Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1880)
- Date
- 1880-08-17
- Page
- Seite 515 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227319--38264-3307480- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Homer 1× ep/1025156
OCR text
515 ja die Jünger dieses Heidenthums offen zu deffen Lehren und Grundsätzen. Gegen dieses Heidenthum anzukämpfen, insbesondere dessen Verbreitung entgegenzutreten, muß unsre höchste Sorge sein. Der Geist der Propheten muß über uns kommen, uns erfüllen und aus uns sprechen. Mit dem Schwerte des Geistes müssen wir dem Gegner offen und entschieden entgegentreten. Jene in unserer Zeit nicht seltene Sucht, auszugleichen, alle Schärfen und Spitzen abzuschleifen und Niveau zu schaffen, auf dem wir uns Alle zu treffen vermögen, diese an fich achtbare Neigung wäre hier verderblich; fie würde die Religion gebunden in die Hände der Gegner liefern; fie würde ihr alle Kraft und Energie entziehen, mit welcher fie ihre Anhänger gegen die Verlockungen der Antireligiösen bewaffnen muß. Erwägen wir näher, welche Hilssmittel uns in diesem Kampfe zur Seite stehen. Liierarischer Wochenbericht. Bonn, 8. August. Lange Zeit haben die Philosophie, nachdem fie fich von der Theologie freigcmacht hatte, und die raisonnirende allgemeine Bildung auf die positiven Religionen mit einer unverkennbaren Mißachtung herabgeschaut, fie wie ein Convolut von Borurtheilen und Aberglauben betrachtend, welches jedes selbständige Denken zu fesseln suche. Nachdem aber der kritisirende Verstand selbst fich als unbefähigt erwiesen, auf eigenem Wege zu sicheren Resultaten zu kommen und seine Erzeugnisse selbst immer wieder zersetzte und beseitigte, ist man zu den Religionen wieder zurückgekehrt, betrachtet fie als ein Fundament, auf welches man sicherer weiterbauen könne, erforscht ihre Hallen, Gewölbe und Stockwerke, um zu sehen, wie weit man sich darin noch häuslich machen könne, oder inwiefern man sie auszubauen, zu erweitern und zu erhöhen vermöge. Die Ueberzeugung schafft sich nämlich immer mehr Raum, daß das Individuum, so energisch und umfassend sein Genie auch sein möge, doch nur hervorzubringen im Stande sei, was eine bedingte und zeitliche Geltung in sich trage; daß Alles, was für den Menschen einen dauerhaften Werth und irgend den Charakter der Unumstößlichkeit besitzen kann, nur aus der Geistesarbeit des gesammten Menschengeschlechtes und aller seiner Zeiten herauszuwachsen vermöge. Aber unter diesen Verhältnissen, unter dieser Würdigung und Thätigkeit der verschiedenartigsten geistigen Factoren, der Philosophie, der Wissenschaft, der Geschichte, des kritischen Verstandes, der religiösen Autorität und des Restes von Poesie und Symbolik, wie sie in der Atmosphäre der Gegenwart spielen, treten die wunderlichsten Figurationen zu Tage und machen sich die sonderbarsten Gestaltungen ohne Scheu und liefere Kritik geltend. Wir sehen eine Jagd bunter Gestalten auftreten, an uns vorüberziehen und nach bald kürzerer, bald längerer Zeit wieder verschwinden. Zu diesen sonderbaren, barocken Erscheinungen gehört das vor Kurzem in Paris (Dentu 18;*)) von Alexander Weil! veröffentlichte: 1.6 nouveau Sinai’, solution de tous les pioblemes de la vie et de la mort. („Der neue Sinai, Lösung aller Probleme des Lebens und des Todes.") Bei Lesung dieses Titels wird man nicht umhin können, in demselben eine seltene Anmaßung und Selbstüberhebung zu finden. Dieses Gefühl wird noch erhöht, wenn man weiß, daß es sich hier nicht etwa um eine buchhändlerische Speculation handelt, sondern daß der Verfasser diesen Titel mit gutem Glauben gewählt hat, nämlich mit dem Glauben an sich und seine Gedanken. Herr Weill hat natürlich dies selbst empfunden, und sucht sich im Vorwort dadurch zu entschuldigen, daß er uns versichert, er sei niemals stolz und ehrgeizig gewesen, habe niemals nach den Ehrenbezeugungen der Menschen getrachtet, vielmehr, wenn er auf irgend einem Gebiete einen Erfolg gehabt, habe er dieses verlassen und ein anderes betreten. Wir erinnerten uns dabei an den Ausspruch des Sokrates, als er einen Cyniker vorüberstolziren sah: „Antisthenes, Antisthcnes, durch die Löcher Deines Mantels seh ich Deine Eitelkeit!" Die Mißachtung menschlicher Ehren kann recht gut aus Hochmuth und unbändiger Selbstüberschätzung cntspringeu. Und vor diesem Borwurf schützt sich eben Weill nicht im Geringsten. Er versichert, daß, was er wisse, er durch Inspiration wisse, und daß „Gott zu ihm spreche". Er versichert, daß er nichts von irgend einem Anderen gelernt habe, und erzählt doch sofort, daß er Jesajas hebräisch, Homer griechisch, Shakespeare englisch, Schiller deutsch, Dante und Tasso italienisch, Corneille, Moli.-re und Racine französisch studirt habe. Es ist gewiß wunderbar, alle diese Classiker studirt, und doch von ihnen nichts gelernt zu haben. Er will alle seine Schriften im Schlaf geschaffen haben. „Der Schlaf," sagt er, „erweckt mein Denken, welches das Aufwachen oft auslöscht." Ties gäbe ein eigenthümliches Kriterium ab, wenn man den Verfasser beim Worte nehmen wollte. Aus diesem Boden erwachsen, ohne daß man sich noch darüber wundern wird, die sonderbarsten Urthcilc. So meint Herr Weill, daß Buxtorf mehr für den Mosaismus gethan habe, als alle Rabbinen des Mittelalters zusammcngcnommen! Er bewundert das Werk von Michaelis über das mosaische Recht, und meint, ohne Michaelis wäre Mendelssohn nicht erstandeu! Und doch muß er selbst gestehen, daß Michaelis noch keine Ahnung von dem eigentlichen Wesen des mosaischen Gesetzes, von den politischen und socialen Principicn desselben hatte. Dahingegen ignorirt er gerade nach dieser Richtung die Arbeiten von Salvador, Saalschütz, S. Mayer und die unsrigen, in welchen lange vor Herrn Weill 33* i J