Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1880)
- Date
- 1880-08-17
- Page
- Seite 518 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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518 %<i\k\,\A\<fyyv\<k£$yzA,c^ X&w. Deutschland. ©erlitt, 6. August. (Privatmitth.) Den Lesern wird das schwere Unglück bekannt sein, welches den verdienstvollen und freisinnigen Gelehrten Prof. vr. Theodor Mommsen betroffen hat. Dies bringt um so mehr in Erinnerung, daß Mommsen zu den bedeutenden deutschen Männern gehört, welche sich offenmuthig gegen die fanatischen Hetzereien erklärten, die man auf die Juden losläßt, sowie gegen die reactionäre confesfionelle Strömung. In einer Rede, die er in der Academie der Wiffenschasten zur Feier des diesjährigen Geburtstages des Kaisers hielt, sprach er über die äußere und innere Lage Deutschlands sich folgendermaßen aus: „Wo viel Licht und Glanz ist, da fehlen auch die dunklen Schatten nicht, und sie werden im Gegensatz um so stärker empfunden. Wir haben viel Herrliches, aber auch viel Entsetzliches erlebt; unserem Volke find nicht blos die Wunden geschlagen worden, die von allen großen Kriegen ein nothwendiger Theil sind und die im Siegesjubel rasch vernarben, auch andere und schwerere, zum Theil fresiende und eiternde haben sich geöffnet. Das gute Einvernehmen unter den führenden Nationen der Welt besteht nicht mehr in dem Umfang, wie es vor einem Menschenalter bestand; und wenn wir stolz darauf sein dürfen und stolz darauf find, daß dem starken und großen Volke der Neid und Argwohn entgegengetreten, wo das getheilte und geringgeschätzte ein gleichgiltiges Wohlwollen fand, so fühlen wir dennoch, wo es hintrifft, das Unbehagen der vielfach gestörten Beziehungen und die Gefahr für die Weltcivilisation, die in dieser stillen Fehde der Geister sich verbirgt. Dies ist ein nothwendiges Uebel und hoffentlich ein absehbares; die Zeit wird ja kommen, wenn wir sie auch nicht erleben, wo es sich von selbst versteht, daß unter den führenden Völkern der Welt das deutsche den Anspruch erhebt, keinem voran, aber auch hinter keinem zurückzustehen. Ernster und peinlicher find die Erscheinungen, welche die geistige Entwickelung unseres eigenen Volkes unter der Sonne des Glückes aufweist. Wie der Soldat leichter den Gefahren und Entsagungen des Krieges widersteht als dem Rausch des Sieges, so stehen wir vor und in einer Recrudescenz alter, einer spontanen Generation neuer moralischer Seuchen, die mit epidemischer Gewalt um sich greifen und an den Grundlagen unserer Gesellschaft rütteln. Alle alten Boruriheile und Befangenheiten sind wieder erwacht. Wir sehen uns in ernsten Kämpfen mit Mächten, die wir, als wir jung waren, verachteten und verachten dursten." „Ist das Reich Kaiser Wilhelms wirklich noch das Land Friedrichs des Großen, das Land der Aufklärung und der Toleranz, das Land, in dem nach Charakter und Geist und nicht nach Confession und Nationalität gestagt wird? Ist es nicht schon ein gewohntes Uebel geworden, daß die politische Parteibildung, dieses nothwendige Fundament jedes Berfaffungsstaates, vergiftet wird durch Hineinziehung des confesfionellen Haders? Regt man nicht in den socialen und den wirthschaftlichen Fragen das Element des Egoismus der Jntereffen wie des nationalen Egoismus in einer Weise auf, daß die Humanität als ein überwundener Standpunkt erscheint? Der Kampf des Neides und der Mißgunst ist nach allen Seiten hin entbrannt. Wirft man doch die Fackel in unsere eigenen Kreise und der Spalt klafft bereits in dem wiffenschastlichen Adel der Nation." Leipzig, 31 Juli. Die „Germania" läßt sich schreiben: „Heute wurde im Kreuzgange des Paulinums der hiesigen Universität ein anonymer Anschlag vorgefunden, der die Commilitonen zur Unterzeichnung einer Petition an denCultusminister um Vertreibung der jüdischen Commilitonen und Entfernung der Docenten jüdischer Confession auffordert. Die Petition bezeichnet die Juden als „Fremdlinge" in der Nation." — Es ist dies eines der Bubenstücke aus dem Dunkel der Nacht, die jetzt geschehen, um dem deutschen Volke in allen Schichten den obscursten Geist und das gefährlichste Gemüth unterzuschieben! Glücklicher Weise ist das Volk selbst davon ftei und weist alle diese Ränke mit Verachtung von sich. Schade, daß gerade unser schönes deutsches Vaterland dadurch befleckt wird, und das Ausland gierig danach greift, um Deutschland und deutschen Geist zu discreditiren! München, 29. Juli. Die Abgeordnetenkammer beschäftigte sich heute mit dem von dem kgl. Cultusministerium in Vorlage gebrachten Gesetzentwurf, die Aufhebung der unter dem Namen Neujahrgclder und dergleichen bestehenden Abgaben der Israeliten betreffend, Abgaben, welche die Israeliten in einigen Gebietstheilen Baierns seit Jahrhunderten an katholische und protestantische Geistliche, Kirchendiener, Schullehrer, Stiftungs- und Gemeindecaffen rc. entrichten und welche nach den Motiven des Regierungsentwurfs ihren Entstehungsgrund in dem früher empfundenen Bedürfniß haben, diesen Geistlichen und Kirchendienern für den durch den Uebergang von Häusern christlicher Familien in die Hände eingewanderter Israeliten entstehenden Ausfall an Stolgebühren ein Aequivalent zu gewähren rc. Aus Anlaß einer Petition mehrerer israelitischer Cultusgemeinden halten die beiden Kammern des Landtages an die Staatsregierung das Ersuchen gestellt, über die fraglichen Abgaben genaue Erhebungen pflegen zu laffen, und das Ergebniß dieser ist die heute verhandelte Vorlage. Der zur Borberathung derselben niedergesetzte Ausschuß nahm nur wenige redaktionelle Modificationen vor und beantragte dem Regierungsentwurfe