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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-08-10 · Heft 32 (10.8.1880) · p. Seite 506

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 32 (10.8.1880)
Date
1880-08-10
Page
Seite 506 (sequence 10)
Language
German
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506 Kinder habe, von denen das 13jährige seit seiner Geburt ein Krüppel ist und die Frau liege schon 3 Jahre schwer krank darnieder. Dies Attest lautete auf den Ramen Adolf Ehrmann aus Forchheim in Baiern, das zweite auf Jos Weyl. Beide Zeugnisse will er auf einem Eisenbahnaborte gefunden haben, und benützte er hier zum Betteln bei seinen Glaubensgenossen. In Stuttgart, wo er von 10 Familien seines Glaubens 22 M. erhielt, wurde der Betrug entdeckt und sollte Ehrmann verhaftet werden, wogegen er sich kräftig zur Wehr setzte. Die Geschworenen sprachen ihn der 3 Vergehen schuldig, nahmen jedoch mildernde Umstände an. Die Staatsanwaltschaft beantragte 8 Monate Gesängniß, das Urtheil lautete 7 Monate. — Dr. Wilhelm Freund, der berühmte Lexicograph, der sich in früheren Jahren auch um das Äudenthum verdient gemacht, feiert am 11. August seine goldene Hochzeit. — Das israelitische Consistorium von Paris hat abermals ein Legat von 100,000 Frcs. erhalten, welches ein vor einigen Jahren verstorbener Israelit, Namens Jurist, gemacht hatte und dessen Ertrag bisher dem Bruder desielben bis zu dessen Tode zugekommen war. Ebenfalls eine Summe von 100,000 Frcs. fließt nach dem Willen des Testators dem Consistorium von Metz zu. Bonn, 1. August. (LiterarischeNotizen). VonLippe's bibliographischem Lexikon und Adreßbuch ist nunmehr die Schlußlieferung erschienen und damit dieses Erzeugniß großen und andauernden Sammelfleißes beendet. Bedürfen auch im Einzelnen die Angaben und Ausführungen vielfacher Berichtigungen, so bietet doch das Werk ein wichtiges Material, und wäre zu wünschen, daß es von Jahrzehent zu Jahrzehent ergänzt würde. — Die Cantoren und Lehrer der israelitischen Gemeinde zu Leipzig L. Liebling und B. Jacobsohn, in der Absicht, dem Gemeindegesang, für welchen bis jetzt so wenig geschehen, zu Hilfe zu kommen, lassen in diesen Tagen ein dahin bezügliches Werk: „Lebirs betli Jaacob, israelitisches Schulnnd Gemeinde-Gesangbuch zum Gebrauche beim Unterrichte in der Liturgie und beim öffentlichen Gottesdienste" :c. erscheinen. Es enthält in drei Abtheilungen den liturgischen Gesangstoff für das ganze jüdische Kalenderjahr, fast durchgehends einstimmig bearbeitet, nnd zwar: I. für Sabbath (Freitag Abendu. Sabbath Morgen-Gottesdienst) II. für Pesiach, Schabuoth und Succoth III. für die hohen Feste: Rosch haschana und Jom kippur; außerdem eine reichhaltige Sammlung von deutschen Gesängen (Predigtliedern) für die ad I—III bezeichneten Gottesdienste sowohl, als auch für sonstige feierliche Anläffe. Die Herausgeber bestrebten sich dabei, die traditionellen Gesangsweisen sorgfältig zu pflegen. Sobald uns das Merkchen vorliegen wird, werden wir näher darauf eingehen. Keuilteton. Äus rem Leben. i Mchts ist wahrer, aber auch Nichts leichter ausgesprochen j als: die Zeiten ändern sich. Selbst worin sie sich geändert! haben nach einem längeren Zeiträume festzustellen, ist keine 1 unschwere Aufgabe. Es wird dies insonders denen gelingen, welche die bettesfenden Zeiten selbst durchlebt haben, und cs möchte sogar eine Pflicht solcher Persönlichkeiten sein, charakteristische Unterschiede zwischen den Zeiten, die sie bestanden haben, zu schildern. Denn nicht lange, und der Strom der Zeit ist über die Marken und Zeichen der vorangegangcnen Tage hinweggegangen und hat sie mit sich sortgespült. Diejenigen aber, welche mit beiden Füßen in der jüngsten Zeit stehen, haben keine Ahnung mehr von den früheren Zuständen und verlieren hiermit den Maßstab für die Gedanken- und Gefühlswelt und darum auch das richtige Urtheil für die Handlungsweise der früheren Geschlechter. Das Schwierigste aber besteht darin, klar zu sagen, warum und wodurch sich die Zeiten geändert haben? Man muß deshalb froh sein, wenn man von solchen Ursachen, von solchen wirkungsreichen Motoren Etliches anzugeben vermag und zwar was so recht in die Augen springt. Ich nehme mir daher vor. Verschiedenes mitzutheilen, was sich mir in der Vergleichung früherer und jetziger Zeit besonders aufdrängt, und zwar möchte ich hierbei so recht „aus dem Leben" schöpfen. Ich bemerke im Voraus, daß ich hierbei stets von der allgemeinen Welt ausgehen, immer aber zn unserem besonderen Kreise zurückkehren werde. Ein gewaltiger Unterschied zwischen der Zeit meiner Jugend und der Gegenwart liegt in dem, was, oberflächlich bettachtet, ohne große Bedeutung erscheinen möchte, und worin mir Goßes, ja Weltbewegendes zu liegen düntt. Ich möchte es kurz ausdrücken: In meiner Jugend herrschte die Wanderlust, in der Jetztzeit die Reiselust vor. Der Mensch ist kein Zug-, aber ein Wandervogel. Die Natur hat ihm nicht das Bedürfniß, je nach den Jahreszeiten nach dem Norden und dem Süden regelmäßig zu ziehen, ertheilt, wohl aber den Drang in ihn gesenkt, über die Erde zu streifen, die Verschiedenheit auf der Oberfläche des von ihm bewohnten Weltkörpers zu schauen, verschiedene Lust einzuathmen, sich andere Wohnplätze zu suchen, kurz, es leidet ihn nicht auf die Dauer, sich mit einer festen und allernächsten Umgebung zu begnügen. Darum hat man allerdings mit dem Wandern nicht auf die Ersindung der neuesten Com municationsmittel gewartet. Die Lust dazu war immer vorhanden. Wenn der Frühling erwacht, wenn die Beschwerden und Unannehmlichkeiten des Winters vor den wärmeren

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