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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-08-31 · Heft 35 (31.8.1880) · p. Seite 548

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 35 (31.8.1880)
Date
1880-08-31
Page
Seite 548 (sequence 4)
Language
German
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548 fragen wir uns: in welchen Kreisen das Ungarthum seit den I zwölf Jahren seiner Herrschaft wohl so große Eroberungen aufzuweisen habe, als gerade in den Kreisen der Juden? Es hat bei Slovaken, Serben, Rumänen, ja selbst bei den Deutschen nur in einem sehr geringen Maße Eingang gewonnen. Die Juden waren der einzige, von Hause aus nichtmagyarische Volksstamm, der dem magyarischen Geiste und der magyarischen Sprache rückhaltslos das Haus und die Schule geöffnet hat." „Es sind noch nicht zwei Jahre her, da hatten wir Gelegenheit einen Blick in einen Bericht zu werfen, den der Bicegespan eines oberungarischen Comitats an den damaligen und jetzigen Minister des Innern über den Zustand in jenem Comitate zu richten sich veranlaßt fand. Das war ein Be richt, bei dem jedem ungarischen Leser das Blut zu Kopfe steigen mußte, wenn er erfuhr, wie — unter der Acgide des ungarischen Staates, der dabei sorgfältig beide Augen zudrückte — die panslavistische Agitation in großartigem Maßstabe und mit eben solchem Erfolg geführt wurde. Und jener administrative Berichterstatter, der fast ganz allein in seinem Comitate die ungarische Sache vertrat, riet gegen den Schluß seiner Darstellung mit einem Anfluge von Zorn und von Ironie aus: „Der einzige Ort, wo ungarische Sprache und ungarischer Geist noch Zutritt haben, sind in diesem Comitate die jüdischen Volksschulen; alle anderen Unterrichtsanstalten sind in den Händen unserer Feinde!" „Und wenn Einer sich die Mühe nehmen will, ein wenig nachzusehen, wie sich die Welt außerhalb des Waitzner- Boulcvards und außerhalb der Sandorgaffe präsentirt — denn es giebt auch dort eine Welt, die Ungarn angeht! — so möge er den Versuch machen, in nichtmagyarische Comitate zu gehen, und er wird zu Dutzenden die Gemeinden finden, in denen das einzige ungarische Wort, das daselbst überhaupt vernommen wird, in der Judenschule vernehmbar ist." „In der Judenschule, der vielgeschmähten, hat man noch nie — wie cs jüngst aus slavischen Schulen berichtet worden ist — den Zöglingen als Strafe für schlechtes Verhalten die Pein auferlegt, einige ungarische Wörter erlernen zu müssen; nicht in der Judenschule ist es geschehen, daß — wie wir von Augenzeugen haben erzählen hören - in einer Schule der Lehrer nach der ungarischen Sprach stunde sich ein Glas Wasser bringen ließ, weil, wie er sagte, man, nachdem man eine solche Sprache gesprochen, sich den Mund ausspülen müsse." „Wer. aber nicht einmal so weit gehen will, der mag in den Budapester Buckhandlungen Nachfragen: wie viel ungarische Bücher, oder um ein ganz genaues Beispiel zu nehmen, wie viele Exemplare von „loläl szerclme" tij der Hauptstadt in jüdische Familien verschickt wurden und wie viele Exemplare des gleichen Werkes in christlichen Familien gehalten wurden? Wer sich diese Mühe nimmt, wird sich überzeugen, daß — immer das Zahlenverhältniß beibehalten — mindestens die doppelte Anzahl von ungarischen Büchern für jüdische Familen verkauft wird, als für christliche Familien derselben Classe. Mag Einer sodann versuchen, das jüdische Haus selbst aufzusuchen und er wird in der Hauptstadt, und zwar gleichmäßig in den reichen, wie in den armen Vierteln der Hauptstadt, das geradezu rührende Schauspiel ansehen, wie Eltern sich der größten und heiligsten Freude, die es giebt, berauben, der Freude, mit ihren Kindern sprechen zu können, nur damit diese, die Kinder, ihren Unterricht und ihre Ausbildung in magyarischer Sprache erhalten. Es entbehrt sü"' den ersten Augenblick eines komischen Anflugs nicht, wenn man z. B. die Mutter, die eine geborene Wienerin ist und den Vater, der in seiner Jugend niemals die ungarische Sprache cultivirt hat, in einem recht schmerzlichen Magyarisch mit ihren Herren Söhnen conversiren hört, welche eben in die Geheimnisse der Weisheit der Normalschulen eingeführt werden. Doch, wenn man dem eine zeitlang zugesehcn hat und die Sache ernster überlegt, sagt man sich, daß auch darin ein Stück Naturgeschichte liegt und eines von den interessanten." „Und siehe da! man sagt uns, die „Judensrage" — denn das Wort existirt — sei eine Nationalitäten-Frage, eine der Lebensfragen Ungarns!" „Dieser ganze Welttheil, in dem wir leben, befindet sich in schäumender Bewegung. Ideen und Völker, welche viele Menschenalter hindurch begraben schienen, sprengten ihre Gräber und wandeln durch die Reiche. Daß die alte Ordnung der Staaten in Frage gestellt wird, gehört noch unter die geringen Erscheinungen. Hier tritt ein öconomisches System aus, das alle gesellschaftlichen Einrichtungen umgestalten will; dort erhebt sich ein schwerfälliger Riese, aber ein Riese, und droht, die ganze Cultur des Westens durch eine neue Formel der Civilisation zu ersetzen. Völker, deren Namen man schon lange vergessen hat, stehen wieder aus, und so schwer ihre Rede ist, — sie sagen wie Byron: „Die Nachwelt wird sich an unsere Namen gewöhnen müssen." Niemals, soweit die Geschichte zurückreicht, hat eine solche Menge von großartigen Aufgaben die Aufmerksamkeit der europäischen Welt herausgesordert, wie zu dieser Stunde. Die Reformationszeit erscheint einseitig; die französische Revolution erscheint beschränkt, verglichen mit dem, was sich als die Aufgabe dieser Generation darstellt, in deren Mitte zu leben vielleicht eine Freude ist, aber sicher keine Bequemlichkeit. Heute, morgen wird der ganze Orient in Flammen sein, und wir werden mitten darin stehen im Brande, vielleicht mit einer Biertelmillion der Söhne dieses Landes. Und während dieses gigantische Walten neuer Ideen durch die Welt geht, giebt es Menschen, welche vor Ungarn hintreten und ihm sagen:

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