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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-08-24 · Heft 34 (24.8.1880) · p. Seite 530

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 34 (24.8.1880)
Date
1880-08-24
Page
Seite 530 (sequence 2)
Language
German
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530 genoffen lebhaften Anklang gefunden und von den Parteiorganen wiederholt besprochen wird. „Conserviren wollen wir, heißt es da, die christliche und deutsche Grundlage unsres Volkes; darum gilt es jetzt, mit den fremden Zuthaten aufzuräumen, die man unsrer Gesetzgebung und unsrem Volksleben eingeimpft hat, und an denen dieselben nun seit lange kränkeln." Würde man unter „christlich" die Grundsätze der Gleichberechtigung im Staate und der gesetzlichen persönlichen Freiheit verstehen, so hätten wir gegen diesen Ausdruck, der die ungeheure Mehrheit des Volkes bezeichnet, ebenso wenig einzuwenden, wie gegen „deutsch." Aber man weiß ja, daß diese Partei darunter nur die engherzigste Confessionalität und die Ausschließung aller Andersgläubigen, nicht allein der Juden und der Diffenters, sondern auch aller, der Orthodoxie nicht huldigenden Protestanten und Katholiken, aller freisinnigen Volkselemente versteht, und diese in allen Staatseinrichtungcn, in der Verwaltung, in allen Staatscarrieren und erreichbaren Maßnahmen zur Herrschaft bringen will. Würde man diese Herren fragen, was sie unter „den fremden Zuthaten" verstehen, mit denen man „auftäumen" müsse, so würden sie allerdings, wollten sie diese Frage mit geschichtlicher Wahrheit beantworten, in Verlegenheit kommen. Denn die Grundlagen des alten Staates waren allen europäischen Staaten gemeinsam, das Feudalrecht, die Leibeigenschaft, das Zunftwesen u. s. w. Sie waren dieselben in Frankreich wie in Deutschland, in Spanien wie in Italien. Ebenso waren die Grundlagen des absolutistischen Staates dieselben in allen Ländern, so sehr dieselben, daß die Einheit in Frankreich und die Vielheit in Deutschland keinen Einfluß darauf hatte, sondern jeder, auch kleinste deutsche Staat dieselbe Grundlage des Absolutismus wie in Frankreich hatte. In ganz gleicher Weise ging nun in Deutschland wie in Frankreich die Umwandelung in den modernen Staat vor sich, und die Grundlagen deffelben sind überall dieselben. Wollten daher diese Männer aufrichtig sein, so dürfen sie nicht sagen: sie wollten mit den ftemden Zuthaten auftäumen, sondern: sie wollen zu den alten Staatseinrichtungen zurückkehren, wie sie ehemals nicht blos „deutsch" waren, sondern in allen europäischen Ländern bestanden, zu den Vorrechten des Adels, zu den Zunftrechten, zur ausschließlichen Eoufesfionalität, zu den Abhängigkeitsverhältnissen der arbcitenden Claffen und zu all' den Consequenzen dieser „Grundlage." Die Ausdrücke „fremd", „deutsch" und „christlich" sind nur eine Maske, hinter der sich nichts als das pure Mittelalter verbirgt. Da nun die Staatsregierung unmöglich sich auf den wahren Standpunkt dieser Männer zu versetzen vermag, so ruft denn auch die „Germania", als Vertreterin des Centrums (Nr. vom 6. Aug.) dem schriststellernden Freiherrn, sowie den conservativen Blättern vor Allem zu: sie sollten sich von der Regierung unabhängig machen, und sucht sie mit der Verheißung zu ködern, daß sie dann „eine breite Basis im Volke" finden würden. Jndeß wiffen wohl die Conservativen, daß diese Verheißung in das Gegentheil Umschlagen würde. Wollten die Conservativen geradezu auf das eben bezeichnete Ziel losgehen, so würden sie nicht allein gegen die Regierung anstürmen muffen, sondern sie ständen alsbald allen gegenwärtigen Rechten des Volkes und allen wahren Interessen desselben feindlich gegenüber, und es ginge ihnen wie den sogenannten Legitimisten und Clericalen in Frankreich, die so lange eine gewiffe Partei im Volke haben, bis sie irgend ein wesentliches Recht und Interesse des Volkes berühren — dann find sie sofort verloren. Wir können daher dem fernen Wetterleuchten eines solchen drohenden Unwetters ruhig zusehen. Es kann aus momentanen Conjuncturen diese oder jene beschwerliche Maßregel hervorgehen, aber zu einem systematisch und vereint betriebenen Umsturz des modernen Rechtsstaates kann es nicht kommen. Die Jntereffen der sich hierzu vereinigen müffenden Parteien selbst liegen zu weit auseinander. Wir Juden hätten von einer solchen Bereinigung der Conservativen und des Centrums das Schwerste zu befürchten. Die Organe dieser beiden Parteien sind es, die „Kreuzzeituug" und die „Germania" voran, welche von ihrem Entstehen an den grenzenlosen Haß gegen die Juden predigten und schürten, und es giebt kein Ziel nach dieser Richtung hin, aus welches sie nicht lossteuern. Allerdings ist der Führer des Centrums, I)r. Windthorst, zweimal für die gleiche Behandlung der Juden und zwar gerade in Angelegenheiten der Geistlichen, eingetreten; aber bei der Abstimmung wurde er gerade hierin von der großen Mehrheit seiner Partei verlassen. Bei der jüngsten Verhandlung im bayerischen Landtage über die Aufhebung der von den Juden an christliche Geistliche noch zu zahlenden Neujahrsgelder stimmte mit einigen wenigen Ausnahmen die clericale Rechte gegen den Regierungsantrag, so daß dieser nur mit einer geringen Mehrheit durchging. Wir wissen also zur Genüge, was luir von der großen Mehrheit des Centrums zu erwarten hätten. Daß die preußischen „Conservativen" ihren Traditionen anhängen und den Geist der Ausschließung gegen die Juden gerade so bethätigen würden, wie sie es vor jetzt 25 Jahren thaten, jedoch die Mehrheit im Abgeordnetenhause nicht erlangen konnten, darüber kann wohl kein Zweifel bestehen, und gerade in diesem Punkte würde wohl zwischen dem Centrum und den Conservativen eine rührende Uebereinstimmuug sich finden. Freilich können Ausnahmegesetze und Beschränkungen nur nach Aufhebung des betr. Bundesgesetzes und nach Veränderung der betr. Paragraphen der preußischen Verfassung angenommen werden. Sind aber diese Herren einmal im Zuge, so würden sie dies auch fertig bekommen.

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