Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1880)
- Date
- 1880-08-17
- Page
- Seite 517 (sequence 5)
- Language
- German
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nuitrfiir*" 517 Guten", tönt aus dieser Geschichte durch zahllose Vorkommnisse des Lebens hindurch. Dies tatsächlich, aber noch mehr nach der gedanklichen Seite. Es ist in der That bei einem Manne, der in seinen Schriften oft die feinsten psychologischen Züge offen legt, zu verwundern, wie er die Bestrafung böser Handlungen durch das Eintreten ihrer bösen Folgen mit dem Seelenzustande des Sünders identificirt und sie nicht auseinanderzuhalten vermag. Jede Züchtigung zumeist materieller Art ist gänzlich verschieden von dem Seelenzustande dessen, der die That gethan und die Züchtigung erfährt. Ist der Sünder verstockt, so hat die Züchtigung nur eine ganz äußerliche Wirkung; ist das Gewissen des Sünders rege, empfindet er Reue, fühlt er sich in seinem Gewissen beunruhigt, gequält, ist er sich bewußt, wie sehr er sich gegen Gott, Menschen und sein eigenes besseres Selbst vergangen, wie weit er von Gott und dem Guten abgekommen — so wird er, empfängt er Strafe, sich durch dieselbe noch lange nicht ausgesöhnt, fühlt er die Strafe nicht, sich nicht minder unglücklich und verworfen empfinden. Die Barmherzigkeit Gottes, die Vergebung der Sünde, die Versöhnung mit Gott hat es nur mit der Verschuldung der Seele zu thun, mit der Läuterung unserer Seele vom Bösen, von der Schuld, die auf uns lastet, mit der Rückkehr unseres Bewußtseins zum Guten, mit der Beseitigung -er Leidenschaften aus unserem Gemüthe, mit der Beruhigung unseres Gewissens durch Sühne und Versöhnung — also gar nichts mit der Bestrafung des Bösen selbst. Die Schrift wie alle unsre Weisen, machen daher stets „die Umkehr vom bösen Wege" und die Läuterung unserer Seele, „die Rückkehr zu Gott" zur ersten Bedingung der Versöhnung, der Sündenvergebung. Diese hat es nicht mit der einzelnen That, sondern mit dem höheren Bedürfniß, mit der Seelenbeschaffenheit des Menschen zu thun. Wir haben dies zur Erläuterung an vielen Stellen damit verglichen, wenn ein Kind gegen den Willen seiner Eltern gehandelt, sie gekränkt und verletzt hat, und wenn es bestraft worden, sich noch weit von jener Liebe und Befriedigung der Eltern entfernt fühlt, die fein Glück ausmacht, und die wieder zu erlangen durch den Beweis seiner Besserung und durch Hingebung seiner Seele sein höchster Wunsch bleibt. Gehen wir und Willensmeinungen des handelnden Menschen in Betracht, und sobald diese sich zum Guten wenden, sich aus den Tiefen zur Höhe zurückringen, ist der Gerechtigkeit Genüge geschehen. Schon der menschliche Richter, wenn der Verbrecher vor seinem Forum steht, hat die Pflicht, und zwar je entwickelter und humaner die menschliche Rechtspflege wird, desto mehr die Pflicht, auf die Motive des Thäters, auf seinen Scelenzustand vor und bei der That zu achten, sie zu erforschen, in der Beurtheilung der That zu erwägen und hiernach „mildernde Umstände" anzunehmen und sogar fteizusprechen. Es gehört dies wesentlich zur Gerechtigkeit, und wir verurtheilen jetzt jene unerbittliche Strenge des mittelalterlichen Straftechts, welche die That lediglich nach der äußeren Erscheinung beurtheilte und strafte, als irrig, als ein Verbrechen an der Gerechtigkeit selbst. Erheben wir uns nun höher, denken wir an die Allwissenheit Gottes, vor der alle Handlungen des Menschen mit ihren Triebfedern und Absichten, mit ihren urfächlichen und ihren wirkenden Momenten klarliegen, und wir werden die Vergebung der Sünde, die Versöhnung des Sünders nicht als einen Act einer besonderen göttlichen Eigenschaft, der Barmherzigkeit, ansehen, sondern als einen Act der göttlichen Gerechtigkeit selbst. In unserer menschlichen Sprachweise werden wir nach den verschiedenen Seiten der Geschehnisse hin verschiedene Ausdrücke gebrauchen; aber im Begriff Gottes werden sie nur ein und dasselbe bedeuten, wie in seinem Wesen die höchste Einheit ist. — Wir haben uns hierüber etwas genauer ausgelaffen, um Herrn Weill den Jrrthum zu zeigen, in welchem er befangen ist, und die Ungerechtigkeit, mit welcher er auf diejenigen, die seinem Paradoxon nicht zustimmen, die härtesten Ausdrücke wälzt. Wir brauchen nicht hinzuzufügen, daß, was er über den Versöhnungstag sagt, falsch ist. Nicht der Tag und nicht der Hohepriester vergiebt die Sünde. Sie sind Mittel der Religion, um die Seele des Volkes zu wecken und sie zu Reue und Umkehr zu bewegen. So wurde die Institution von den Propheten und den Talmudisten aufgefaßt. Die symbolischen Handlungen an demselben gehören zum symbolischen Cultus und wollen aus diesem heraus verstanden werden. — Schon hieraus können die Leser ermessen, mit welchem Rechte einen Schritt weiter. Nichts ist irriger als zwischen der! Weill seinem Buche den Titel „der neue Sinai" gickbr, mit Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit Gottes eine Differenz1 welche Rechte er „die Lösung aller Probleme des Lebens und zu finden, und sogar eine nicht auszugleichende! Gerechtigkeit! des Todes" verheißt. Gewiß, wir finden im Einzelnen und Barmherzigseit find in Gott ganz identisch. Es ist die j manchen schönen und keck ausgesprochenen Gedanken, manche Gerechtigkeit in Gott, welche den Schwächen des menschlichen - neue und kühne Wendung, wenn der Autor auch Vieles als Wesens, das er so und nicht anders geschaffen, nachsehc und,! sein Eigenthum beansprucht, was schon längst als gute sobald sie von diesem selbst erkannt und bereut sind, vergebe j Münze coursirt. Wo aber in den Grundzügen schon so viele und die Verschuldung der Seele auslösche. Der göttlichen j falsche Linien gezeichnet sind, wo so häufig der Jrrthum der Gerechtigkeit kommt es in Wahrheit doch nur auf die Besse-! Wahrheit sich mischt, da können selbst die Begeisterung und rung des Sünders, auf die Läuterung feiner Seele von den Schlacken der Sünde an; bei ihr kommen allein die Absichten die Charakterstärke, zwei Eigenschaften, die wir Herrn Weill gern zuerkennen, nicht viel ausrichten. J