Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1880)
- Date
- 1880-08-17
- Page
- Seite 522 (sequence 10)
- Language
- German
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522 schen und des Religionsunterrichts waren meist praktisch und zutreffend. Herr M. Ellinger aus New-Aork las einen Effay über die Stellung der Juden in der Jetztzeit. Es war eine treffliche Leistung, voller guter Pointen. Herr Dr. Hahn aus Cleveland, den Sie gewiß aus seinen zahlreichen Artikeln in der jüdisch-amerikanischen Preffe, besonders in früheren Jahren, kennen und der die Logik und Grammatik gleich zweifelhaft handhabt, gab einen Bortrag jenen Arbeiten entsprechend. Thema war: „Die jüdische Theologie im Zeitalter der Critik". Im Namen letzterer brach er unbarmherzig den Stab über die erstere und besonders die Bibel. Er declamirte und donnerte über eine Stunde, in Gegenwart eines sehr zahlreichen jugendlichen Laienpublikums von dem Gott der Bibel, des Talmuds und des Midraschim im Gegensätze zum Gotte der Wissenschaft, worunter er den Darwinismus verstand! Es war die „freie" Weltanschauung seines Vorgängers, des berüchtigten Di-. Meyer i die Frivolität unseres amerikanischen Col. Jngersoll, vereint mit der Logik, dem Takt und der gesunden Vernunft des Dr. Hahn in Lebensgröße'.! Zur Ehre der Rabbinervcrsammlung sei cs gesagt, daß fast alle anwesenden Mitglieder derselben vor Entrüstung kaum an fich hallen konnten, daß fast alle gegen jene Ansichten und Insinuationen protestirten, aber nur die Herren Ellinger, Wise und Hirsch zu Worte kommen konnten und in kurzen, aber feurigen Worten den Schwätzer in die Schranken wiesen. Den folgenden Tag widerrief er in der Sitzung und in der Presse die Tendenz seines Bortrages. Herr L. Adler aus Chicago gab einen braven Bortrag über „Jst's ein Unglück Jude zu sein?" Dieser wie der des jungen Dr. Hirsch waren berechnet, die Jugend mit Israels Schicksal, Mission, Schriftthum und Geschichte auszusöhnen und womöglich den traurigen Eindruck der erst erwähnten Jngersolliade zu verwischen. Leider war jene Jugend nicht zugegen. Herr Dr. Zirndorf sprach einige ernste Worte über den seligen Dr. Einhorn, ohne aber dessen Leistungen und Kämpfe mit iu den Kreis seiner Besprechung zu ziehen. Die Schlußrede hielt der erwähnte Herr Dr. Hirsch aus Louisville. Es war eine schöne Rede mit jugendlich-warmen Gefühlen, herrlichen Bildern und correctcr Anschauung, deren gediegener Inhalt glänzend hervorgehoben wurde von der anmuthigen Persönlichkeit, dem tüchtigen Rednertalent, dem hinreißenden Enthusiasmus dieses jungen Predigers, der kaum seit zwei Jahren eine Kanzel einnimmt. Ter junge Redner ist in Bezug auf oratorische Begabung glänzend ausgestattet und spricht man von ihm bereits als in erster Reihe der amerikanischen Kanzelredner stehend. Seine Rede schloß paffend gestern Donnerstag Abend den 15. d. M. die Rabbiuerversammlung. Mehr privatim als offfciell auf Anregung des Herrn M. Flügel wurden die Fragen der amer. Judenheit besprochen : I. Bezüglich des Verfalls des Sabbathgottesdienstes und ob es gerathen sei, einen Theil der Muße des Sonntags für Belehrung und Erbauung zu benutzen. II. Ueber das Verhältniß zwischen Gemeinde und Rabbiner, deren Pflichten, Rechten und Leistungen. DL Wie es zu halten sei in Bezug auf Ehecandidaten nicht-jüdischen Bekenntnisses oder halb-jüdischer Abkunft und was zu thun sei, um kecken Uebergriffen zu begegnen. Die Führer der Versammlung fanden es aber unzeitgemäß, die Fragen jetzt schon zu ventiliren. Die Ansicht der Majorität der versammelten Herren schien zuzugeben, daß das Landesgesetz in Ehesachen maßgebend ist(>'^ arrcfrm nth), ohne demselben religiöse Autorität zu geben und daß daher kein Rabbiner die Befugniß habe, Mischehen einzusegnen. Dieses betonte Rabbiner M. Flügel insbesondere, während Herr Rabbiner Felsenthal die Autonomie jedes Geistlichen und jeder Gemeinde auch in solchen Fällen befürwortete. Comitös wurden ernannt, um nächstes Jahr über obige wichtige Gegenstände zu refcriren. — Die nächste Sitzung wird in Chicago, Illinois, stattfinden. F. Detroit, Mich, im Juli. (Privatmitth.') Der literarische Verein amerikanischer Rabbiner hielt vom 14. bis zum 16. dieses Monats seine jährliche Versammlung im Tempel der hiesigen Gemeinde Beth-El unter großer Betheiligung des jüdischen und nichtjüdischen Publicums ab. Bevor ich über die stattgehabten Verhandlungen spreche, muß ich eine kurze Bemerkung über die Entstehung und Tendenz dieses Vereines voranschicken. Er wurde voriges Jahr bei Gelegenheit des in New-Jork abgehaltenen Concils der Union der amerikanisch-jüdischen Gemeinde von den daselbst anwesenden Rabbinern auf Anregung des Herrn Dr. M. Lilienthal ins Leben gerufen. Seine Tendenz ist die Förderung der jüdischtheologischen Wissenschaft und die Pflege eines cordialen und collegialen Geistes unter den jüdischen Geistlichen Amerika's. Die gedruckten Statuten des Vereines bestimmen unter Anderem, daß periodische Zusammenkünfte zur Besprechung wichtiger Tagesfragen der jüdischen Theologie und zur Abhaltung wissenschaftlicher Vorträge stattfinden sollen. Der Verein zählt bereits 56 Mitglieder, von welchem jedoch, wegen der großen Entfernung vom Versammlungsorte, diesmal nur 21 sich persönlich eingefunden. Bon den Anwesenden nenne ich besonders die Herren Rabbiner und Prediger Dr. M. Lilienthal, Dr. I. M. Wise und Dr. M. Mielziner aus Cincinnati; Dr. Zirndorf aus Detroit; Dr. 1) Der Unparteilichkeit wegen geben wir auch diesen Bericht. Redactiov.