Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1880)
- Date
- 1880-08-03
- Page
- Seite 485 (sequence 5)
- Language
- German
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485 das Königthum blieb bis zur Zerstörung der beiden Reiche bestehen. Im Reiche Juda verschmolzen die Stämme Juda und Benjamin, im Reiche Israel die zehn Stämme untereinander, und es ist von ihnen nirgends mehr die Rede. Es war dies also eine völlig naturgemäße Entwickelung, noch dazu bei einem kleinen ackerbauenden Binnenvolk. Blickt dagegen Dr. H. auf die Geschichte der griechischen Stämme: könnte er uns da eine Centralgewalt nennen, die sich aus den zerrissenen und zerspaltenen griechischen Stämmen gebildet hätte? verfolgte nicht jeder einzelne, kleine oder große griechische Stamm seine speciellen Interessen im Streite mit den Uebrigen und auf deren Kosten und hatte kaum eine Ahnung von einem Nationalinteresse, selbst wenn der Feind schon innerhalb der griechischen Marken stand? Und dies waren die hochpolitischen Griechen! Ebenso unwahr ist es, wenn er behauptet, daß „stets Stamm und Stamm, Reichshälfte und Reichshälfte sich bekämpften." Wir haben nur zweimal einen Kampf von Stamm gegen Stamm in einem halben Jahrtausend zu verzeichnen: den unbedeutenden Kamps Japhtha's mit Ephraim (Richter 12.) und den Kampf der elf Stämme gegen Benjamin (Nicht. 19.) Dagegen steht das Beispiel der zwei und halb Stämme schon an der Schwelle der Eroberung in einem schönen Lichte. Als nach-dem Tode Sauls das Reich sich zwischen David und Jsboscheth theilte, begnügte man sich mit einem Zweikampf von je zwölf Männern und schloß dann Frieden, im Bewußtsein „ein Volk von Brüdern" zu sein (2. Sam. 2, 26). Als nach Salomo's Tode das Reich in zwei Hälften zersiel, zogen zwar die Heere Beider gegen einander aus, aber aus die dringenden Vorstellungen eines „Mannes Gottes" kam es nicht zum Streite und sie kehrten friedlich in die Heimath zurück (1. Kön. 12, 24). Erwägt man, daß die beiden rivalisirenden Reiche 25(1 Jahre neben einander bestanden, so weiß uns die Geschichte doch nur wenig Kriegsfälle von ihnen zu berichten. Kämpfe wie die peloponnesischen und thebischen Kriege haben eine ganz andere, vernichtende Bedeutung, und wer z. B. die Geschichte Deutschlands mustert, wird von einem ganz anderen „stetigen" Kampfe der Stämme unter einander erfahren. — Dr. H. kommt zu seinem dritten Charakterzuge. Er meint, „das Familienbewußtsein war stets die schönste Seite an den alten Hebräern." Also doch etwas Lobenswerthes. Doch halt! ein solches Lob thut doch einem ehrlichen Culturhistoriker zu wehe. Er zerstreut es sofort wie Nebeldunst ein Windeshauch. Dieses Familienleben der alten Hebräer hatte nach H. „keine tiefere, sittliche Grundlage, sondern beruhte nur auf dem Streben, den Stamm fortzupflanzen, ihn nicht untergehen zu lassen, ihn gegenüber andern Stämmen zu starken und zu mehren." Man muß erstaunen, wie ein Historiker solch ein vernichtendes Grundlage gehabt habe, mit kaltem Blute auszusprechen vermag, oder sagen wir wagt. Auf der ersten Seite der hebräischen Urkunde wird die Ehe als eine göttliche Institution bezeichnet, die Einheit der beiden Geschlechter in der Ehe 08. 28.) charakterisirt und B. 24. der Ausspruch hinzugefügt: „Darum verläßt der Mann seinen Vater und seine Mutter und hängt an seinem Weibe." Kann der sittliche Inhalt der Ehe fundamentaler gezeichnet werden? Als Jakob um die Rahel sieben Jahre diente, heißt es (1. Mos. 29, 20.): „Aber sie waren in seinen Augen wie einige Tage, in seiner Liebe zu ihr." Wie innig in seinem Lapidarstyl bezeichnet 1. Mos. 22, 2 die Liebe des Vaters zu dem Sohne. Abraham stellt dem Lot die Wahl des fruchtbarsten Landstriches frei und sagt: „Es sei doch kein Streit zwischen uns, denn wir sind ja verbrüderte Männer!" (1. Mos. 13, 8). In gleichem Sinne verwarnt Jakob seinen Lieblingssohn, sich über seine Brüder zu erheben (1. Mos. 37, 10), und wie tief sittlich und religiös saßt Joseph das Verhältniß zwischen sich und seinen Brüdern auf! In all' diesen und vielen anderen Zügen, schon aus der ältesten Zeit, verräth sich der ernst sittliche Inhalt, der dem Familienleben der alten Hebräer innewohnte. Wir brauchen nur daraus hinzudeuten, wie das Gesetz die Heilighaltung der Ehe sanctionirte, jede Verletzung der Ehe und die geschlechtlichen Verbrechen überhaupt als höchste Vergehen gegen Gott, die Sittlichkeit und das Wohl der ganzen Nation brandmarkt, welche herrliche Aussprüche über Liebe und Ehe in den Sprüchen Salomonis und im Hohenliede enthalten sind, was doch alles zuletzt der innersten Volksseele entsprechen mußte und ihrem innersten Geiste entsprungen ist — um die fabelhast vermessene Auslassung des Herrn H. zu würdigen. Er beruft sich dagegen aus die bekannten Vorkommnisse in der von ihm doch als „Sagenwelt" der Hebräer bezeichneten Genesis, und daß daselbst die geschlechtlichen Vergehungen nicht stark genug verurtheilt würden. Wir wollen hier nicht abermals zu der griechischen Mythologie recurriren, sowie aus die Handlungsweise des Odysseus beim Homer. Aber muß er diesen Borwurf nicht selbst bei Onan und bei den Sodomitern zurücknehmen? Soll nicht bei Thamar der Bruch des Ehegesetzes mit dem Feuertode bestraft werden? Sollen wir ihn erst an die Ausdrücke Joseph's, als ihn die Frau des Potiphar verführen will, erinnern? Wird nicht Rüben wegen geschlechtlicher Vergehung seiner Erstgeburt beraubt? (1. Mos. 49, 4.) Ties in der Genesis. Ist cs nicht ein leuchtendes Beispiel, daß ein mörderischer Krieg von elf Stämmen gegen einen, wegen der Verletzung der Sittlichkeit an einem Weibe, geführt ward? (Nicht. 19, ff.) Und da H. auch Davids und der Bathseba erwähnt, wird der König deshalb nicht von Nathan auf's entschiedenste verurtheilt, und der Ehebruch und Urtheil, daß das Familienleben dieses Volkes keine sittliches die Tödtung Uria's als ein schweres Verbrechen gegen Gott