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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-08-24 · Heft 34 (24.8.1880) · p. Seite 538

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 34 (24.8.1880)
Date
1880-08-24
Page
Seite 538 (sequence 10)
Language
German
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538 die sich für Studien über Religion oder Spiritismus intcressiren." Wir sind ihm deshalb für Zusendung eines Exemplare» verpflichtet, vielmehr aber noch durch den Inhalt derselben, der uns, wenigstens anfangs, in eine sehr angenehme Stimmung versetzte. Wir haben nämlich noch niemals eine solche Fülle des Glaubens gefunden, wie bei dem Autor dieses Schristchens. Der glaubt Alles — die Rig-Beda's, die Bibel, die Evangelien, Zorvasier, die Pythia, die Sybillen, der Orphische Hymnus. Arisiobul, Pkilo, die Bath Kol. Simon ben Jochai und die sämmtlichen Kabbalisten, Mohamet, Paracelsus, Helmont, Swedenborg, Mesmer, das Tischklopfen, der Spiritismus, Alles ist wahr, Alle sind von Gott inspirirt und bilden eine einzige „Kette". Dieser naive und zugleich überschwängliche Glaube erscheint anfangs so lächerlich und außergewöhnlich, daß man eine Art angenehmen Behagens dabei empfindet. Tics währt jedoch nicht lange. Man bemerkt, daß der Mann noch ein wesentliches Glied aus seiner „Kette" vergessen hat, nämlich allen möglichen Hexen- und Zauberspukglauben, der, da er nicht allein in vielen Schriften beschrieben, sondern auch systematisch bearbeitet und von zahllosen Gerichtshöfen constatirt und criminaliter behandelt worden, gerade so viel Glaubwürdigkeit besitzt, wie viele andere Glieder dieser „Kette." Aus vielen zusammengelesenen Stellen schmiedet der Berf. seine „Kette" zusammen, vergißt aber dabei diejenigen Stellen des Pentateuchs, worin die Geister- und Todtenbeschwörer, die Wolkendeuter, die Wahrsager aus allerhand Zeichen als Capital- Berbrecher gebrandmarkt und aus Israel verbannt werden. Die Swedenborgianer und die Spiritisten treiben nichts Anderes, und wenn sich der Autor auf Seiten der letzlern stellt, so durfte er die Offenbarung durch Moses nicht für wahr ansehcn, da sie sich mit äußerster Strenge der Lehre und dem Treiben der Spiritisten entgegenstellt und sie im Voraus verdammt. Wir brauchen dem bibelkundigen Autor die betr. Stellen nicht erst anzugeben. Wie konnte er sie aber vergesien? Außerdem ist cs offenbar, daß auf diesem Wege aller Aberglaube, aller mögliche Obscurantismus, ja das widersinnigste Zeug, das der Köhlerglaube aussteckt, geglaubt und in die „Wiffenschaft" eingesügt werden müßte — wenn es eben nur auf einige schriftliche und mündliche Zeugnisse ankommt. Wir hatten auch im Sinne, dem Berf. zu Gemüthe zu führen, daß es sich bei den biblischen Offenbarungen um die höchsten religiösen und sittlichen Wahrheiten handelt, bei dem Spiritismus aber um jedweden thörichteu Einfall eines oder mehrerer Narren. Wir wurden hiervon jedoch zurückgehalten, da wir sahen, daß in der That die Spiritisten sich nicht scheuen, diese religiösen und sittlichen Wahrheiten mit allen ihren Absurditäten zu vermengen und in eine Linie zu bringen. Der ganze Schwindel ist eine Krankheit der Zeit, wie diese mehrere hat und wie die Geschichte lehrt, daß Wissenschaft und Wahnwitz, Critik und Wahnglaube, Unglaube und Aberglaube sich gerade in einer Zeit des Fortschrittes begegnen und neben einander herlaufen. Um den Berf. in etwas zu charakterisiren, geben wir nur ein Beispiel. Er glaubt auch, daß Abraham ein Priester des Brama gewesen und daß er deshalb A bram geheißen. Melchisedek war auch ein Bramane, nicht wegen seines Namens, sondern weil er „Priester des Höchsten" genannt wird. — Jeuilteton. Die Luden iu Lagdad. Bou Morris Goheu.') Herr Morris Cohen, Englisch-Lehrer an der Alliances Schule in Bagdad, giebt einen Bericht über die Lebens-: weise der Juden in dieser alten und 30,000 Seelen zählenden: Gemeinde von der Geburt bis zum Tode. Die traurige! Behandlung, die sie Jahrhunderte lang erfahren haben und der Mangel an allen ordentlichen Unterrichtsanstalten haben in dieser Masse eine völlige Unwissenheit bewirkt. Es ist nur eine einzige europäische Schule vorhanden, und man kann daraus folgern, wie beschränkt die Wirkung derselben noch seiu muß. Als Beispiele der Unwissenheit und des Aberglaubens führt Cohen Folgendes an. Ein Student des 1) Aus dem S. Jahresbericht der Anglo -Jewish Association übertragen. Sohar versicherte ihm. daß das Meer salzig sei, weil der Hinimel es berühre und verbrenne. Als er ihm erwiederte, daß der Himmel die See gar nicht berühre und wenn er es thäte, sie nicht verbrennen würde, erfolgte ein abweisendes Kopsschütteln über so seltsame Meinungen. Ein anderer Student behauptete, daß die Welt nur noch 360 Jahre bestehen werde; und dieser, aus einem obscuren Buche geschöpfte Glaube ist allgemein verbreitet. Cohen giebt nun folgende Schilderung: Bald nachdem ein Kind geboren ist, wird sein Kopf mit zahlreichen Hüllen bedeckt, die durch Hinzufügung eines Turbans noch vermehrt werden. Das Kind tvird in dem ersten Monate gar nicht gewaschen. Oben aus der Kopfbedeckung wird eine Anzahl Perlen und Stückchen von Stein oder Glas befestigt und das hält man für einen Schutz gegen böse Einflüsse. Man glaubt, daß dann und wann Kinder von Katzen weggeschleppt werden, und wenn ein Kind stirbt, so erinnert man sich immer seltsamer

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