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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-08-17 · Heft 33 (17.8.1880) · p. Seite 516

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 33 (17.8.1880)
Date
1880-08-17
Page
Seite 516 (sequence 4)
Language
German
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516 diese politischen und socialen Principien des Mosaismus erörtert, an's Licht gezogen und dem allgemeinen Bewußtsein nahe gebracht worden. Daß er das Werl von Saalschütz und unsre Arbeiten auf diesem Felde nicht kennt, finden wir nicht ausfällig. Aber Salvador, dessen Schriften in Paris erschienen und in Frankreich ein gerechtes Aufsehen machten, durfte er nicht ignoren. Jndeß sehen wir von diesen Aeußerungen ab, so charakteristisch sie auch sind, und achten vielmehr auf die Leistungen des vorliegenden Buches. Hier finden wir alsbald zwei Ausgangspunkte, von welchen die Irrfahrten unseres Autors beginnen. Zuerst spricht er die Ansicht aus: „die Gesetze von Moses sind vor Allem ein politischer und bürgerlicher Codex, gegründet auf ein philosophisches und religiöses System." Moses kämpft gegen den Götzendienst, nur weil dieser den Despotismus und die Sklaverei repräsentirt. Es heißt dies doch nichts Anderes, als die Sache auf den Kopf stellen. Die Erkenntniß und Anbetung des einzigen unkörperlichen Gottes ist in der mosaischen wie in der ganzen heiligen Schrift Hauptzweck, die eigentlich herrschende und Alles belebende Idee; aus ihr fließt der Begriff und die Bestimmung des Menschen, aus ihr das Gesetz der Sittlichkeit, aus ihr der Berus Israels, aus ihr die Principien der Freiheit und Gleichheit für die politische und sociale Verfassung des Volkes. Alles ist Consequenz der höchsten Idee, geht von ihr aus und führt zu ihr zurück. Es umdrehen, das politische und sociale Gesetz als Hauptzweck hinstellen und die Gotteserkenntniß nur als theoretische Begründung darauf setzen, heißt die psychische Entwickelung des Mcnschcngcistcs und ebenso die h. Schrift selbst verkennen. Das erste Buch Moses beginnt von der Schöpfungsgeschichte, die Geschichte des Volkes Israel im zweiten Buche mit der Verkündigung des rr~N ~:c\n und des 'r,, den die Vorväter nicht gekannt hätten; das Gesetz beginnt mit den Zehn Worten und diese mit: „Ich bin der Ewige"; die Wiederholung des Gesetzes im 5ten Buch Moses beginnt mit der eindringlichsten Lehre von der Einzigkeit Gottes und mit „Liebe den Ewigen, deinen Gott" ff.; die Propheten, um die Erkenntniß des einzigen Gottes, dem eingedrungenen Heidenthume gegenüber zu retten, widmeten dieser alle ihre Kräfte, sprachen hiernach gegen alle Verletzung der Sittlichkeit und erinnern nur selten und gelegentlich an das Gesetz und seine Bestimmungen. — Wichtiger aber ist der zweite Punkt. Weill macht sich eine Ansicht über die Lehre Mosis zurecht, und von dieser aus will er das unterscheiden, was er als Doctrin Mofis von diesem selbst herrührend glaubt, und was Esra und dessen Mitarbeiter hinzugefügt hätten. Man sieht leicht ein, daß dies das willkürlichste Kriterium abgiebt, daß nach solchem Verfahren Jeder sich einen Mosaismus construiren und von diesem aus die Thora in beliebige Stücke zertheilen kann. Welches ist nun der Hauptpunkt für Herrn Weill bei dieser Kritik? Es ist ihm die Lehre von der Barmherzigkeit Gottes, von der Vergebung der Sünde, von der Versöhnung des Sünders mit Gott. Unser Autor kann sich nicht überzeugen, daß dies mit der Lehre von der Gerechtigkeit Gottes übereinstimme, und will nun alle Theile und Texte des Pentateuchs als eingeschoben oder hinzugefügt ansehen, wo die Lehre von der göttlichen Barmherzigkeit und Sündenvergebung zum Ausdruck kommt, ganz besonders aber das Kapitel über den Versöhnungstag. Wir haben dieses Paradoxon Weill's, das er schon in einer früheren Schrift vorgetragen, ausführlich widerlegt. Da aber unser Autor wenig liest und gar nichts lernt, so konnte ihn unsre Widerlegung auch nicht überzeugen. Er kann es nicht begreifen, daß „derselbe Gesetzgeber, der mehr als fünf Mal wiederholt hat, daß Gott die Gerechtigkeit ist, daß er nichts unbestraft lasse, daß alle Verbrechen gerächt werden, gesühnt während dreier Generationen, d. h. am Ende von dreißig Jahren (?!) durch die Zeit (und die Geschichte kommt dieser Wahrheit auf jeder Seite zur Hülfe), daß derselbe Gesetzgeber im folgenden Kapitel geschrieben habe: „ „An diesem Tage wird er euch verzeihen, von allen euren Verschuldungen vor dem Ewigen sollt ihr rein werden." " Ferner: „Das ganze philosophische und politische System von Moses beruht auf der durch Gott vollzogenen Gerechtigkeit, Gerechtigkeit ohne Vergebung für irgend eine nicht gut zu machende Sünde, vor, während und nach dem Leben." Alles, was hier Weill sagt, ist fixe Idee. Wir haben Texte über die Barmherzigkeit Gottes, z. B. 2 Mos. 34, welche so sicher mosaisch find, wie nur irgend etwas, so sicher wie die Texte über die Gerechtigkeit Gottes und die Bestrafung der Sünden, und wir hätten also „das philosophische System von Moses" hiernach aufzufassen und zu verstehen. Jndeß wollen wir uns hierauf gar nicht berufen. Wenn sich Weill ans die Geschichte und später auf das wirkliche Leben beruft, die uns, wie er meint, diese unausbleiblich erfolgende Bestrafung jeder Sünde, die unerbittliche Gerechtigkeit Gottes innerhalb eines Zeitraumes lehren sollen: so widersprechen dem gerade die Geschichte und das Leben mit allen ihren Erfahrungen. In der Geschichte wie im Leben gewahren wir viele und große Verbrechen unbestraft, dagegen Thaten, die in den besten und reinsten Absichten unternommen worden, von unglücklichen Folgen begleitet, und gerechte und fromme Menschen mit Mißgeschick und Mühsal beladen. Es ist eine durchaus willkürliche Berufung auf Geschichte und Leben, die sich Weill gestattet. Damit wäre das Problem der Menschengeschicke nicht gelöst, sondern nur abgeschnitten. Ein schönes Beispiel führt uns die Schrift gerade hierfür in der Geschichte Joseph's vor, wo das schmähliche Verbrechen der Brüder an Bruder und Vater zu den glücklichsten Folgen führt, für sie und Andere. Das Wort: „Ihr hattet Böses vor, aber Gott wandte es zum

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