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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-08-10 · Heft 32 (10.8.1880) · p. Seite 501

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 32 (10.8.1880)
Date
1880-08-10
Page
Seite 501 (sequence 5)
Language
German
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501 Augen den Beweis, daß die Juden völlig schuldlos daran find und es den Hetzkaplänen nur darum zu thun ist, unter die verschiedenen Bürgerclafsen desselben Staates Zwietracht und Haß auszustreuen. Nehmen wir z. B. die „Germania" vom 30. Juli vor. Da sie einen herben Passus gegen den Clerus aus der Inäspenäanes Uel§e anführen will, bezeichn net sie dieses Blattt als „jüdisch-freimaurerisches", während bekannter Maßen weder unter den Redacteuren, noch unter den Mitarbeitern und Correspondenten dieses Blattes ein Jude ist. Dann schreibt sie eine weitläufige Wehklage aus Gesecke der ultramontanen „K. Bz." nach, darüber, daß vor fünfzig Jahren 11 Häuser im Besitz von Juden waren, jetzt aber 37 solchen gehören. Nun ist Gesecke in fünfzig Jahren gewiß außerordentlich gewachsen, die Bevölkerung hat sich bedeutend vermehrt und auch die Zahl der Juden ist größer geworden. In einer Stadt von mehr als 1000 Wohngebäuden ist die Zahl von 37 sicher von keinem großen Gewicht. Das Berhältniß ist demnach immer ein bescheidenes. Aber es giebt eben Leute, denen es unerträglich ist, ihre Mitmenschen neben sich bestehen zu sehen, wenn sie nicht derselben Kirche angehören, die nicht begreifen können, daß jeder Mensch dasselbe Recht hat, zu arbeiten, zu erwerben und zu besitzen, mag er, welcher Religion es sei, zugethan sein. Genug, der ultramontane Correspondent schreit Zeter und sieht Gesecke, Deutschland und wohl die ganze Welt dem sichern Verderben zueilen, weil 37 Häuser in Gesecke Juden gehören. Cremieux wird aus seinem Grabe hervorgerusen und die Herrschaft der Juden als sicher proklamirt. — Damit nicht genug läßt sich in der Beilage ein Correspondent aus Wien mit einer neuen Anklage hören. Er erzählt ausführlich von einer Defraudation im Bankhause Rothschild und dem daraus entsprungenen Processe, in welchem ein gewisser Kanitz eine hervorragende Rolle spielt. Dies giebt nun die Veranlassung über die „Verfassungstreuen" herzufallen und sie als von den Juden beherrscht und aufrecht erhalten, anzuklagen. Die Herrschaft der Verfassungs- Partei sei gleichbedeutend mit der Judenherrschaft. Es sei gewiß, heißt es weiter „daß der Jude im Einzelnen und im Allgemeinen den Nationalitätenstreit fort und fort aufs Neue anfacht, wie auch bei dem Schützenfeste der Jude Bachrach dazu ausersehen wurde, diesen Zankapfel in die Versammlung hinein zu werfen; daß die Juden es sind, die sich wie ein böser Geist zwischen Deutsche und Slaven drängen, sobald diese eine gegenseitige Annäherung versuchen; daß der Jude bei uns von der Nalionalitätenhetze lebt, durch sie allein im öffentlichen Leben eine Rolle spielt und sich bereichert, während der Wohlstand der Deutschen und der Slaven täglich mehr zurückgeht; daß der Jude der Agitator für die deutsche Hegemonie in Oesterreich ist; daß die ganze Gesetzgebung der letzten 15 Jahre unter jüdischem Einfluß und zu Gunsten der Juden zu Stande kam." Es sei deshalb nichts mehr anzustreben, als diese Erkenntniß im Volke zu verbreiten... Das ist der Hauptpunkt — trotz aller Anstrengung, trotz des täglich verspritzten Geifers will das Volk diese lügnerische Verläumdung nicht theilen, nicht erkennen und nicht danach handeln'. Das Gewebe von Thorheit, Uebertreibung und Lüge, das in obigen Sätzen zusammengewoben ist, auseinander zu fädeln, wäre ein eitles Bemühen. Denn die Herren Ultramontanen wissen sehr wohl, daß an allem dem kein wahres Wort ist, daß außerhalb Wiens die Juden im ganzen cisleithanischen Oesterreich gar kein Gewicht, gar keinen Einfluß besitzen, es sei denn, daß sie in einigen galizischen Städten bei den Wahlen einiges Gewicht haben. Jenen dies aus einanderzusetzen, zu zeigen, daß für die Juden nichts nachtheiliger ist als der Nationalitätenstreit und daß ja gerade die Verfassung der einzige Damm gegen den Nationalitätenstrudel bildet, ist nicht nöthig; sie wissen es so gut wie wir und wollen nur in ihrem Interesse das Volk bethören. Die Verfassung, welche zugleich die Grundrechte enthält, ist den Dienern der Hierarchie ein Dorn im Auge, den Juden ist sie das einzige Palladium, und es ist deshalb ganz naturgemäß, daß sie die Verfassung vertheidigen, während die Römlinge sie zu vernichten trachten. Die Juden haben in der Zeit, in welcher die Verfassung aufgehoben war, genügend erfahren, welches Schicksal sie ohne die Verfassung treffen würde, und es ist, abgesehen von der vernunftgemäßen Ueberzeugung und von der Treue gegen das bestehende Recht, die Pflicht der Selbsterhaltung, die Verfassung zu stützen und zu vertheidigen. — Was übrigens die Betrugsgeschichte des Kanitz und des Straffer betrifft, so ist sie allerdings craß genug, aber doch lange nicht so empörend, wie der Bericht, den dieselbe Nummer der „Germania" über einen Proceß gegen bayrische Unterofficiere in Würzburg enthält, und der ein Bild von Brutalität und Grausamkeit gegen eine ganze Reihe von Soldaten auftollt, das jeden fühlenden Menschen im tiefsten Herzen erschüttern muß. Auf der Wage der Gerechtigkeit und der Sittlichkeit gewogen, wird jene Falsisication im Bankhause Rothschild leicht wiegen gegen eine Reihe von Mißhandlungen, wie sie hier vor Gericht erwiesen werden. Referirt doch auch dieselbe Nr. über politische Processe in Kiew, wo 21 Personen als Angeklagte auftraten und zwar aus allen Ständen — Juden sind nicht darunter, obschon man der Welt weiß machen will, daß die Inden in Rußland die Hauptanstifter aller revolutionären Umtriebe seien. Dieselbe Nr. bringt aus Pest die bittersten Klagen über die „Deftaudationen in den öffentlichen Aemtern", welche nachgerade einen unerträglichen Zustand herbeigeführt hätten. Nun, bis jetzt find in Ungarn zu den öffentlichen Aemtern noch niemals Juden zugelassen worden. Also auch hier ist es

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