Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1880)
- Date
- 1880-08-03
- Page
- Seite 482 (sequence 2)
- Language
- German
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482 krankenhause, und bestimmte, daß „diese für fünf kranke Männer und fünf kranke Frauen in der Weise verwendet werden, daß je drei Protestanten und je zwei Israeliten von beiden Geschlechtern darin ausschließliche Aufnahme und Pflege finden müssen." — „Sollte sich an israelitischen Männern und Frauen nicht immer die erforderliche Anzahl finden, so dürfen die für Israeliten bestimmten Betten ausnahmsweise auch für Protestanten benutzt werden, jedoch so, daß keinesfalls und zu keiner Zeit die Abweisung von Israeliten erfolgen darf." In einem Nachtrage bestimmte der Stifter, daß junge Leute, welche die Kaufmannschaft erlernen oder sich der Pharmacie widmen, von der Stiftung nicht unterstützt werden sollen, daß dagegen „bei Zurcichenheit der Mittel auch Maler, Bildhauer und Architecten, wenn diese auf Academien genügende Borkenntnisse erlangt haben, Reisestipendien von je 200 Gulden jährlich ausgezahlt erhalten sollen, so jedoch, daß in keinem Jahre mehr als zwei Künstler und kein Künstler öfter als zwei Jahre das Stipendium genießen soll. In Art. 4 bestimmt er noch einmal, daß :t für Protestanten, V:, für Israeliten verwendet werden soll. Wie schon bemerkt, ist das Stipendium seit vielen Jahren jüdischen Lehrlingen nicht zugute gekommen, weil sich eben geeignete Bewerber nicht einstellten, so daß das für Juden bestimmte Drittel sich im Reservefond aushäust. Wir machen daher Gemeindevorsteher, Rabbiner und Lehrer hierauf aufmerksam; denn jeder dürftige israelitische Knabe deutschen Ursprungs in sämmtlichen deutschen Ländern außer Baiern hat vollen rechtlichen Anspruch darauf. Erforderlich zur Erlangung des Stipendiums ist die ortsamtliche Bestätigung der Bedürftigkeit, Schulzeugniß, Leumund und ein Lehrcontract, in welchem das Lehrgeld genau festgesetzt ist. Das Gesuch kann an den Magistrat der Stadt Coburg gerichtet werden, doch ist auch Herr I. Masur in Coburg bereit, die Angelegenheit zu vermitteln. Wir unsrerseits wollen dem edlen Stifter ein herzliches Andenken widmen, nicht allein wegen der Früchte, die aus der Stiftung derselben auch für dürftige jüdische Knaben erwachsen können, sondern auch für das leuchtende Beispiel echt humaner Gesinnung, welche der Freiherr von Rast hiermit gegeben. Derselbe war, wie aus der Ausdrucksweise der Stiftuugsurkunde hervorleuchtet, von der innigsten Gottesfurcht, vom aufrichtigsten Gottglauben beseelt. Sein Andenken sei gesegnet! Literarischer Wochenbericht. Bonn, 21. Juli. Religion und Philosophie stehen im engsten Zusammenhänge mit einander. Wenn die Philosophie eine negative Richtung genommen, wie cs in der letzten Zeit der Fall war, so stehen sie und die Religion sich feindlich gegenüber. Kehrt jene aber wieder um, und dies gewahren wir in den jüngsten Jahren, und verfolgt abermals eine positive Richtung, so trifft sie mit der Religion in den letzten Resultaten wieder zusammen. So selbständig nun an sich die Wiffenschaften in ihren Specialitäten ihren Weg verfolgen, so hängen sie doch von dem vorherrschenden allgemeinen Geiste ab und werden von der Philosophie beeinflußt. Aus diesem Gesichtspunkte machen wir hier auf die soeben erschienene zweite Auslage einer Propädeutik der Philosophie aufmerksam: Introduktion äla pbilosopbie et preparation ä la metaphysique. Etüde analytique sur les objets fondamentaux de la Science. Etüde synthetique sur Dien, sur l’univers et sur l’humanite, par G. Tiberghien, docteur en philosophie, professeur äl’Universite libre de Bruxelles. Bruxelles, G. Mayolez 18«s>. Der Berf. stellt dieser zweiten Ausgabe eine ausführliche Vorrede voran, in welcher er die neuesten philosophischen Arbeiten sowohl in Frankreich und in England, als auch in Deutschland kritisch beleuchtet und die negativen Resultate derselben in ihren Jrrthümern nachweist, um, als Anhänger des Systems von Krause, die „positive Metaphysik" wieder zur Geltung zu bringen. Er beharrt hierbei innerhalb der Grenzen eigentlicher Philosophie und übergeht mit Stillschweigen die negativ - populäre Richtung, welche seit Schopenhauer sich im deutschen Publikum geltend gemacht hat, ähnlich dem populären philosophischen Deismus in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Bon der Herrschaft dieser negativen Producte, die mehr von Satire und Extravaganz, als von wahrhaft philosophischer Forschung an sich hat, nimmt der Berf. keine Notiz. Die klare und scharffinnige Darstellung giebt diesem Borwort einen besonderen Werth. Im ersten Abschnitt handelt der Berf. von der Wiffenschaft und ist darin besonders das größere Kapitel wichtig: „Die Wiffenschaften nach den Gegenständen des Gedankens; Menschheit, Natur, geistige Welt, Gott." Die zweite Abtheilnng ist der Philosophie gewidmet: Philosophie, Geschichte, Geschichte der Philosophie, Philosophie der Geschichte. Selbstverständlich fällt der Anfang der Philosophie mit den alten Religionen zusammen. Auch unser Verfasser ist der jetzt verbreiteten Ansicht, daß die Urreligion monotheistisch gewesen, hieraus sich der Polytheismus entwickelt hat, deffen Entartung der Fetischismus geworden. Es ist bemerkenswerth, daß auch die h. Schrift diese Meinung andeutet. Jedenfalls wäre es hier am Orte gewesen, die Erneuerung und Entwickelung des Monotheismus im vor- und nachmosaischen Judenthum zu würdigen. Der Vers, setzt dies aber nur voraus, übergeht das Jndenthum innerhalb des Alterthums und läßt nur die griechische Philosophie in das Christenthum übergehen. Erst in der neuesten Zeit kommt er auch aus das Jndenthum, indem er sich dabei auf unsere Vorlesungen über „die Entwickelung der religiösen Idee im Judenthum, Christenthum und Islam" berust.