Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1880)
- Date
- 1880-08-10
- Page
- Seite 507 (sequence 11)
- Language
- German
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507 Strahlen der Sonne gewichen, wenn man sich wieder frei in der freien Natur bewegt und Flur und Wald sich in das grüne Gewand kleiden: dann erwacht in der Menschenbrnst die Lust, ins Weite zu schweifen, in die blaue Ferne, wo des Wechsels, des Genusses, der Freuden Vieles unser zu harren scheint, was selbst „die süße Gewohnheit des Daseins" in der Heimath nicht bietet. Was der Frühling für das Jahr, das hat die Jugend für das ganze Leben zu bedeuten. Der Jugend ist jede Beschränkung lästig, oft unerträglich. Wie sie von innen heraus die Entfaltung ihres Geistes erstrebt und ihre noch zusammengerollten Schmetterlingsflügel auseinanderzulegen und zum Fluge zu bereiten sich gedrungen fühlt: so ist sie begierig, den heimischen Stationspunkt zu verlassen und in noch unbekannte Ferne zu dringen. Sehen wir also ab, daß es zu allen Zeiten Verhältnisse gab, welche einzelne, aber auch ganze Völkerschaften zwangen, den Wankargsten Zehrung, das Wandern kostete nichts außer Schuhwerk. Ging ja nnterwegs das Geld aus, so suchte man sich schon fortzuhelsen und ich erinnere mich, wie ich einstmals, noch dazu im Walde verirrt, einen Hirten um ein Stück Brod ansprach, der wegen meiner guten Kleidung es mir Anfangs verweigerte, dann aber ein mitleidiges Rühren fühlte, mich zurückries, mir eine Kruste harten Brodes gab, das ich mit großem Behagen in eine murmelnde Quelle tauchte und verzehrte. Solche Situation kam wohl oft vor und that dem jugendlichen Humor nicht allein keinen Abbruch, sondern erhöhte ihn noch. Und was machte es, wenn der Wandernde Abends müde an seinem Stabe einherschlich, und die Füße nicht mehr fort wollten, und der schönste Sonnenuntergang in lieblichster Gegend mit allen seinen Rosenwolken und Purpursäumcn und glitzendcn Wasserspiegeln und den verlängerten Schatten aus dem goldenen Boden — derstab zu ergreifen, um sich eine neue günstigere Heimath nichts mehr verfing, weil die ermattete Seele sich nur nach Ruhe zu suchen und zu gewinnen: so war überhaupt die Wander-! sehnte . . . Glaubt Jemand, daß jetzt die Dinge zu so etwas lust immer und überall im Menschen rege. Jugend war es eben noch ein Wandern. Aber in meiner Die Communicattonsmittel waren gering und theuer; die Gelegenheiten zu reisen waren nur für die Begütertsten da, und reichten daher in die Borstellungsweise des allergrößten Theiles des Volkes gar nicht hinunter. Man wanderte, man wanderte eben zu Fuß, das Ränzel aus dem Rücken. Der Heersttaßen gab es sehr wenige, kaum von einer großen Stadt zur anderen. Hier und da hatte ein Kleinstaat etwas mehr für die Wege gethan; die großen Staaten desto weniger. Wessen bedurfte es zum Wandern? Nichts als gesunder Beine; für den, mehr auf Ehre Haltenden einiger Groschen in der Tasche, für den, welcher nicht anstand, seine Mitmenschen in Anspruch zu nehmen, auch dieser nicht. Sich auf diese gesunden Beine zu machen und Wanderungen zu unternehmen von mehreren Meilen des Tages und durch den Weitermarsch von einem Tage zum anderen große Landstriche zurückzulegen, dazu benoch angethan wären? Wird doch der Fußwanderer, sobald er. sich abseits von Vergnügungsparticen zeigt, sofort für einen Strolch und Bagabond gehalten. Wer aber wanderte damals außer den großen Herren nicht? > Fortsetzung folgt.). Ein Rabbiner-Seminar aus -em XIII. Jahrhundert. In ihrem innersten Kern bleiben sich die geistigen wie die leiblichen Bedürfnisse der Menschen stets gleich, weil sic seiner Natur und ihren Gesetzen entspringen. Die Verschiedenheit geht aus der veränderten Richtung und der wachsenden Erweiterung hervor. Es kann daher nicht ausfallen, daß in von einander sehr getrennten Zeiten dieselbe Idee austaucht, um einem gleichempsundenen Bedürsniß zu genügen. Das Judenthum war vom Beginn an — wir gewahren eS bereits in der mosaischen Verordnung über die össentliche Vorlesung der Thora und in der Einschärfung der durfte es keines so großen Entschlusses, wie man sich jetzt! Unterweisung in dieser — von dem Bewußtsein erfüllt, daß wohl vorstellt. Wenn ich in meine Kindheit und Jugend I es sich im Geiste des Volkes nur durch genügenden Unterzurückdenke, so verwundert es mich, wie viel ich gewandert! richt der Jugend zu erhalten vermöge. In Zeiten daher, bin, obschon ich kaum die Schul- und Universitätsserien dazu! wo das Studium der Religionslehre abgenommen, wo durch benutzte. Sich so im Dunkel der Nacht auszumachen, beim! äußere Umstände und Verhältnisse, seien sie, wie meist, un- Grauen des Tages durch die noch stillen Sttaßen der Stadt! günstiger oder günstiger Art, die Masse von dem tüchtigen zum Thore hinaus zu gehen, bei der immer Heller strah-! Erwerb religiöser Kenntnisse abgezogen wurde, kam man lenden Morgenröthe in das duftige Gefilde zu dringen, frisch! aus den Gedanken, besondere Lehrhäuser zu errichten, in ausathmend ein fröhliches Lied anzustimmen und nun den welchen die zukünftigen Lehrer des Volkes herangebildet wür- Tag über zu wandern, bis die theure Heimath oder weithin den. So in unsrer Zeit, und so im 13ten Jahrhundert, die Wohnstätte eines Verwandten oder Freundes erreicht war, In seinem vor Kurzem erschienenen Werke „Geschichte des dazu war nur ein schneller Enschluß und wenig Vorbereitung Erzichungswesens und der Cultur der Juden in Frankreich nöthig. Das Ränzel war rasch gepackt, und mit geringem! und Deutschland während des X. bis XIV. Jahrhunderts" Zehrgelde kam man schon eine weite Strecke. Man kehrte! veröffentlicht vr-. Güdemann zum ersten Male eine Schrift ja nicht in großen Hotels ein; man begnügte sich mit der j -p-.il, die, wie vr. G. ziemlich gewiß macht, im 13ten 32* 4