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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-08-03 · Heft 31 (3.8.1880) · p. Seite 487

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 31 (3.8.1880)
Date
1880-08-03
Page
Seite 487 (sequence 7)
Language
German
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487 bedeutend vergrößert, so daß die dortigen Gemeinden die 40,000 hinter sich gelaffen haben. In Wien wie in Berlin fand dies erst seit 1848 statt, seitdem nämlich den Juden die Freizügigkeit gewährt worden. In Wien ist aber das Proportionelle Berhältniß auf Seiten der Juden noch größer als in Berlin, und die Elemente des Zuzugs kommen dort zum Theil aus Provinzen, welche der Cultur fremder geblieben, als es mit den östlichen Provinzen des preußischen Staates der Fall ist. An all' den genannten Orten hat die Periode der Gründerei geherrscht und in Wien ist der Krach zuerst und mit noch größerer Ausdehnung ausgebrochen, als in Berlin, und wurden nun die Juden zum Sündenbock für diese unseligen Erscheinungen gemacht, so geschah dies an dem einen wie an dem anderen Platze. Dennoch war es vorzugsweise Berlin, wo die Judenhaffer die ganze öffentliche Meinung in Anspruch nahmen, das lauteste Geschrei erhoben ward, die judenhetzerische Presse unermüdlich thätig war, die öffentlichen Versammlungen von den schmählichsten Anschuldigungen wiederhallten und der Versuch gemacht ward, dies auch ins praktische Leben zu verpflanzen. Waren somit die Veranlassungen überall dieselben, die Gelegenheiten dieselben und der Erfolg beschränkte sich nur auf Berlin: so muß dies nothwendig seinen Grund in inneren Motiven haben. Die sog. Aufklärung hat bekanntlich in Berlin allgemein Platz gegriffen. Hergebrachte Ansichten und Voruriheile werden dort in allen Schichten mit Spott übergossen und die Freifinnigkeit als Hauptmaxime betrachtet. Es ist also der Beweis geliefert, daß die zersetzende, ironische und lässige Geistesrichtung doch nicht vor Ungerechtigkeit, Einseitigkeit und Härte, ja vor Verdunkelung des öffentlichen Gewissens schützt und verwahrt. Und wann nicht? wenn ihr die Gemächlichkeit, die innere Neigung zu freundlichen und nachsichtsvollen Gefühlen, zu angenehmem und sympathischen: Verkehr, die Lust, sich anzuziehen und einander zu nähern, fehlt. Ist im Gegentheil in einer Bevölkerung die Sucht vorherrschend, an Anderen Fehler und Gebrechen heraus zu finden, diese dafür zu bespötteln, zu schmähen und anzugreifen, sich selbst durch die Anschuldigungen Anderer zu rechtfertigen und zu erhöhen: so wird man niemals fern davon sein, in die Klagen und Angriffe, welche in agitatorischer Weise erhoben werden, einzustimmen und ihnen wenigstens zeitweise einen allgemeinen Wiederhall zu geben. Allerdings ist nicht zu fürchten, daß ein solcher Vorgang bei einer derartigen Bevölkerung andauernd ist und zu thatsächlichen Schritten verleitet. Man gefällt sich nicht allzulang in solcher Stimmung, wird bald wieder kühl und verspottet alsdann das, worin man vor Kurzem noch einstimmte. Wir meinen, daß diese Ansicht von unseren Berlinern uns' eine Erklärung des hier betreffs der Juden Geschehenen giebt und zugleich über die Bedeutung desselben aufklärt. Berlin, 21. Juni. (Privatmitth.) Da alle Declamationen der Judenhetzer bis jetzt gar nichts ausrichteten, so fängt man jetzt die Sache auf einer anderen Seite an, von der mau sich mehr verspricht. Wir machen ganz besonders darauf aufmerksam! Das reaktionärste aller Berliner Blätter, die „Deutsche Landesztg." schreibt: „Eine Petition, gerichtet an den Reichstag, Bundesrath und Reichskanzler, circulirt jetzt in den hiesigen Kreisen, in welcher darum gebeten wird, auf gesetzlichem Wege die übermäßige Einwanderung der Juden in Deutschland zu inhibiren. In dem kurz gehaltenen Schriftstück wird durch statistische Angaben darauf hin gewiesen, daß, während andere Staaten dahin bestrebt sind, eine Vermehrung der jüdischen Bevölkerung, namentlich auf dem Wege der Einwanderung zu inhibiren, in Deutschland, welches ohnehin schon von Juden mehr als andere Staate» bevölkert sei, man förmlich bemüht sei, die Einwanderung der Juden zu fördern, mindestens sie zu erleichtern; dies geschehe aber unbestritten aus Kosten der Bevölkerung germanischer Race. Die Petition findet zahlreiche Unterschriften, und sogar in Kreisen, wo man dies bisher nicht erwartet hatte. Wir bemerken noch ausdrücklich, daß die Anregung hierzu nicht von der Partei des Herrn Stöcker ausgegangen ist, sondern einer ganz anderen Parteirichtung entspringt und auch dort den bereits erwähnten Anklang findet. Man hat die Absicht, das Sammeln von Unterschriften für diese Petition vor Ende September nicht zu schließen". — Die hier verfolgte Methode ist sehr durchsichtig. Dian will für die Juden Beschränkungs- und Ausnahmegefetze wieder erlangen, und hofft dies in der jetzigen reactionären Strömung und bei der „conservativen" (?) Mehrheit der Kammern zu erreichen. Man beginnt deshalb an einem Punkte, wo man dies am ehesten zu erwirken hofft, bei der Einwanderung von Juden. Man hat zuvor das Terrain fruchtbar zu machen gesucht. Man hat so viel über die „Hosen verkaufenden, polnischen Juden", die zu Tausenden das Land überschwemmen, geschrieen, daß Hunderttausende es glauben und Allen die Haut schauert vor Angst. Wo diese Tausende stecken, kann freilich Niemand sagen. Aber das ist der passendste Punkt, wo man gegen die Juden die Hebel einsetzen kann. Daß andere Staaten, außer Rumänien und Rußland, die Einwanderung von Juden „inhibiren", ist durchaus nicht bekannt, und ob das deutsche Reich sich den genannten Staaten anschließen solle, ist eine andere Frage. Daß die Petition „zahlreiche Unterschriften" findet, ist dadurch nicht sehr bewiesen, daß man die Sammlung bis in den Oktober ausdehnen will. Fürth, 16. Juli. (Privatmitth.) Die königl. Regierung veröffentlicht die im Regierungsbezirke Mittelfranken 187i» gemachten neuen Stiftungen und Fundationszuflüsse zu bestehenden Stiftungen. Danach fielen in hiesiger Stadt an:

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