hat das dann keinen Erfolg, gut, so sage man doch offen und frei, was man eigentlich von uns will? Diese Schmähungen und Anfeindungen kränken ja mehr, als offenes j Bekennen und Fordern. Noch mehr als alles Ties, ist ja! der Keim des Haffes, der in die Heranwachsenden Kinder! gelegt wird. G. Berlin, 12. August. (Privatmitth.) Gestatten Sie mir, meine heutige Correspondenz mit zwei Verwarnungen auszusüllen, die allerdings an das allgemeine Publikum gerichtet waren. aber doch wohl besonders von jüdischen Eltern zu beherzigen wären. Vor Kurzem fand hier eine Versammlung statt, in welcher die Noth der vielen Stellen suchenden Handelscommis besprochen wurde. Es wurden ungefähr folgende Ansichten laut: Es ist in neuerer Zeit dahin gekommen, daß selbst Söhne von Tagelöhnern sich für zu gut halten zur Erlernung eines Handwerks. Man rühmt in der acfj ti clj lcVV. Theorie das Handwerk mit seinem goldenen Boden, aber selbst jene begeisterten Lobredner des Arbeiterstandes dünken sich zu vornehm, ihre Söhne bei einem Handwerker in die Lehre zu thun. Ten Herren Kaufleuten ist dieser Zudrang zu ihren Geschäften sehr angenehm. Viele nehmen drei, vier, selbst noch mehr Lehrlinge an, die ihnen keinen Pfennig kosten. Wir kennen Geschäfte, in denen neben einer ansehnlichen Anzahl von Lehrlingen nur ein, höchstens zwei bezahlte Commis thätig sind. Aus diese Art vermehrt sich von Jahr zu Jahr die Zahl der Commis, welche nur sehr schwer Stellen finden können, da die meisten Stellen immer wieder mit neuen Lehrlingen besetzt werden. Ist cs da zu verwundern. wenn selbst sehr brauchbare Commis nur mit großer Mühe eine Stelle finden und oft in große Noth gerathen? , Wandert dann so ein Commis in seiner Verzweiflung nach Amerika aus, so muß er oft die niedrigsten Handarbeiten j verrichten, während der tüchtige Handwerker guten Lohn er-! hält. Möge man doch einmal die falsche Scham vor Erler- I nung eines Handwerks oblegen! Verschiedene Handwerke bieten! talentvollen Jünglingen ein ebenso ergiebiges Feld für Berwerthung ihrer Kenntniffe, wie der Handel. Theoretisch und praktisch tüchtig ausgebildete Bauhandwerker, Möbelschreiner, Mechaniker, Schlaffer, Tapezierer a. a. stehen aus gleicher Stufe mit dem Kausmanne. — Die zweite sehr wichtige Angelegenheit ist folgende: Am 3. August fand in Eisenach die Versammlung des Vereins der deutschen Irrenärzte statt. Das allgemeinste Interesse unter den Gegenständen der Tagesordnung beanspruchte ein Vortrag des Tircctors der herzoglich braunschweigischen Irrenanstalt zu Königslutter, Medicinalrath vr. Haffe, über den Einfluß der Ueberbürdung unserer, das Gymnasium und die höheren Töchterschulen bei suchenden Jugend mit Arbeit aus die Entstehung von Geistes-! störungen. Dem Redner, der eine erschreckende Zunahme der Geisteskrankheiten überhaupt constatirte, waren in einem Jahre sieben erkrankte Schüler im Alter von 16—20 Jahren zur Behandlung übergeben worden. Er entwarf von diesen ein ' Krankheitsbild und stellte die Thatsache fest, daß in allen jenen Fällen die anhaltende geistige Strapaze, welche dem in der Entwickelung begriffenen Gehirn durch die übermäßige Anforderung der Schule zugemuthet wird, auf die Entstehung der geistigen Erkrankung einen entscheidenden Einfluß gehabt ' hat. Um das Lehrziel der humanistischen Schulen zu errei-