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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-08-03 · Heft 31 (3.8.1880) · p. Seite 484

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 31 (3.8.1880)
Date
1880-08-03
Page
Seite 484 (sequence 4)
Language
German
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484 Judenheit oder Juden. Das Judenthum ist nicht „unter die Völker vertheilt", das sind die Juden. Das Judenthum ist ein ungetheiltes Ganzes, um so ungetheilter, als es in keine Seelen gespalten ist, höchstens der unbedeutende Zweig der Karäer ausgenommen. Das Judenthum ist das Ganze des religiösen, sittlichen und geschichtlichen Lebens der Juden, in dessen ganzer Entwickelung durch die verschiedenen Phasen hindurch. Die allgemeine Geschichte der Völker kann nur die politischen und socialen Berhältniffe der Juden und die sie betreffenden Ereignisse geben. Eine Culturgeschichte der Juden ist ohne Geschichte des Judenthums nicht denkbar, und diese letztere kann nur aus dem Schristthum der Juden selbst geschöpft und verstanden werden. Dieses Schristthum wiederum bewegte sich ununterbrochen bis zur neueren Zeit in der hebräischen und aramäischen Sprache, nur gelegentlich auch in der griechischen und arabischen, wenig in anderen modernen Sprachen, bis eben die neueste Zeit eine völlige Umwandlung nach dieser Richtung hin bewirkte. Es ist also lediglich die Geschichte der politischen und socialen Berhältniffe der Juden seit der zweiten Zerstörung Jerusalems, d. i. seit der Zerstreuung der Juden unter die Völker, welche zu einem großen Theile aus den Geschichts- und Gesetzbüchern der Völker zusammengeschrieben werden könnte, aber auch dies nur mangelhaft und einseitig. Man wird die bedeutendste Fülle des Materials immer aus den eigenen Schriften der Juden ziehen müssen. Aber eine Culturgeschichte der Juden, noch dazu da diese wesentlich aus der Geschichte des Judenthums zu entnehmen ist, kann ohne das Schristthum der Juden, in welchem ihr religiöses und sittliches Leben zum Ausdruck kommt, gar nicht gedacht werden, und die bloße Gegenbehauptung des Dr. H. ändert hieran nichts. Freilich wußten wir nicht, daß Herr Dr. H. sich begnüge, wie er schreibt, sich an andere Forscher zu halten, welche hebräisch verstanden, daß er sich also selbst als bloßen Compilator betrachte, woran uns freilich die moderne Bücherfabrikatton auch in Deutschland gewöhnt hat. Jndeß wollen wir Dr. Henne mit diesen allgemeinen Bemerkungen allein nicht abweisen. Wir setzen bei jedem Culturhistoriker eines Volkes voraus, daß er seine Arbeit beginnt und aussührt ohne irgend ein Borurtheil, ohne vorgefaßte Meinung für oder gegen das Volk, dessen innerstes Wesen und dessen Lebensentwickelung zu schildern, er sich zur Aufgabe gestellt hat. Dies aber ist es, was Dr. H. hinsichtlich der Juden nicht gethan; sondern an die Schwelle ihrer Geschichte trat er schon mit den übelsten Ansichten, um nicht zu sagen Absichten, — er sucht emsig Schattenseiten auf, sammelt, was ein nachtheiliges Urtheil zu begründen scheint, und schwächt ab, was ihnen Ehre machen könnte. Zum Beweise nehmen wir die erste Seite seiner Schrift, die etwas Bedeutendes enthält, vor (S. 9). Er will hier „den Charakter der alten Hebräer" schildern, unter denen er die Zeit von den Patriarchen bis zur Zerstörung der beiden Reiche verstanden haben muß, da er dieser, z. B. auch David's, erwähnt. Was sagt er nun von ihnen aus? Erstens: Sie waren auf das kleine Kanaan beschränkt und durch ihre eigene Uneinigkeit an Erhebung zu größerer Macht verhindert. Die Folge war ein Widerspruch zwischen ihren Ansprüchen und ihren Leistungen. Sie wollten hoch hinaus, vermochten es aber nicht, hielten sich zu Großem berufen, konnten es aber nicht ausführen u. s. w." (H. gebraucht hier auch den klassischen Ausdruck: „Ihr Thun und Treiben erhielt einen enggenähten Anstrich!" ein Anstrich, der genäht, ja eng genäht ist!) Schon diese Charakterisirung ist völlig unwahr. Die alten Hebräer wollten niemals hoch hinaus. Ihrem Urahn schon wird (1. Mos. 13, 14) gesagt: „Schau von dem Orte aus, wo du bist, nach Mitternacht und nach Mittag und nach Morgen und nach Abend. Denn das ganze Land, welches du siehst, deinen Nachkommen werde ich es geben." Ein Stück Land, welches ein Mensch von seinem Standpunkte aus überschauen kann, ist gewiß nichts Großes. Dr. H. wird sich erinnern, daß selbst Moses vom Berge Nebo aus auch das Land übersah (5. Mos. 34, 1). Und was sie gesehen, das wurde auch 4. Mos. 34 ofsiciell als Grenzen des zu erobernden Landes festgestellt. Ueber diese Grenzen wollten die Hebräer niemals hinaus, und nur David erweiterte sie um etwas, als der einzige Eroberer in der Reihe der israelittschen Helden. Daß die Israeliten einen kriegerischen Geist allein in der Bertheidigung besaßen, wäre ein richüges Charakteristikum. Daß sie jedoch Großes wollten und nicht auszuführen vermochten, ist eine falsche Jnfinuatton. Selbst der siegreiche Maccabäer dachte nicht daran, die Waffen gegen das zerrüttete Syrien zu dessen Ueberwindung zu tragen; er begnügte sich mit der Befreiung seines Vaterlandes. Erst als die Propheten ihren Blick über die Grenzen der Nattonalität hinsichtlich der Verbreitung des Monotheismus richteten, und die Ueberzeugung hegten, daß dereinst sich alle Völker zu diesem bekennen würden, erst da faßten die Israeliten eine höhere Meinung von ihrem Berufe, ohne diesen jemals in einer Reihe äußerer Triumphe zu suchen. — Hieran schließt Dr. H. einen zweiten Zug in den alten Hebräern: „Das allgemeine Bolksinteresse ging in Bestrebungen zu Gunsten kleinerer Kreise unter; es bekämpften sich stets Stamm und Stamm, Reichshälfte und Reichshälste, einheimische und von außen eingeführte Glaubensansichten." Auch diese Zeichnung ist durchaus unrichttg. Bei den Hebräern wuchsen aus der Familie die Stämme, aus den Stämmen das Volk heraus. Es bedurfte einiger Jahrhunderte, um ihnen das Bedürfniß einer einheitlichen Centtalgewalt, d. i. des Königthums aufzudrängen. Hiermit eben verschwand die Stammesabtheilung;

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