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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-08-24 · Heft 34 (24.8.1880) · p. Seite 532

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 34 (24.8.1880)
Date
1880-08-24
Page
Seite 532 (sequence 4)
Language
German
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532 hiermit eine Aufhebung aller modernen Rechtsgrundsätze, eine Umkehrung des ganzen Fundaments des gegenwärtigen Staates vollbringen würde, stimmt mit den Absichten dieser ganzen Partei überein. Nur das Eine wollen wir noch hervorheben: Jeder, der diese Petition unterschreibt, insinuirt der großen deutschen Nation von 40 Millionen eine Angst vor dem Häuflein Juden, welche zugleich eine Schwäche, eine Ohnmacht der gesammten Nation bezeugt, die ihr vor der ganzen civilisirten Welt zur Schmach gereichen würde! Wir sind deshalb noch weit mehr als Deutsche denn als Juden über dieses Machwerk entrüstet. Wohin haben wir unsre Aufmerksamkeit zu richten? Zu den Festtagen. II. Die Reform des Gottesdienstes ist bisjetzt ihren richtigen Weg gegangen. Sie ist nicht ans der Theorie, nicht aus der Negation des Bestehenden entsprungen, sondern aus dem Leben und durch das Leben ist sie aus- und fortgeführt worden. Das Leben ist das unmittelbare Bedürfniß, wie es sich aus den vorhandenen Bedingungen ergiebt. Mögen unsere Väter in dem Gottesdienste, wie er beschaffen gewesen, volle Befriedigung ihrer religiösen Empfindungen und Anschauungen gefunden haben; nachdem die allgemeine Bildung ihren umgestaltenden Einfluß nicht blos auf Einzelne, sondern aus die gesammte Maffe der Juden, insbesondere aus die Heranwachsenden Generationen geübt hatte, konnte man den Gottesdienst in seiner bisherigen Beschaffenheit nicht allein nicht mehr für ausreichend, sondern auch für nicht mehr erträglich erachten. Wo aber eine Umwandlung aus dem treibenden Bedürfniß entsteht, da löst sie sich nicht gewaltsam vom Boden des Bestehenden ab, giebt nicht plötzlich das Geschichtliche, die Tradition auf, sondern cs sucht sich durch die Umbildung des Vorhandenen Genüge zu schaffen. So ging die Reform des jüdischen Gottesdienstes innerhalb der Gemeinden selbst vor sich und von ihnen selbst aus. Eine Gemeinde folgte aus die andere darin, und wenn sich deshalb an den einzelnen Orten Verschiedenheiten herausbildeten, so bewegt sich die Reform doch immer innerhalb derselben Formen und betreffs derselben Gegenstände. Zunächst galt es, jene sprichwörtlich gewordene Unordnung, das Tumultuarische, den Mangel an andächtigem Verhalten selbst bei dem am heiligsten gehaltenen Theile, z. B. der Vorlesung aus der Thora und den Propheten zu beseitigen; dafür regelmäßigen Bortrag und Gesang an die Stelle zu fetzen; alsdann mißbräuchliche Ceremonicn und den größten Theil der unverständlichen und barocken Piutim abzuschaffen. Ferner Gcbefformeln, welche der gegenwärtigen Anschauung widersprechende Bitten, wie die Wiederherstellung der blutigen Opfer ausdrücken oder sich in mystischen Ansichten, z. B. über die Engel, ergehen, zu streichen: endlich Gebete und Gesänge in der Landessprache einzusügen. Auf diesem Wege ist man bisjetzt vorgegangen, indem man andererseits die ganze innere Anordnung des Cultus, die Gebetzeiten und Gebetabschnitte, Sabbath und Festtage, die hebräische Sprache als hauptsächliche Gebetsprache, die, wenn auch verkürzte Vorlesung aus der Thora in der Ursprache, die Hauptgebete, wie das Schema, die Thesillah, die Keduschah, des Kaddisch u. s. w. bewahrte. Mögen nun hierin die einzelnen Gemeinden einige Schritte zurückgeblieben, andere weiter gegangen sein: diese Reform ist an sich kein Gegenstand des Streites mehr. Bei der Autonomie der Gemeinden verfährt jede einzelne nach ihrem eigenen Ermeffen, nach dem in ihrem Schooße erwachten Bedürfniß, und was hier zu thun sei, hat sich in so bestimmter Weise herausgebildet, daß die Gemeinde eben nur die Wahl zu treffen hat. Es können also an einzelnen Orten daraus einige Mißhelligkeiten oder gar Spaltungen entstehen, über die Sache selbst ist man nicht mehr in Zweifel. So wichtig, so unumgänglich diese Reform des jüdischen Gottesdienstes war und ist, so kann sie doch für die Gegenwart und Zukunft keinen Gegenstand allgemeiner Erregung und Discussion mehr abgeben; sie wird an den einzelnen Orten zu ihrer Aus- und Fortführung lebhaft auf die Geister wirken; aber nur künstlich kann sie noch zum Gegenstände eines allgemeinen Kampfes gemacht werden, der darum die Gemüther der Masse nicht anrcgen wird. Gewiß ist auf diesem Gebiete noch Manches zu thun, wir erinnern z. B. an den Mangel der thätigen Theilnahme der Gemeinde an den gottesdienstlichen Handlungen, an die Uebersülle der Gebete vor dem Beginn des eigentlichen öffentlichen Gottesdienstes, vor ~zr~' und ir'i. Aber dasselbe Bedürfniß und der conser- I vativ-reformatorische Geist, die uns bis hieher geleitet haben, werden auch hierin das Richtige treffen. Daß der Hauptzweck der Reform die Andacht und Weihe, die Erhebung und Befriedigung des religiösen Geistes war und ist, versteht sich von selbst. "Aber was wir durch sie zugleich erreichten, ist, daß wir jene Mißachtung und Verhöhnung unseres Cultus in der eigenen Mitte und außerhalb unseres Kreises beseitigten, welche schwer auf uns lastete und unserer Religion wesentlichen Nachtheil brachte. Und dies ist es auch, was der Reform einen Werth gegenüber dem modernen Heidenthume verleiht, das durch sie vor der Erscheinung des Judenthums, vor deren Würde und Charakter Achtung empfinden muß und es sich nicht mehr leicht machen kann, uns mit den Vorwürfen der Abgeschmacktheit und des Veralteten zu überhäufen. Einen weniger erfteulichen Anblick bietet uns die jüdische Literatur. Sie hatte im Ganzen einen genialen, schöpferischen Aufschwung genommen. Außer den vielen, allbekannten Fachmännern hatte sich ihr eine große Zahl bedeutender Autoren

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