Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1880)
- Date
- 1880-07-27
- Page
- Seite 473 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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473 liany im Bezirk Troki des Gouvernements Wilna ein armer, reisender Jude und legte sich, von seiner langen Fußreise in der Sonnenhitze ermüdet, unter einen Baum im Garten des Bauern Thomas Jantschewski. Letzterer wurde des Inden ansichtig, vermuthete in demselben einen Dieb und schleppte ihn zum Gemeindevorsteher Josef Puchalski. Bei diesem wurde gerade um dieselbe Zeit über einen Pferdedicbstahl gesprochen, welcher in einem Nachbardorsc Nachts zuvor verübt worden war. Der Verdacht, diesen j Diebstahl begangen zu haben, lenkte sich auf den armen, reisenden Juden. Alle Bethcuerungcn und Bitten halfen dem greisen Manne nicht; der Richter Puchalski beschloß mit seinen Beiräthen, den „verstockten Pferdedieb" zum Geständniß zu bringen. Zu diesem Behufe wurde der arme Jude vor Allem mittels eines um den Bauch geschlungenen Strickes an einen Baum gehängt. Als diese Marter nichts hals, wurden dem unglücklichen Opfer bäuerlicher Wuth durch den Dorfrichter Puchalski selbst die Ohren, dann die Nase und hierauf die Finger abgeschnitten. Als auch diese schrecklichen Jnquisitionsmartern nichts nutzten, wurden dem halbohnmächtigen Juden die Augen ausgebrannt und zuletzt die! Zunge herausgeschnitten! Um den >?.ickc>rv5l< zlodzoj“ (jüdischen Dieb) nicht am Leben zu lassen, entschloß sich ein junger Bauernbursche Namens Franz Szczcrbowicz, den über und über mit Blut bedeckten, völlig verunstalteten Juden zu ertränken. Er steckte daher den blutigen Körper des Juden in einen Sack, trug ihn in Begleitung einer Menge anderer Bauern zu dem nächsten Fluß, band daselbst an den Sack, in welchem der halbtodte Jude steckte, noch fünf große Steine, versetzte dann dem Opfer einen tüchtigen Stoß in die Brust und warf den Sack sammt dem Juden ins Wasser. Es kreisten einige Wellen um die Stelle, wo der Sack fiel, herum und der Akt war vollbracht. Der Henker Franz Szczcrbowicz und seine Complicen sitzen heute im Trok'schen Gefangenschlosse, ihrer Strafe entgegensetzend. Aus Pest wird uns geschrieben: Gestern den 3. Juli, verschied hier im Alter von 73 Jahren der königl. Landcs- Sanitätsrath Di. Moritz von Moscovitz. Er war einer der ersten Juden, der mit dem Prädikate „de Zempll'-ny" in den ungarischen Adelstand erhoben und bei der Errichtung des Landes-Sanitätsrathes zum ordentlichen Mitgliede desselben ernannt wurde. Mit Moscovitz geht einer der letzten Homöopathen zu Grabe, welche mit Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, im persönlichen Verkehre gestanden. Ihm verdankt auch der Verein der homöopathischen Aerzte Ungarns das Entstehen, und die Errichtung von Lehrstühlen für Hoi möopathie an der hiesigen Universität wird seinem Einflüsse zugeschriebcn. — Amerikanische Zeitungen schreiben als ein Euriosum: Jakob Basch leitete gegen Gustav Gottheil, den Rabbiner des Tempels Emanuel, einen Proccß ein. Er behauptete, daß der Beklagte ihn engagirt habe, um ihm eine Stelle als Rabbiner zu verschaffen. Er habe ihm die Stellung an dem Tempel Emanuel, welche mit einem Jahrcsgej halte von s 10,000 verbunden ist, verschafft Ter Beklagte! habe bis jetzt an Gehalt s 50,000 eingenommen und schulde! hiervon dem Kläger s .5000 für die geleisteten Dienste. Der! Beklagte stellt entschieden in Abrede, daß er den Kläger enga ■ girt habe, um ihm eine Stelle zu verschaffen. Er ließ auch 1 vor Richter Donohue die Abweisung der Klage beantragen, j doch wies der Richter gestern diesen Antrag ab und be-! stimmte den Proeeß für den nächsten Monat zur Verhandlung. Feuilleton. ^us dem Leben. Wir erhalten von befreundeter Hand eine recht interessante Schilderung aus den Knabenjahren. Schauplatz: ein Städtchen im äußersten Winkel Deutschlands, dicht an der russischen Grenze. Zeit: vor ungefähr 50—«'><» Jahren. Wir entnehmen daraus zwei Episoden. Der Großvater des Erzählers war oft genöthigt, in seinen Geschäften nach Breslau zu reisen. Dies war auch der Fall, als plötzlich im Jahre 1607 Breslau von den Franzosen eiugeschloffen und belagert ward. Der alte Mann war nicht rechtzeitig abgereist und so gezwungen^ alle Schrecken, Gefahren und Entbehrungen der Belagerung zu bestehen. Es heißt da weiter: Als der Großvater die Gewißheit erlangt hatte, daß er aus der Festung nicht mehr in die Heimath entlassen werden, vielmehr in derselben die Belagerung mit ihren Schicksalen und Gefahren zu überstehen haben würde, und als da die Sorge nicht blos für sein Leben, sondern auch für sein ganzes Besitzthum. welches er in baarem Gclde als Erlös seiner Chancen bei sich hatte und von dessen Erhaltung die Zukunft seiner Familie abhing, an ihn mit ihren trüben Schatten herantrat, da ging er lauge mit sich zu Rathe, wie er sich in dieser schweren Lage zu verbalten habe. Die Obrigkeit mit solchem Anliegen anzugehen, war wohl nicht die rechte Zeit: ebensowenig konnte er damals daran denken seine Baarschaft der Post anzuvcrtrauen. Mitten unter den bangen Zweifeln fiel ihm ein, daß in einer bescheidenen i Kellerbehausung in der Müntlergasse, unweit des sicheren Verließes, in welchem er schützende Unterkunft gefunden, ein sog. Gränpner und Saamenhändler wohne, mit dem er seit vielen Jahren in Geschäftsverbindung stand, indem er ihm von seinen verschiedenen Waaren Mancherlei, und zwar meist auf