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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-08-24 · Heft 34 (24.8.1880) · p. Seite 539

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 34 (24.8.1880)
Date
1880-08-24
Page
Seite 539 (sequence 11)
Language
German
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539 \ t, I Umstände, die vorher eingetreten. Die kleinen Knaben werden schon zu drei Jahren, aber noch fortwährend völlig gleichgültig gegen die Reinlichkeit, in kleine Privatschulen „Medrasch" geschickt, wo sie Hebräisch lernen, bis sie zu practischer Verwendung geeignet sind. Die Privatschulen werden von 40 bis 60 Zöglingen besucht. Einige Schulen faffen sogar 60 bis 120 Schüler. Ihr Alter variirt von 3 bis 15 Jahren und sie bezahlen monatlich 6 Pence bis 2 Schillinge, je nach ihren Verhältnissen. Wenn man die Schule besucht, so fällt es Einem auf, wie unpassend diese „Erziehungs-Anstalten" sind und wie groß die allgemeine Unordnung ist. Die Kinder liegen auf dem Fußboden und sind wie Schafe zusammcngedrängt. Der würdige Lehrer befindet sich entweder in einer Ecke oder mitten unter seinen Zöglingen. Diese Schulen befinden sich meist ebener Erde, im Hofraume, welcher bei den Bagdader Gebäuden die Hauptrolle spielt. Die Atmosphäre ist etwas verdorben, aber glücklicherweise findet dort immer ein freier Zutritt der frischen Luft statt. Ein verderblicher Einfluß wird hier aus die Schüler ausgeübt. Die Lehrer, welche nichts von Disciplin verstehen, sind meistens sedr arm und die Schulgehälter klein und erbärmlich. Die kleineren Kinder werden abwechselnd unterrichtet. Ein Aufseher, der ein Blatt hebräischer Worte in den Händen hält, ruft eines von den Kindern zum Lesen auf. Der Schüler ruft die Buchstaben mit seiner ganzen Kraft aus. Nach einer Lection von ungefähr zehn Minuten, während welcher die anderen Kinder unbeschäftigt bleiben, empfängt das nächste Kind einen ähnlichen Aufruf und so weiter. Die älteren Kinder sitzen um ihren Lehrer herum und hören auf seine Erklärungen, die sie dann wiederholen müssen. Manchmal werden sie aus irgend einem Körperthcile gezüchtigt. T ies ist eine getreue Beschreibung der Vorgänge in den unteren Schulen. Die verderbliche Folge von dem Mangel an Disciplin und den falschen Anschauungen, die ihnen beigebracht werden, kann man noch Jahre hindurch an ihnen bemerken. Tie jüdische Gemeinde unterhält zwei Schulen. Die eine ist eine große Knabenschule und die andere ein Medrasch (Anstalt zum Studium) für Jung und Alt. Die Knabenschule besteht aus zwei großen Hofräumen, umgeben von viereckigen zimmerähnlichen Gelassen und aus Ziegelsteinen erbaut. Sie sind, so zu sagen, offene Spielplätze und der Luft ausgesctzt, die Classen liegen rund um den Hofplatz. Hier werden ungefähr 1600 Kinder unterrichtet. Ihr Alter variirt von drei bis sechzehn Jahren, aber die Mehrzahl steht zwischen sechs und zwölf. Es giebt 20 Classen, geleitet von ebenso viel Lehrern, meistens alten Männern. Nur Knaben werden zugelassen und da sie alle sehr arm sind, so bezahlen sie kein Schulgeld. Um die Mittagszeit erhält jeder Knabe eine kleine Mahlzeit, die gewöhnlich aus einem Stück Brod und einigen Datteln besteht. Fleisch wird nie vertheilt. Reis und die Früchte der Jahreszeit mit etwas Brod bilden die Ration. Die Schüler kommen schon früh am Morgen, nachdem sie zu Hause gefrühstückt haben, und bleiben bis Sonnenuntergang. Die Nachmittags- und Abendgebete werden vor ihrem Fortgehen gesagt. Während des Tages haben sie fast zwei Stunden Pause, und einmal fand ich ungefähr 80 Kinder in der Mitte des Hofes sitzen und sich an der Sonne wärmen. Auf ein gegebenes Zeichen stehen sie alle vom Boden auf, indem sie ungeheuren Staub beim Aussuchen ihrer Plätze aufwirbeln. In einigen Classen waren die Kinder sehr aufmerksam und ruhig. Die Kinder werden ebenso wie in den kleinen Privatschulen unterrichtet, jedes Kind kommt abwechselnd zum Lehrer und jedes kniet oder sitzt mit gekreuzten Beinen vor ihm. Die Gegenstände des Unterrichts sind das hebräische Alphabet, Lesen, Uebersetzen und Erklärung der Bibel, wie auch Gemara. Das Gehalt der Lehrer beträgt 200 bis 5< 0 Piaster, das heißt acht bis zwanzig Schilling monatlich. Sie erhallen mit den Schülern zusammen ihre Ration, aber es braucht kaum bemerkt zu werden, daß sie eine elende Existenz führen. In dieser Schule wie überall, sind Lehrer und Knaben schlecht gekleidet und die verkümmerten Gesichter der Kinder bezeugen das fortgesetzte Elend. Im Allgemeinen sind die Schüler sehr intelligent. Ich bemerkte dem Hanptlehrer der Schule, daß die jungen Schüler auf einer großen Karte oder schwarzen Tafel unterrichtet werden sollten, anstatt sich so tief zu bücken, um die ganz kleinen gedruckten Buchstaben im Lesebuche zu erkennen. Auch sügte ich hinzu, daß die Laute der Bokalpunkte anstatt ihrer Namen ausgesprochen werden sollten. So, anstatt Chccrek zu sagen, sollten sie e sagen, anstatt Kametz sollten sie ah sagen rc. Die gesundheitlichen Anordnungen sind außerordentlich unbefriedigend. Glücklicherweise sind die Schüler immer der Luft ausgesetzt; das Leben draußen im Freien ist wahrscheinlich der Grund, weshalb sie im Allgemeinen gesund sind. Tie Mehrheit der Bagdader Juden sind entweder in den kleinen Schulen oder in der oben erwähnten großen Communalschule unterrichtet worden. Einige, welche das Studium der i weiteren hebräischen Literatur fortzusetzen wünschen, treten! nach dem Verlassen der anderen Schulen in das „Gemara Medrasch" und verfolgen, unter Leitung bewährter Gelehrten, ihre Studien im Talmud und Sohar. Die Anstalt zur Fortsetzung talmudischer Studien wurde vor vierzig Jahren von einem wohlhabenden Juden gegründet. Zuerst bestand sic aus dreißig oder vierzig älteren Männern, die sich fortwährend mit dom Studium der hebräischen Literatur beschäftigten, so daß sie eine Kenntniß , des Talmud :c. aufrechterhalten konnten und fähig waren, 34*

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