Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1880)
- Date
- 1880-07-27
- Page
- Seite 474 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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474 Credit, zu verkaufen pflegte. Der arme Händler hatte sich aber! alten bewährten Dienerin des Hauses), wie aller Welt, und stets als ein Mann von Wort und zuverlässiger Zahler erkam deshalb oft in unser Haus. Ich erinnere mich ihrer als wiesen, so daß mein Großvater ihm größeres Zutrauen, als' eines zierlichen etwa achtzehnjährigen Mädchens, von durchirgend einem seiner andern Bekannten in Breslau schenken! sichtig hellein Jncarnat mit üppigem, röthlichem Haar; zu dürfen glaubte. Zu diesem christlichen Geschäftsfreund be- ■ gab er sich denn und sprach: „Lieber Karnasch (ich glaube fo 1 hieß der würdige Mann) so und so ergeht es mir hier;^ um Lebens und Sterbens willen, möchte ich Euch mein! bischen Vermögen, das ich ganz bei mir führe, zum Auf-; bewahren geben. Wenn mir was Menschliches pasfirt, so erweist mir die Liebe, und sendet es mit sicheren Händen an! Lea, meine Frau, und meine Kinder, und grüßt sic von mir."; Damit schnallte er den strammen mit Thalern gefüllten Leder-; gurtbeutcl ab, den er unter dem langen kaftanartigen Obergcwand um den Leib trug, und händigte ihn dem Vertrauensmann, ein. Dieser machte ein befremdetes Gesicht, als er den schweren Beutel in den Händen wog, kratzte sich bedenklich hinterm Ohr, und sprach.- Ei du meine Güte, wir stehen halt alle in Gottes Hand! Aufheben will ich's schon. Aber Vater Feibel, wollt Ihr mir denn das Geld nicht zuzäh len, daß hernacher nichts daran fehlen thut." — „Es ist bei Euch in guten Händen, Freund Karnasch" — erwiderte der Großvater, und schob ihm den Sack hin, worauf sie sich die Hände drückten. — Tie Belagerung war zu Ende; ein gütiges! Geschick hatte über das Leben der beiden Männer gewacht.! Meinem Großvater pochte aber doch das Herz ein wenig, als er eines schönen Tages, da die Lust wieder rein war, den Weg zur Müntlergasse einschlug. — „Nun, Gott sei Tank, daß Ihr gesund und heil wieder da seid, Vater Feibel — wurde er freudig begrüßt — ich war schon in Sorge um Euch, was Euch widerfahren sein könnte." Tann zog erden Beutel aus seinem Versteck und schob ihn aus dem Verkaufstisch dem Großvater zu: „So, 's wird wohl Alles in Ordnung sein." — Das ist so ein gutes herzerhebcndes Stücklein aus der alten Zeit, das keines Commcntars bedarf. Ter Großvater machte auch weiter keinen dazu; aber die Geschichte erzählte er uns, so oft von der Belagerung oder verwandten Dingen die Rede war, und in seinen stillen, vor innerer Gemüthsruhe und Befriedigung leuchtenden Augen spiegelte sich etwas, wie der Wiederschcin jener einzigen großen Menschculehre: Kinder liebet Euch untereinander! Nur sagte er cs zuweilen „ein wenig mit andern Worten," in der Sprache seiner Weisen: „die Gerechten jedes Glaubens haben Antheil am ewigen Leben!" — Unsere Großtante Esther hatte eine einzige Tochter, Namens Miriam, eine zarte liebliche Erscheinung, deren trauriges Lebensgeschick und früher Tod das allgemeinste Mitgefühl erweckte. Miriam — oder Marianchen wie sie gemeinhin genannt wurde —, war ein Liebling unsrer Lisabet, (der aumnthig in allen ihren Bewegungen, eine flinke und leidenschaftliche Tänzerin und geschickt in allen weiblichen Handarbeiten. Einmal war sic, wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt, sogar längere Zeit zu uns übergesiedelt, als unsere Mutter eine größere Reise unternahm, oder vielleicht gar beide Eltern abwesend waren. Von Zeit zu Zeit erhielt sie da auch Besuch von einem uns wohlbekannten jungen Mann, Namens Sander, dem Sohne einer armen Wittwe, die Miriams Eltern gegenüber in dem Hause meiner Großeltern wohnte. Sander war keine besonders einnehmende Persönlichkeit, feinem Aeußern nach-, er war von dunklem Colorit, mit rabenschwarzem Kopf, von Gestalt groß und hager. Doch lag in seiner Erscheinung eine gewisse Eleganz: besonders waren seine Stiefel ausgezeichnet durch ihre Zierlichkeit und ihren spicgelhaften Glanz, den wir, trotz aller Bemühung, an unserer Fußbekleidung nicht zu erzielen vermochten. Diese hochschäftigen Stiefeln, mit cisenbeschlagenen Absätzen und fein gefaltetem Oberleder, waren der Stolz der Dandy s unserer kleinen Stadt, und Sander war, wie ich fürchte, ein klein wenig ein Dandy, und sonst nicht viel mehr, und dies mochte auch der Grund sein, daß Marianchens Eltern die Beziehungen zu Sander nicht gern sahen und die Besuche in ihrem Hause nicht gestatteten. Da war cs denn eine herrliche Zeit, als Miriam unserm Hauswesen Vorstand, und unter dem Schutze der Lisabet, ihrer Gönncrin, in der Abenddämmerung die eilige Gestalt ihres unglücklichen Anbeters die kleine Straße entlang herbeihuschen sah, und mit ihm ein seliges Stündchen verplaudern konnte, während wir Kinder um sie her lärmten und tollten. Wir ahnten freilich nicht, daß sich hier ein kleiner Roman abspielte: und ich selbst habe es erst später, als die Katastrophe eintrat, aus den Reden der Lisabet entnommen, was die abendlichen Besuche zu bedeuten hatten, die rasch unterbrochen wurden, wenn sich zufällig ein unerwünschter Zeuge einfand. — Nach einiger Zeit gab cs eine Verlobung in der Familie — ein immer aufregendes, wenn auch nicht ungewöhnliches Ercigniß. Das schöne Marianchen war die Braut; leider aber Sander nicht der Bräutigam. Die Eltern, um dem mißliebigen Berhältniß ein Ende zu machen, hatten, wahrscheinlich auf Empfehlung eines Vermittlers, sich einen Schwiegersohn in Polen, (einen Kaufmann aus Kalisch) ausgesucht, und trotz der Thränen und der Verzweiflung des unglücklichen Kindes, mußte es mit dem fremden ungeliebten Manne unter den Trauhimmcl treten; denn Gehorsam ist die Pflicht des Kindes. Es war ein herzergreifend rührendes Bild, der Anblick der abgehärmten Braut, mit den leidverklärten Mienen, in denen der tiefste