Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-08-03 · Heft 31 (3.8.1880) · p. Seite 483

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 31 (3.8.1880)
Date
1880-08-03
Page
Seite 483 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227285-3227317--38230-3307444
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

(p. 308). Seine Ansicht geht dahin, daß die Philosophie nach 1 Krause über den Pantheismus hinausgehen, die Immanenz mit der Transcendenz, die Unendlichkeit mit der Persönlichkeit, das eine und ganze Wesen mit dem höchsten Wesen vereinbaren werde, was er „Pantheismus" nennt. Zn einer solchen Einheit scheinen ihm auch die modernen Religionen vorzuschreiten. Im Buddhismus, Christenthum und Mohamedismus kämpft der Geist der Reform gegen das Ueiernatürliche und die Unfehlbarkeit in den menschlichen Dingen, befreit von den Traditionen und von der Autorität. Diese Bewegung sinde besonders im „liberalen Protestantismus" statt, und komme einer Umwandlung der christlichen Religion gleich. Im Judenthume sei dies Alles wie von selbst, da es keine der Vernunft unfaßbaren Dogmen habe und sich von den Formeln des Talmuds freimache. Dies klingt theoretisch recht gut. Offenbar erkennt der Berf. an, daß, um zu einem solchen Ziele zu gelangen, das Christenthum einer Umwandlung (trunsÜAuration) bedarf und zum Judenthum, nicht aber dieses zu erfterem, kommen müsse. Aber der Tag ist noch sehr weit. Denn einerseits befaßt der „liberale Protestantismus" erst einen sehr geringen Thcil der Menschcnwelt in seinem vollen Sinne, und andererseits ist derselbe allzugeneigt, über alle religiöse Ueberzeugung hinauszugehcn und sich dem Pantheismus und Atheismus zuzuwenden. Im letzten Abschnitt werden die Bedingungen und die Einthcilung der Philosophie, zuletzt die Eintheilung der philosophischen Systeme besprochen, und mit dem einheitlichen eclectisch en und harmonischen System wird geschlosien. Wir gestehen gern, daß wir mit Achtung von diesem Wer.e scheiden, das jedem ernsten Leser eine klare Uebersicht und viel Gelegenheit zu tieferem Nachdenken verschafft, wenn es auch einen entscheidenden Einfluß aus die Entwickelung der Philosophie zu üben nicht beanlagt ist. Freuen wir uns des Umstandes, daß die Phase des Pessimismus als im Abscheiden begriffen zu betrachten ist, und die Philosophie auf den Weg positiver Anschauung zurückkehrt. — Wir haben bereits in voriger Nr. bemerkt, daß Herr Dr. O. Henne- Am Rhyn in Zürich gegen unsere Besprechung seiner „Culturgeschichte des Judenthums" in Nr. 27 eine Zuschrift an uns gerichtet hat, die wir aus mehrfachen Gründen nicht übergehen wollen. Herr Dr. H. beginnt damit: „Es ist mir leider längst bekannt, daß die Juden schlechterdings keinen Tadel ertragen können, und mit keiner Acußerung über ihre Nationalität und Religion zufrieden find, wenn dieselbe nicht die unbedingte Verherrlichung enthält." Nun ist aber, wie ja auch angegeben war, der größte Theil unserer Besprechung aus der Feder eines christlichen Kritikers gestoßen und einem nichtjüdisckien Blatte entnommen, konnte also nicht von jüdischer Empfindlichkeit dictirt sein. Aber abgesehen hiervon, ist es ein nachgerade lächerliches Argument geworden, die Juden der Empfindlichkeit zu zeihen, wenn sie sich die entehrendsten Aeußerungen und die schimpflichsten Darstellungen ihrer Vergangenheit und Gegenwart nicht ruhig gefallen lasten wollen, sondern sich dagegen wehren und vertheidigen. Das fehlte noch, daß wir bei allen dünn- und dickleibigen Jnvectiven und Pamphleten den Mund still halten und den Rücken geduldig biegen sollten! In der That wird es den deutschen Juden nachgcradd unmöglich, empfindlich zu bleiben; denn am Ende wird doch selbst das zarteste Gefühl abgestumpft. Im Gcgcntheil könnten wir den Vorwurf der Empfindlichkeit auf christliche Seite verweisen. Denn wenn irgend ein Jude, wenn er dies auch nur dem Namen nach noch ist, etwas gegen das Christenthum äußert, so werden sofort sämmtliche Juden der Feindseligkeit, des Hastes, der Frechheit und dergl. bezichtigt. Jndeß weiß man, daß dies Letztere gar nicht so ernst gemeint ist: man will eben nur dem Volke einreden, die Juden beschimpften das Christenthum. Wir halten deshalb die Phrase des Dr. H. sür völlig unstatthaft. Wir Juden, die man an den äußersten Tadel, an die ungerechteste Behandlung nur allzusehr gewöhnt hat, lasten uns jede Kritik gern gefallen, wenn dieselbe nur irgendwie den Weg der Unparteilichkeit verfolgt und Licht und Schatten mit Billigkeit verthcilt. Daß dies Dr. H. nicht gethan, dafür werden wir im Verlaufe einige Beweise anbringen. Er macht nun geltend, 1) daß er die Uebersetzung von de Bette bei seiner Arbeit gebraucht hat. Dann ist es um so unerklärlicher, wie er Nesehech mit „Wucher" nach Luther und nicht nach de Bette, der es stets mit „Zins" übersetzt, übertragen und das Verbot des Zinsnehmens im Lande und die Erlaubniß des Zinsnehmens vom Ausländer für Wucher erklären konnte. Fußte er bei seiner Arbeit auf der Uebersetzung von de Bette, so verließ er diesen absichtlich bei dem obigen Gegenstände. 2) Weist Dr. H. darauf hin, daß von den 506 Seiten seines Buches 344 nach Grätz gearbeitet seien, unser Tadel also eigentlich diesen treffe. Herrn Dr. H. müßte es doch wohl klar sein, daß man sehr wohl nach einem Schriftsteller arbeiten, ja ans demselben viele Stellen ausschrciben kann, doch aber daraus etwas ganz Anderes zu machen vermag, als in dem Werke zu lesen ist, das man benützt. Die Darstellung und Beurtheilung der Thatsachen macht die Hauptsache aus, nicht die Quelle, die man für die letztere benutzt. — Hierauf folgt 3) die Bemerkung: „Ich bestreite durchaus, daß zur Bearbeitung einer Geschichte des Judenthums die Kenntniß der hebräischen Sprache nothwendig ist. Sie ist nothwendig zu einer Specialgeschichte der alten Hebräer oder der hebräischen Literatur oder der jüdischen Religion; aber das Judenthum ist durch seine jetzige Bertheilung unter alle Völker ein Gegenstand der allgemeinen Geschichte geworden, der keine abgesonderte hebräische Bedeutung mehr hat." Herr Dr. H. begeht hier einen Sprachschnitzer, und zieht deshalb aus diesem einen falschen Schluß. Er verwechselt Judcnthum mit 31*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.