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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-08-17 · Heft 33 (17.8.1880) · p. Seite 520

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 33 (17.8.1880)
Date
1880-08-17
Page
Seite 520 (sequence 8)
Language
German
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520 Zur Erreichung dieses Zweckes sollen dienen: Die Bezahlung des Lehrgeldes sür Knaben unbemittelter Eltern, sowie Reiseunterstütznng von nicht unter 15 fl. an Gesellen, welche sich auf die Wanderschaft begeben, und endlich Reisestipendien von nicht über 250 fl. „an besonders qualificirte Individuen, wenn für gewiffe Gewerbs-, Fabrikations- oder Industrie-Zweige Reisen ins Ausland angezeigt sind." Es sollen jährlich 100 solche Unterstützungen gewährt werden und zwar je 9/io davon an Protestanten und Katholiken, Vio aber an Israeliten. (Die Münchener Stiftung ist also nicht ausschließlich protestantisch-jüdisch.) Sollte später einmal die Zahl der Unterstützungen vergrößert werden, so ist das Berhültniß der Confessionen immer in derselben Größe einzuhalten. Von den 100 Unterstützungen werden jährlich 12 von S. M. dem Könige von Bayern, 2 von der Frhrl. von Rast'schen Familie und 85 von der „Frhrl. von Rast'schen Stiftungsverwaltnng in München" vergeben. Diese Verwaltung aber besteht aus 2 Magistratsräthen, 3 Gemeindebevollmächtigten und 4 Gewerbsmeistern oder Fabrikanten, letztere zur Hälfte protestantischen und zur Hälfte katholischen Bekenntnisses. Außerdem muß der Geburtstag des Stifters, der 28. Januar, alljährlich durch einen Gottesdienst, abwechselnd unter den drei betheiligten Confessionen, in München und dadurch gefeiert werden, daß an 12 unbemittelte Lehrlinge, welche sich besonders auszeichnen, Preise, bestehend in einem Gebetbuche und in 2 fl., vertheilt werden. Gesuche um Reisegeld, sowie um Stipendien zu Reisen in das Ausland find längstens bis zum 1. März, Gesuche um Lehrgeld aber bis zum 1. August jedes Jahres bei der Stistungsverwaltung in München einzureichen und zu belegen mit Geburts- und Bermögenszeugniß, ferner mit einem Zeugniß über sittlichen und religiösen Wandel und einem ärztlichen Zeugniß über Gesundheit und entsprechende Körperbeschaffenheit zur Erlernung des betr. Gewerbes, endlich mit einem Gutachten des Gewerbe- oder Fabrikrathes oder, wenn ein solcher sich nicht im Wohnorte des Gesuchstellers befindet, der Gemeindebehörde, resp. einem Zeugniß des Lehrherrn. Ehre solch edler Toleranz und humaner Gesinnung verbunden mit inniger Religiösität! O esterreich-Ungarn. Wie«, 2. Aug. (Privatmitth.) Der Director des österreichischen Museums für Kunst und Industrie, Herr Rudolf v. Eitelberger, einer der ersten Capacitäten auf dem Gebiete der Kunstkritik, veröffentlicht in der „Wiener Abendpost" vom 24. Juli einen Artikel: „Bemerkungen aus Anlaß der diesjährigen academischen Schulausstellung", in welchem er das ganz eminente Talent einiger israelitischer Schüler, Koloman Deutsch aus Baat, Adolf Hirschel aus Temeswar rc. hervorhebt. Es freute mich diese Mittheilung um so mehr, da wir Juden auf dem Gebiete der darstellenden Kunst so manches nachzuholen. Wie bekannt haben die Juden dieses Gebiet aus dem Grunde bis auf die neueste Zeit gemieden, weil sie fürchteten mit dem zweiten Worte des Decalags in Conflict zu gerathen. Am 2d. November d. I. werden es hundert Jahre, seitdem Kaiser Josef II. als Alleinherrscher den Thron bestieg (bekanntlich war er seit dem Jahre 1765 Mitregent). Es werden von verschiedenen Seiten Vorbereitungen zur Feier dieses Centenariums, ohne von oben commandirt zu werden, getroffen. Wir glauben annehmen zu dürfen, daß die Juden bei der Gelegenheit nicht fehlen werden. Napoleon I. characterisirt Oesterreich, es sei stets um eine Idee zurück. Auf diesem Gebiete schritt es seiner Zeit durch Josef II. voraus. Aus Ungarn, 6. August, (Privatmitth.) Die Ungarn haben immer darauf gepocht, daß in ihrem Lande die Toleranz stets die Herrschaft geführt habe und eine nationale Tugend sei. Mit Befriedigung gesteht der Geschichtsforscher zu, daß Ungarn niemals das Land der Religionsverfolgungen gewesen und daß namentlich die Geschichte der Juden in Ungarn nur wenige dunkle Flecken aufzuweisen habe. Darum fiel es auch nicht allzuschwer auf, als die Erlangung der gesetzlichen Gleichberechtigung in Ungarn so viele und lange Kämpfe kostete. Leider treten jetzt mancherlei Symptome auf, daß dieser, für das Wohl des Staates und der Nation so segensreiche Geist der Toleranz, der gegenseitigen Duldung und Achtung sich zu trüben im Begriffe sei. Der wahnwitzige Zelotismus Jstoczy's, der Anfangs so laut verlacht ward, und der sich mit einer Ausdauer und Thätigkeit verbindet, die einer befferen Sache werth wäre, fängt an, Terrain zu gewinnen und wir müffen es leider erfahren, daß er bereits 78 „antisemitische Vereine" gegründet hat, wenn auch deren Mitgliederzahl meist eine geringe ist. Ein weiteres Symptom ist, daß sich die öffentlichen Carrieren vor den Juden, wenn sie auch qualificirt sind, wieder zu verschließen begonnen haben, so daß bei solchen Hindernissen zu befürchten steht, daß die Beförderung um Staatsdienste wieder mit dem Abfall vom Judenthume erkauft werde. Exempla sunt odiosa, aber vorhanden ist dergleichen schon. In solchen Dingen ist die offene Aussprache geboten, ehe der Schaden zu weit frißt. — Der Chef der Antisemiten-Liga in Ungarn ist — nach „P. Hirlap" — nicht der Reichstags-Abgeordnete Victor Jstäczy, sondern der in Graz lebende Graf Leopold Pälffy-Daun de Erdöd, Fürst von Teano, ein kaum 46 Jahre alter, sehr jovialer, aber auch sehr excentrischer Mann, der das Präsidium der Liga aus Magnatenpasfion angenommen haben dürfte; Bice-Präfident der Liga ist Victor Jstöczy. Graf Palffy gedenkt übrigens in Folge seiner Erwählung seinen Wohnsitz nach Ungarn zu verlegen. (Die letzte Nachricht ist falsch, s. nächste Nr.)

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