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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-08-17 · Heft 33 (17.8.1880) · p. Seite 524

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 33 (17.8.1880)
Date
1880-08-17
Page
Seite 524 (sequence 12)
Language
German
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524 „jenigen, die zur Erbauung des Gotteshauses mitgewirkt, erlebten „diese seltene Feier nur noch 2 Greise, die das 80. Jahr weit „überschritten haben und noch in voller Rüstigkeit find." — Man schreibt uns aus Bremen vom 5. August: Der erste Referendar, welcher seit Einführung der neuen deutschen Gerichtsordnung am hiefigen Amtsgericht vom Senat zugelafien wurde, ist ein Jude und ein geborner Bremer, der Dr. jttr. Leopold Cohn. Derselbe ist der Staatsanwaltschaft zur Hülfeleistung überwiesen. — Man schreibt aus Stuttgart vom 1. August: In Folge höheren Aufttages wird am kommenden Samstag in den Synagogen des Landes ein Dankgebet für die glücklich erfolgte Entbindung I. K. H. der Frau Prinzesfin Marie man einen religiös und polittsch intoleranten Act des Munizipalrathes. Nach dem Tode des berühmten Publicisten Giac. Dina ttat ein Comitö ausgezeichneter Christen zusammen, demselben eine Marmorbüste in seiner Vaterstadt auf einem öffentlichen Platze errichten zu lassen. Der Munizipalrath wies die Aufstellung ab, weil Dina zur Zeit für Verlegung der Refidenz nach Florenz und Rom gestimmt hat und weil er ein Jude gewesen. Die Büste wird nun eine Stelle in Rom finden. — Jüngst fanden aus Paris zahlreiche Ausweisungen wegen socialistischer Umtriebe statt. Unter ihnen befand fich — die Witwe des verst. Moses Heß aus Köln. — In eine der Synagogen zu Alexandrien ist jetzt die Orvon einem Prinzen verrichtet werden. — Aus Turin berichtet j gel mit Chorgesang eingeführt worden. — Feuilleton. plau-ereieu ans dem Lebeu. E. So vieles Vergnügen auch das Wandern machte, so war es doch immerhin mit vielen Beschwerden verbunden, daß, außer wenn die Nothwendigkeit zwang und mit seltenen Ausnahmen, fich dasselbe doch mit der Jugend begnügen mußte. Selbst der, welcher wandernd ein ziemlich großes Stück Erde gesehen, es kam die Zeit, wo er fich an einem Fleck sein Heim aufschlug und fich nun hineinbarg, wie die Schnecke in ihr Häuschen. Das Reisen hatte ein Ende und man wurde ein wackerer Pfahlbürger. Bei den Bewohnern der mittleren Und kleineren Städte war selbst das Spazierengehen an Sonn- und Festtagen eine seltene Sache, und hiervon machten nur die Juden eine Ausnahme. Am Sabbath Nachmittag konnte man die ganze Gemeinde, in festlichen Gewändern auf den Spaziergängen, nach nahegelegenen Dörfern antteffen. Es liegt darin ein Zeugniß für ihren lebhafteren Charakter und daß es unrichttg ist, wenn man von unseren Vätern aussagte, daß sie an der Natur keinen Gefallen, für ihre Schönheiten keine Empfindung gehabt hätten. Der Lebensbeschäfttgung nach waren die Juden jener Zeit gewiß die rüstigsten Fußwanderer. Denn ein großer Theil derselben trieb das Haufirgewerbe; am Sonntag früh wanderten fie, mit größeren oder kleineren Waarenbündeln belastet, auf die Dörfer hinaus, durchstreiften das ganze nähere oder etwas fernere Land und kamen Freitag Mittags wieder zurück, um sich zur Feier des Sabbaths vorzubereiten. Dies thaten nicht blos junge Männer, sondern viele bis ins Greisenalter hinein. Da in den meisten deutschen Staaten bis zum Jahre 1848 die Zünfte bestanden mit dem Vorrechte, oder vielmehr mit dem Unrechte, Juden nicht aufzunehmen, so daß ein Jude höchstens durch landesvaterliche Gnade ein sogenannter Freimcister werden konnte, d. h. er durste keine Gesellen und nur einen Lehrling hatten, und da dieselben Zunstgesetze den Handel mit Handwerkerwaaren aufs Sttengste, unter Strafe der Confiscation und schwerer Geldbuße, verboten, auch zum Specereihandel oder, wie er in Norddeutschland heißt, Materialwaarenhandel, eine besondere, schwer zu erlangende Concesfion gehörte, so waren diese armen Juden zum Haufirhandel mit kleinen Manufacturwaaren verurtheiü, und der warf kargen Gewinn ab, bei der Menge derer, die ihn betrieben, besonders wenn erst das Alter langsam und schwerfällig machte. Dabei die dürftige Kost, da selbstverständlich diese Haufirer die Speisegesetze aufs Strengste beobachteten. Hierbei hatten fie noch mit den Grenzwächtern und Gensdarmen zu rechnen; denn wehe dem, der jenseits der Grenzen des Kleinstaates bettoffen wurde. Er sah sein Bündel niemals wieder, desto länger das Gefängniß, wenn er nicht das hohe Strafgeld zahlen konnte; schließlich wurde er auf den Schub über die Grenze seines Heimathlandes zurückgebracht. So sah es außerhalb Preußens, das schon 1812 auch für die Juden eine mildere Gesetzgebung hatte eintteten lassen und durch die Gewerbeordnung von 1810 die Zunstbeschränkungen aufgehoben hatte, im deutschen Vaterlande bis 1848 aus, z. B. auch in dem aufgeklärten und wohlgeordneten Anhalt. Die Folge war, daß, nachdem die jüdische Jugend guten Schulunterricht genoffen, dieselbe in ihren kleinen Vaterländern keinen Platz fand, auszog und sich über die Erde verbreitete. So kam es, daß viele dieser ehemals blühenden und verhältnißmäßig starken jüdischen Gemeinden in den deutschen Mittel- und Kleinstädten allmählich zusammen schmolzen. Also, wie gesagt, gewandert wurde in alter Zeit von den Juden genug. Wie dem auch sei, die Wanderlust hat aufgehört und dafür ist die Reiselust gekommen. In den letzten 45 Jahren wurde bekanntlich die ganze civilisirte Welt und ein Stück darüber hinaus mit einem Netz von Eisenbahnen bedeckt, einem Netze, dem nachttäglich immer mehr und immer lleinere Maschen eingewoben werden. Dies hat die Ber-

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