Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1880)
- Date
- 1880-08-31
- Page
- Seite 550 (sequence 6)
- Language
- German
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550 zu seiner Umgebung etwa in folgender Rede sprechen könnte: „Wenn unsere Söhne nichts lernen, ergeht es ihnen et-- wa besser als den Eurigen? Wenn unsere Söhne ihr Leben am Kartentisch verbringen, ruiniren sie sich vielleicht nicht? Wenn Ihr sie bei eleganten Verrücktheiten seht, kommen sie etwa besseren Kaufes davon als Ihr? Wenn sie schlecht er zogen werden, sind sie vielleicht klügere Männer? Und wenn sie den ererbten Besitz - wie sie es mit immer steigender Virtuosität zu üben beginnen, — wenn sie diesen ererbten Besitz verjubelt haben, giebt es vielleicht Jemanden, der ihnen wegen ihrer semitischen Abkunft auf die Beine hilft? Versinken sie nicht gerade so wie die Anderen, und ist es nicht gewiß, daß Diejenigen, welche im Leben bestehen wellen, dieselben Bedingungen und viel härtere Bedingungen erfüllen müffen, als die Gleichgestellten aus dem anderen Lager?" „Doch, wer so spräche, würde ein viel weniger geneigtes und aufmerksames Publicum sinden, als wer von den Lastern und von dem Wohlleben der Juden erzählt. Und man erzählt diese Dinge besonders dem ungarisch-serbischen Landvolke, indem man dazu verschiedene angenehme Perspectiven vor den Augen der Unerfahrenen leuchten läßt. Für so große Vergehen, wie sie die Juden begangen, ist die Confiscation der Güter natürlich noch die mildeste der Strafen. Das ist es auch, was die diversen, sich für anisemitisch ausgebenden Vereine ihren Anhängern ziemlich deutlich in Aussicht stellen. Und sie haben ihr Publicum, das weiter reicht, als man einbekennt." Rings um die Jstoczys sammeln sich freilich nur Leute, die nichts zu verlieren haben, besonders nichts an gutem Ruf. Aber in etwas weiteren Kreisen, da steht eine ganz reipectable Schaar von lächelnden Zuhörern. Diese — oh, sie nehmen nicht Theil an der Hetze! Aber sie finden, daß die Sache zwei Seiten hat, wie jede andere Sache und das man gewähren lasien müffe. Sie stehen dabei und es kommt ihnen offenbar niemals in den Sinn, daß die Hetze gegen das jüdische Eigenthum nur den Anfang bedeutet von einer Hetze gegen das Eigenthum überhaupt. Sie haben so wenig aus der Geschichte aller Zeiten und Völker gelernt, daß sie nicht wissen, wie jeder Angriff auf ein Eigenthum mit dem Angriff ans den Eigenthümer beginnnt und daß man immer den ersten Sturm auf eine nichtvolksthümliche C lasse von Eigenthümern richtet, die sich überall gesunden hat, an jedem Orte und zu jeder Zeit. Einmal sind es Protestanten gewesen, ein anderesmal waren es Katholiken, und jetzt sind es zufällig die Juden. Sie wissen nicht, daß eine solche Bewegung niemals stehen bleibt. Die heute gesagt haben: „Nehmen wir den Juden, was der Juden ist" — sie werden morgen gewiß sagen: „Nehmen wir den Geistlichen, was sie ja ohnehin nicht nöthig haben;" — und es wird sich wieder eine lächelnde Schaar finden, die da spricht: „In der That, die Geistlichen haben's nicht nöthig." Allein, auch damit hat es sein Bewenden nicht; denn die Führer, sie werden vielleicht ihre» Llppetit gestillt haben, die Masse aber würde gewiß sagen: „Wenn man die Sache gut ansieht, inwiefern sind denn „die Herren" überhaupt besser als Geistliche und Juden? Wozu die bischöflichen Paläste, wozu Paläste überhaupt?" „Tann überträgt sich die Bewegung vom Lande nach der Stadt mit denselben Symptomen, wenn auch unter anderen Verhältnissen. Und da habt Ihr mit einem Male diese ganz erschreckliche sociale Frage anfgerollt — in landesüblicher Form, versteht sich! Und eines Tages fragt Ihr Euch wohl noch: „Ist es denn wahr, daß der Svcialismus bei Bodenbach oder mindestens bei Marchegg aufhört? Und dasjenige, was uns hier täglich beunruhigt und bedroht, was ist cs denn und welchen Namen sollen wir ihm geben, wenn nicht den Name» des Socialismus?" „Tann kehrt man wohl zurück auf die ganze Entwickelung dieser Bewegung und gewiß, man findet, daß diese „antisemitischen" Vereine und ihre Literatur eine gar wunderbare Vorschule des Socialismus abgegeben haben." „Es geht jetzt ein Zug durch diesen Welttheil. der dem Eigenthum und dem großen Besitze im Allgemeinen nicht günstig ist. Man kann sagen, daß in halb Europa die Berechtigung des Eigenthums und besonders des Eigenthums an Grund und Boden Tag für Tag discutirt wird. Wer diese Dinge verfolgt, der weiß, daß wir nicht übertreiben. Die Schule hat ihre Oeconomen, ihre Philosophen, ihre Moralisten, und gerade die Juden haben in Ländern auch an diesen „Specnlationen" einen bedeutenden Antheil. Für Diejenigen, denen das Eigenthum überhaupt nichts gilt, mag auch die Discussion in der Judenfrage ein Gegenstand großen Ergötzens sein. Nichts aber ist bornirter, als die Auffassung, welche den einen Theil des Eigcnthums preisgiebt und sich einbildet, daß dadurch der andere Theil nicht gefährdet sei, eine Auffasiung, die sich vorspiegelt, daß eine Bewegung, die in solchen Dimensionen entfesselt worden ist. auch genau an dem Punkte stehen bleiben müßte, den man ihr anzeigt. Nichts ist bornirter als der Mann, der glaubt und verkündet:" „Das Eigenthum ist ein leerer Wahn jenseits des Grabens, der meinen Besitz abschlkeßt, jenseits des grünen Gitters, das meinen Garten einfaßt, außerhalb der Mauern, welche meine Familie beherbergen; aber rühre Niemand an mein Ackerfeld, lege Niemand die Hand an meinen Obstbaum und wisset, daß mein Haus ein Heiligthum ist, das fremde Hände nicht berühren dürfen!" „Die lächerliche Schaar der Zuschauer-würde bald weder lächeln, noch Zuschauer sein, sondern sie würde sich als sehr beträchtlich betheiligt an der Bewegung fühlen. Die Acteure aber, die um den Stnmpfredner herumstanden, als er gegen