Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1880)
- Date
- 1880-08-17
- Page
- Seite 514 (sequence 2)
- Language
- German
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514 ironisirenden Ansprachen gegen den Götzen- und Bilderdienst zu wenden und die Lehre vom einzigen Gotte, dem Schöpfer des Himmels und der Erde und aller Wesen und dem Lenker aller Menschengeschicke und insonders Israels, nachhaltig auszuführen. Und die Propheten thatcn dies mit vollem Rechte. Diese Erkenntniß von Gott war und ist die ganze Wurzel des von der Erde in die Höhe des Himmels steigenden Baumes der israelitischen Religion. In der Gesundheit und Kraft dieser Wurzel war auch der Bestand und das Heil des ganzen Stammes und seiner Aeste, seines Laubes, seiner Blüthen, seiner Früchte enthalten; ohne jene verdorrten diese allesammt, ohne jene hatte die Gesammthcit des Volkes, hatten alle Einzelnen den festen Halt für Sitte und Sittlichkeit, für Recht und Liebe verloren, wurden von den Fluthen der Leidenschaften und der niedrigsten Triebe alle Dämme der Gerechtigkeit, der Freiheit und Gleichheit gebrochen und überströmt, und die durch Gewohnheit und knechtische Furcht in Uebung erhaltenen Einrichtungen, Gebräuche und Satzungen vermochten dem keinen Einhalt zu thun und arteten in Formalismus und Heuchelei ans. Dieses Bild entwerfen die Propheten mit blutendem Herzen, mit der heftigsten Erregung ihres Geistes. Für den aufmerksamen Beobachter kann es nicht zweifelhaft sein, daß wir uns in der Gegenwart zwar nicht in völlig gleichen, aber doch nach vielen Seiten hin in ähnlichen Zuständen befinden, wie die Propheten. Wir können es nicht verkennen, daß das Heidenthum wieder mit großem Erfolge sich ausbreitet, in der allgemeinen Welt ein weites Terrain sich gewonnen hat und daffelbe immer weiter ausdehnt, und daß, da die Bekenner des Judenthums in dieser allgemeinen Welt vollständig Posto gefaßt, auch unter diesen jenes Heidenthum immer mehr Platz greift. Es versteht sich, daß in unserer Zeit von Vielgötterei und Bilderdienst nicht mehr die Rede sein kann; desto offner tritt das Heidenthum als Gottesleugnung auf, als alleiniger Glaube an die Materie, an die der Materie einwohnenden Kräfte und Gesetze, an eine blinde Nothwendigkeit des Natürlichen, an eine Entwickelung nach Zufall und Vedürfniß, an das blos Sinnliche und sinnlich Wahrnehmbare. Dieses Heidenthum hat in unserer Zeit eine Menge von Hilfsmitteln, von fördernden Motiven für sich, und was ihm an überzeugender und fesselnder Kraft, an Vernunft und Herz fehlt, das weiß es durch verlockende Stimmen von Freiheit und Selbständigkeit, von Poesie und Wissenschaft, von Kunst und Sinnlichkeit zu wirken. Insbesondere versteht es die Jugend einzunehmen, welcher sie für die Gebundenheit der Ueberzeugnng und die Strenge der Sittlichkeit, für die Festigkeit des Glaubens und des Handelns, für den Ernst der Grundsätze, wie Religion und Moral, wie die Begeisterung für Gott und Menschenthum sie bieten und fordern, den Schein der Freiheit, der Zügellosigkeit, den ungehinderten Genuß, die Schrankenlosigkeit des Denkens und Wollens mit allem Zauber der Verführung entgegenträgt. Der eine Theil der Jugend, im täuschenden Vollgefühl des erworbenen Wissens und der eröffneten Pforten der Forschung glaubt sich berufen. Neues und Großes zu vollführen, die Arbeit und den Erwerb der Vergangenheit zu zertrümmern und ein weit aufragendes Bauwerk ihrer Mache an die Stelle zu setzen. Zu diesem Zwecke muß vor Allem alle religiöse Ueberzeugnng beseitigt, die Gotteslehrc verdrängt, der Gottglaube als unbegründetes Phantom zu den Schatten geworfen, und vermittelst der sogenannten Wissenschaft, der Jnduction und Empirie irgend ein neues System geschaffen werden, in welchem Gott und Geist fehlen, der Begriff des Zweckes aus allem Dasein gebannt und Einheit und Ordnung geleugnet find. Bon hier aus geht man weiter, und kommt dann richtig zum Pessimismus und Nihilismus, wenn man sich nicht unterwegs bei irgend einem modernen Dogma festgesogen hat, das freilich im nächsten Jahrzehnt als irrig und veraltet von der Bildfläche wieder verschwindet. Ein anderer Theil der Jugend, und wohl der größere, geht nicht so weit. Ihm, der cs mit dem materiellen Leben zu thun hat, der in den verschiedenen Zweigen des bürgerlichen Lebens arbeitet und vorwärts kommen will, ist es um keine Ueberzeugung zu thun, um kein Wissen, keine Forschung, kein System; ihm gefällt nur die Ungebundenheit, mit welcher er dem Genuß und Erwerb allein leben kann und jene Weltanschauung, welche Gott und Sittlichkeit und alle Intelligenz als überflüssige Surrogate ansieht und Genuß und Erwerb als die alleinigen Beherrscher des Menschenlebens, als die alleinigen Factoren unseres Thuns und Lassens betrachtet, gefällt ihm zu sehr, schmeichelt seinen Neigungen und Trieben allzusehr, als daß er ihr nicht den Vorzug geben sollte vor dem erhabenen und leuchtenden Antlitz der Religion, vor dem strengen Angesichte der Sittlichkeit. Wer einen prüfenden Blick auf die von den Gymnasien zur Universität abgehenden Jünglinge oder in die Welt der Commis oder auf nicht wenige der als Correspondenten , Feuilletonisten und Belletristen arbeitenden Literaten wirft, wird sich eingestehen müssen, daß dieses Heidenthum bereits große Verwüstungen angerichtet hat und wird nicht minder erkennen, daß mit dieser heidnischen Anschauung auch in unserer Zeit sittliche Entartung Hand in Hand geht und Ausschweifung und Ungebundenheit der Sitte manche der Tugenden untergraben haben, die früher im jüdischen Stamme heimisch waren, namentlich die Heilighaltung, die Reinheit des Familienlebens. Nein, es fällt nicht der Morosität des Alters zur Last, der Neigung, die Gegenwart auf Kosten der Vergangenheit herunterzusetzen, um die gedachten Schäden auch auf dem Gebiete des Judenthums wahrzunehmen und zu beklagen. Bekennen sich