Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1880)
- Date
- 1880-08-24
- Page
- Seite 531 (sequence 3)
- Language
- German
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531 Jndeß stehen solchem Beginnen der Geist der gegenwärtigen | deutschen und preußischen Staatsregierung und die bestimmten j Auslastungen des Fürsten Bismarck auf dem Berl. Congreßl entgegen, und so müßten jene vereinigten Parteien zuvor auch! im Stande sein, die gegenwärtige Regierung zu stürzen, was doch wohl über ihre Kräfte und zum Theil über ihren Muth hinausgehen würde. Käme hinzu, daß kein geringer Theil der sogenannten freiconservativen Partei auf diesem Wege dem Gros der vereinigten Partei nicht folgen würde, so wäre der Erfolg jener Bestrebungen zweifelhaft. Dies hängt wesentlich davon ab, ob bei den nächsten Wahlen zu Reichstag und Landtag die Conservativen sich vermehren, oder nicht. Eine Verstärkung dieser Partei würde sie zu entscheidenden Schritten ermuthigen; eine Verminderung könnte leicht die Parteiverhältniste in den beiden gesetzgeberischen Körpern wieder wesentlich verschieben. Wir wollten durch diese Auseinandersetzung auch unsrerseits beitragen, das allgemeine Bewußtsein über die Lage der Dinge klar zu machen. Klagen über die Rückkehr solcher Zustande helfen zu nichts; es gilt vielmehr zu rechter Zeit und an rechter Stelle thätig zu sein. Der obige Artikel war bereits in die Druckerei gesandt, als uns ein Specimen von der vereinigten Wirksamkeit der Ultramontanen und Conservativen zuging. Einer unsrer Berliner Correspondenten hat schon in Nr. 31 (Seite 487) von einer Petition berichtet, welche gegen die Juden in Umlauf gesetzt sei. Eine ausführlichere Mittheilung bringt die „Köln. Ztg." vom 11. Aug.: „Im ganzen deutschen Reiche circulirt gegenwärtig ultramontanen Blättern zufolge eine an den Reichskanzler und Ministerpräsidenten Fürsten Bismarck zu richtende Petition, welche die ernsten Gefahren schildert, die nicht allein den wirthschastlichen Verhältnissen und dem Wohlstände des deutschen Volkes, sondern auch seiner Cultur und Religion von dem Ueberhandnehmen des Judenthums und dessen steigendem Einflüsse drohen sollen, und, um diesen Gefahren zu begegnen, die Reform und Ergänzung jener Gesetzgebung als nothwendig bezeichnet, welche die Ausbeutung und Verderbung des deutschen Volkes durch die Juden und die von jüdischen Anschauungen angestecktcn Deutschen ermöglicht habe. Es wird daher die Bitte ausgesprochen, „der Reichskanzler wolle zur Verhinderung weiterer Zunahme des jüdischen Bolkselements und jüdischen Einflusses den gesetzgebenden Körpern des deutschen Reiches und Preußens baldmöglichst Vorlagen machen, durch welche 1) die Masseneinwanderung der Juden, besonders von Osten her erschwert wird; 2) die jenigen Geschäftszweige, welche, wie Börsen, Banken und Zeitungswesen, von den Juden und den zu jüdischen Anschauungen verführten Individuen zur Ausbeutung des deutschen Volkes benutzt werden können, controlirt und möglichst hoch besteuert werden; 3) die amtlichen Berufskreise, deren Autorität durch das Eindringen jüdischer Anschauungen gefährdet wird, etwa mit dem Rechte der Wahl, ähnlich wie es sich bei den Officiercorps schon längst bewährt hat, ausgerüstet werden; gesetzliche Garantieen für die völlige Ausschließung aller Juden von obrigkeitlichen Aemtern und Befugnissen geboten werden." Wir entnehmen die Nachricht dem Wests. Merk., der versichert, von Herrn Stöcker ginge die Agitation nicht aus. Nun, das kennt man. Es wäre aber dankenswerth gewesen, wenn der Wests. Merk, einiges darüber in die Oessentlichkeit hätte kommen lassen, warum es geboten sei, auch die Zeitungen, also auch die katholischen Zeitungen unter Staatscontrole und höhere Steuern zu stellen, um die Ausbeutungen des katholischen Volkes durch die Juden hintanzuhalten. Sollten die Juden wirklich schon in das katholische Zeitungsgeschäft eingedrungen sein?. Gute Correspondenzen in gut katholischen Blättern haben allerdings mitunter Juden zu Verfassern gehabt; von den Börsenberichten ganz abgesehen. Die obige Nachricht ist übrigens zuerst in einer nicht minder widersinnigen Form als die ganze Petition aufweist, in die Oessentlichkeit gedrungen; damals hieß es nämlich in einer englischen Zeitung, es sei eine Agitation im Gange, den Juden die Auswanderung aus Deutschland zu verbieten." Mit Recht nennt die K. Z. das ganze Schriftstück widersinnig, und gerade deshalb können wir es ruhig seinem Schicksal überlassen. Wahrscheinlich erhält es dennoch eine ziemliche Anzahl Unterschriften und zwar sowohl von den Stöckerianern als von den Ultramontanen. Man weiß ja, wie dergleichen gemacht wird. Wenn die K. Z. nur den einen Punkt betreffs der Zeitungs Controle und selbst Steuer berührt, so liegt dies im unmittelbaren Interesse derselben. Jedenfalls würde dadurch am schwersten die katholische Presse betroffen und die „Germania" voran, von denen die meisten nur einen kargen Ertrag liefern. Im Ganzen geht der Schachzug nicht blos gegen die Juden, sondern auch gegen die „von jüdischen Anschauungen angesteckten" Christen, d. h. gegen die Liberalen. Eine Controle und Steuer blos für Liberale ließe sich doch wohl nicht gut ins Werk setzen'. Was den ersten Punkt betrifft, so müßte die Regierung vor Allem Erhebungen über die Einwanderung von Juden machen, und da würde sich sofort die Unwahrheit der ganzen Behauptung Herausstellen. Beliebt cs den gesetzgeberischen Factoren, eine Börsen- und Banksteuer einzuführen, so geht dies die Juden spcciell gar nichts an; es wäre eine allgemeine volkswirthschaftliche Maßregel, die das christliche Capital so gut wie das jüdische träfe. Die Hauptsache liegt im dritten Punkte, und das widersinnige besteht darin, daß man zuerst eine Wahl seitens der Beamten selbst, also der Concurrenten, und dann den völligen Ausschluß der Juden von den Staatsämtern verlangt. Man will noch hinter das Gesetz von 1847 zurückgehen. Daß man *33