Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1880)
- Date
- 1880-08-31
- Page
- Seite 549 (sequence 5)
- Language
- German
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„Für Andere, die großen Machtsragen: für Dich — die Judenfrage! Für Andere, die Umwälzungen einer neuen Cultur; für Dich — die Judenfrage! Für das kleinste der Völker selbst wissen wir inmitten großer Gefahren große Ziele; für Dich allein wissen wir nichts Größeres zu erstreben — als die Judenfrage, die in ihren' besten Tagen eine Mönchsfrage und eine Frage für Sttauchritter gewesen ift!" „Wenn man die deutschen Libellisten hört — zu denen sich neuestens auch Ungarn in so erfreulicher Anzahl zugesellt haben — meint man, so viele Juden es in einem Lande, insbesondere in diesem Lande gebe, so viele Millionäre habe daffelbe zu verzeichnen. Jeder der „hosenverkaufenden Jünglinge", die Herrn Profesior Treitschke ihre Berühmtheit verdanken, verbirgt nach dieser Version in irgend einer Tasche seiner weiten Gewänder ein ganz kleines Milliönchen, das er sich, sei es auf dem Wege der genannten lucrativen Beschäftigung, sei es auf dem Wege der „Gründung" und Volks- Corrumpirung, erworben haben muß." „Denn Jedermann weiß, daß in den Jahren des sogenannten Aufschwungs nur die hvsenverkaufenden Jünglinge sich an den Gründungen und Speculationcn betheiligt haben! Nie hat man gehört, daß namhafte Politiker sich größere Geschäfts-Provifionen ausbezahlen ließen; nie hat mau die Träger aristokratischer Namen unter Denjenigen gefunden, welche das verehrte dumme Publicum zu Betheiligung an den fabelhaftesten Actien-Unternehmungen aufriefen. Der Giftbaum der Börse hing mit reifen, goldncn Früchten beladen, doch niemals hat eine adelige Hand eine Bewegung gemacht, die vermuthen ließ, als wünschte sie eine dieser Früchte zu erlangen. Es ist eine Fabel wenn man sagt, daß in Deutschland die allerchristlichsten und allergermanischesten Namen und in Ungarn nicht minder christliche und höchst magyarische Namen an der Spitze der Gründer und der Gründungen standen!" „Keiner, der nicht in arger Verleumdung seine Freude findet, wird sagen können, daß andere, als Leute vom semitischen Stamme damals eine höchste Fructisizirung ihrer Capitalien oder ihrer Capitallosigkeit angestrebt haben, die dem Wucher so ähnlich sieht, wie eine Infamie der anderen. Gab es einen Mann, der wußte, daß seine Ahnen an den Kreuzzügen ihren Antheil hatten, oder daß seine Familie der Kirche vielfach ihre Leuchten und ihre Stützen gegeben hatte, so war dieser Mann sich der Pflichten seiner Geburt und seiner Stellung stets bewußt und niemals in Gesellschaft von ehrlichen Maklern anzuttefien. ..." „Bei dieser wundersamen Enthaltsamkeit, welche ringsherum herrschte, wie kann es da Wunder nehmen, daß jeder hosenverkaufende Jüngling seine Million ins Trockene brachte?'' „Unter einer Million geben wir nämlich Keinem!" „Davon freilich haben die Leute, die so sprechen nichts gehört, daß es unter den Juden Tausende giebt, die in bluttgem Schweiße und in hatter Arbeit ihr Brot verdienen, und daß es Zehntausende giebt, die bei harter Arbeit und peinigender Sorge ihr Brot nicht verdienen. Oder hat es vielleicht jemals beneidenswerthere Genußmenschen gegeben, als jene Tausende von Juden, welche in den diversen Banken und Handlungshäusern als Beamte und Commis angestellt sind und die jahraus jahrein tagsüber mit vorgebeugiem Leibe bei ihren Büchern sitzen, neben einer Beschäftigung, welche den Körper ruinirt und dem Geiste jeden Unternehmungsmuth nimmt'. Das Alles um eine Bezahlung, welche man für den geringsten Hilfs-Conzipisten in einem Ministerium so kläglich findet, daß wir fortwährend für die Erhöhung der Beamten- Gehälter plaidiren." „Und so gehen diese beiden Gesellschaften, von denen die eine christlich und die andere jüdisch heißt, abgesondert ihre Wege. Höchstens, daß es stellenweise einen „Lateiner" giebt, der beide frequentirt und beide beobachtet. Wenn dieser Mann nun Augen hat, um mehr zu schauen, als was ganz an der Oberfläche liegt, da macht er eine ganz wundersame Entdeckung. Diese Entdeckung lehrt ihn, daß den Juden auch hierzulande gar kein ihnen ausschließlich cigenthümlicker Charakter anwohnt, sondern daß sic genau so sind, wie die Menge, die sie umgiebt und Mit der sic so selten in Berührung kommen. Wie es ja überhaupt den höchsten Unverstand bedeutet, irgend eine Classe aus einem Staatswesen herauszuhcben und ihre Tugend oder ihre Lasterhaftigkeit im Gegensätze zur Gesammtheit zu behaupten; wie es ein Unverstand ist, von der Armee, von der Geistlichkeit, von der Beamtenschaft, von dem Lehrerstande, oder von irgend einem anderen Stande in einem gegebenen Lande zu sagen, er sei nicht ganz so, wie das Land und das Volk selbst." „Doch wir haben hier nur die Juden im Sinne. Ter Beobachter also merkt mit immer zunehmendem Erstaunen, daß in diesen beiden Lagern, welche durch eine so tiefe Kluft getrennt sind, nicht nur dieselben Erscheinungen im Großen, sondern auch dieselben Erscheinungen im Kleinen Vorkommen. Ja, cs find im Grunde genommen ganz dieselben Individuen mit denselben Anfängen und mit denselben Ausgängen. Dieser Beobachter, der immer gehört hat, wie die Juden Schätze auf Schätze sammeln, sieht mit heillosem Staunen, wie der genial angelegte Stammhalter der jüdischen Familie zuerst die Zinsen und dann das Capital des Vermögens durchbringt, welches Vater und Großvater erworben haben. Er sieht an lebenden Exemplaren die aus- und absteigende Claffenbewegung, die nicht einen Tag rastet. Der Vater hat Talent gehabt, aber keine Erziehung; der Sohn hat Erziehung, aber kein Talent und der Enkelsohn hat zuweilen weder Erziehung noch Talent. In beiden Lagern sieht man, wie Fähigkeiten und Besitz sich kaum jemals auf die dritte Generation vererben. Und der Beobachter sagt sich dabei, daß ein neuer Shylock