Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1880)
- Date
- 1880-08-24
- Page
- Seite 533 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227320--38283-3307500- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
533 zugewendet. Männer, wie Salvador,'Steinheim, Phöbus Philippson, B. Beer, S. Stern, Ludwig August Frankl, Leopold Kompert, A. Bernstein, Moritz Rappaport, W. Freund, M. M. Haarbleicher, Gideon Brecher, Ludwig Wihl, Moses Heß, Frauen wie Miß Aguilar, Anna Maria Goldsmid, Rahel Meyer und viele Andere widmeten der jüdischen Literatur theils ganz und gar, theils zeitweise ihre Kräfte. Wir unsererseits schufen für dieselbe Mittelpunkte, an die sich weitere Bestrebungen schließen konnten. Aber sie fand keinen dauerhaften Boden, keine bleibende Stätte; nicht weil das Publikum ihr unzugänglich war, sondern weil sie in der Mehrzahl derer, welche ihre Förderung als eine heilige Aufgabe und Pflicht hätten betrachten sollen, nur Widersacher und Hinderer fand. So lange das „Institut" bestand, wurde es mit Medisance und Böswilligkeit befehdet; anstatt dessen Kreis zu erweitern und mit den eigenen Kräften es zu unterstützen, suchte man es in Mißcredit zu bringen, ihm das wohlerworbene Ansehen zu rauben. So verpaßte man die Zeit, der jüdischen Literatur einen immer weitergreifenden und tiefergehenden Einfluß zu sichern und brachte es zuwege, daß sich immer außer den Fachmännern — keine bedeutenden Kräfte ihr mehr zuwenden, da ihnen durch sie ein genügender Wirkungskreis nicht geboten ist. Versuche, nachahmend das Geschwundene wieder herzustellen, fielen naturgemäß kläglich aus. So bietet gegenwärtig die jüdische Literatur nur einige Fachwerke, Schulbücher und Predigten. Bon schöpferischem Elan keine Spur. Jüngere Kräfte haben nichts als traurige, niederdrückende Bilder aus dem Osten oder geradezu Schriften von negirender Tendenz geliefett. Hiermit ist auch der Weg zu einer allgemeineren, begeisternden, das Gemüth des Volkes anregenden und inspirirenden Wirkung verloren. Eine Verjüngung läßt sich im Augenblicke nicht gewahren, und kann daher auf dieses wichtigste Werkzeug zur Entwickelung und Belebung des Geistes wenig gerechnet werden. Um so lieber wenden wir uns zu einem anderen überaus wichtigen Momente, dem Religionsunterrichte. Hier können wir glücklicher Weise einen neuen Aufschwung constatiren. Ter der Ueberschatzung der eigenen Person und Leistung geht damit Hand in Hand. Wir können daher erhoffen, daß durck» diese Vereine unserem Lehrerstande und damit besonders unserem Religionsunterrichte nachhaltige Förderung bereitet wird. Ein noch wichtigerer Schritt geschah aber dadurch, daß der jüdische Religionsunterricht in die höheren Lehranstalten eingeführt wurde, und, hoffen wir, in immer wetterem Umfange eingeführt wird. Durch keine Maßnahme wird dem modernen Heidenthume practisch nachhalttger entgegengetteten. Wenn dieses in unserer Jugend eingedrungen ist, so liegt eine der Ursachen, und nicht die schwächste, in dem Uebelstande, daß in der Regel mit dem 13. Jahre der jüdische Religionsunterricht für den Knaben völlig aufhörte, daß er ihn durch die höheren Claffen nicht begleitete, ihm also gerade in der Zeit höherer geistiger Entwickelung fehlte, und so selbst die Ein» drücke verloschen, die der frühere Unterricht gemacht hatte. Bekanntlich ist es ein starker Procentsatz der jüdischen Jugend, welcher die höheren Lehranstalten besucht, und allen diesen Jünglingen und den, die höheren Töchterschulen besuchenden Mädchen ging die religiöse Unterweisung dann ab, wann sie ihrer am meisten benöthigt waren. Denn hierzu kommt, daß der Unterricht während der zarteren Kindheit und selbst im Consirmandenunterricht, wenn die Confirmation in zu frühem Alter geschieht, nur auf einer minderen Stufe verbleiben und eine tiefere Auffaffung, ein erweitettes Berständniß nicht erzielen kann. Dem in wiffenschaftlicher Bildung vorrückenden Jüngling, der mit so vielen Kenntnisien ausgerüsteten Jungftau erscheint also die Religion als ein hinter ihrem nunmehrigen geistigen Standpunkt weit zurückbleibendes Element, wobei dann die gegenwärtigen religiösen Zustände im Hause, der seltene Besuch des Gottesdienstes, die nur ausnahmsweise Anhörung der Predigt keine Abhilfe schaffen. Das Bestre-! ben also, dem jüdischen Religionsunterrichte den ihm gebühren- >den Platz in den höheren Lehranstalten zu erringen, ist der! größten Anstrengung werth. Die Sache hat noch eine zweite, nicht minder wichtige Seite. „Es wächst der Mensch mit seinen Zielen," ist der schöne und richtige Ausspruch des Unterricht ist abhängig von der Beschaffenheit und Befähigung der Lehrer. Alles Theoretisiren hilft wenig, wenn es an tüchttgen und fleißigen Lehrkräfte» fehlt. Nun bedarf cs nur eines Blickes in die letzten Jahrgänge dieser Zeitung um zu gewahren, daß sich der jüdischen Lehrer eine anerkennenswerthe Sttebsamkeit bemächtigt hat. In fast allen Ländern und Provinzen find Lehrervereine entstanden, die ihre jährlichen Versammlungen halten, und sich hier noch mehr mit den Aufgaben ihres Amtes als mit den Interessen ihres Standes be schäfttgen. Daß hierdurch eine gegenseitige Belehrung und Aneiferung, überhaupt ein klareres Bewußtsein der Ziele erwirkt wird, denen der Lehrer nachzustreben hat, ist einsichttich. Die größere Selbstachtung des Amtes und eine Minderung Dichters. Die Religionslehrer selbst sind, wenn sie in den höheren Claffen den Unterricht zu erlheilen haben, angeregt und genöthigt, sich dazu befähigt zu machen und tüchtig vvrzubereiten. Sie müffen geeignet sein, ein ganz anderes weitreichendes Material ihrem Unterrichte zu Grunde zu legen, ihm eine strengere Methode zu geben und einen schärferen und gehobenen Ausdruck zu verleihen. So müffen sie selbst vorwärts schreiten und eine gewiffe theologische und philosophische Bildung sich aneignen. Das ganze Religionsunterrichtswesen wird von der Elementarstufe auf eine höhere gehoben, was rückwirkend auch auf die erstere influirt. So groß der Segen war, als der Religionsunterricht hergestellt und organisirt wurde, wozu, was nicht genug anerkannt wird, Foelson (in