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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-07-27 · Heft 30 (27.7.1880) · p. Seite 472

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 30 (27.7.1880)
Date
1880-07-27
Page
Seite 472 (sequence 8)
Language
German
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472 Anfangs ging Alles gut, der Credit - mobilier gründete die Gasgesellschast, die Omnibusgesellschaft, das Hotel du Louvre, übernahm spanische und russische Eisenbahnen, die Entstaatlichung der östci'reichischcn Staatsbahn u. s. w. Für diese so gehäuften Speculationen reichten die Kräfte des Crcditmobilier nicht ans, 1667 mußte er liqnidiren und die Brüder Pereire verarmten. Wie sich an diese erste Gründung die ganze Periode schmählicher Finanzwirthschast knüpfte, ist bekannt. In den letzten Jahren erhob sich Jsaac Pereire durch glückliche Börsenspeculationen wieder zu einer bedeutenden Stellung in der Finanzwelt und großem Reichrhum. Seine St. Simonistischen Ideen, gab er jedoch niemals ganz auf, und vor einigen Monaten setzte er einen Preis von 100,000 Frcs. auf die beste Beantwortung der Frage aus, auf welchem Wege die Vermehrung des Proletariats verhindert werde? Seiner väterlichen Religion war er treu ergeben, aber doch gehörte es zu seinen Eigenthümlichkeiten, daß er demungeachtet überall seinen ganzen Einfluß zu Gunsten der römischen Kirche geltend machte. — Das Mitglied des isr. Consistoriums von Paris, Herr Saint Paul hat dem Consistorium ein Terrain von 1232 Meter zu Gebote gestellt, um daselbst ein Zufluchtshaus für junge israelitische Mädchen zu erbauen. Das Grundstück ist am Boulevard de la Saussaye, dem alten Park von Reuilly, gelegen. Das Consistorium wird nunmehr diese Angelegenheit ernstlich in Angriff nehmen. — Herr A. B. Oppenheimer hat ein Legat von 100,000 Frcs. zu Gunsten der Wohlthätigteitsanstalten des isr. Consistoriums hinterlassen. — Großbritannien. London, U. Juli. Englische Blätter besprechen folgende Mittheilung: Ein Missi ousverei n, der unter den Juden wirkt, berichtete vor Kurzem, daß es im Durchschnitt zweitausend Pfund kostet, um einen Juden zu bekehren, und etwa fünfhundert, um ihn zur ernstlichen Erwägung der Religionssrage zu veranlassen." Tics ist also eine Rechnung, die nicht von Juden, sondern von der Missionsgesellschaft selbst ausgeht, und man kann die Kurzsichtigkeit nicht genug austaunen, welche so gearteten Bekehrungen irgend einen Werth beilegt, und die Religion znm Gegenstand eines solchen Geldgeschäftes macht. Man hat eben nur die eine Erklärung, daß die betr. Juden selbst diese Summe nicht erhalten, sondern daß darin die Gehälter der Missionäre eingeschlossen sind, die natürlich nicht müde werden, ihre Gehälter zu beziehen, auch wenn sie die unbedeutendsten Erfolge erzielen. Dabei muß man nicht vergessen, daß die angegebenen horrenden Summen dadurch noch zu niedrig gegriffen sind, als bekanntlich manche dieser Bekehrten - sich mehrmals taufen lassen! — Italien. Rom, Im Juli. (Privatmitth.) Daß die alte Orthodoxie nicht im Stande gewesen wäre, den Verfall des Juden thums aufznhalten, diese Ueberzeugung drängt sich nirgends bestimmter aus als hier in Rom. Das Ende der päpstlichen Herrschaft, mit welchem so Vieles sich neubelebte, und frisch und energisch sich umgestaltete, sprengte zwar auch die Fesseln, welche die Arme der hiesigen Israeliten noch immer wund drückten, hob aber auch die alten Satzungen der hiesigen israelitischen Judengemeinde aus, und damit ist diese gänzlich auseinandergefallen. Alle Versuche, ein Gemeindestatut zu Stande zu bringen, sind gescheitert, die 8 oder 0 alten Synagogen sind im Zustande des äußersten Verfalls, und der darin vollzogene Gottesdienst hat den Stempel der Verkommenheit. Aber Niemand denkt daran, eine bessernde Hand auzulegcn, und wer daran dächte, fände Niemanden, der ihm die Hand böte. Ein Ober-Rabbiner ist nicht da imb die vorhandenen Rabbiner besitzen kein Ansehen. So sind es nur einige wohlthätige Vereine, die etwas mehr als eine kümmerliche Existenz führen, namentlich der für „Asyle der israelitischen Kinder", der unter der Wirksamkeit des Herrn G. Alatri steht. Die beiden Asyle für Knaben und Mädchen sind jetzt vereinigt und die Zahl der Kinder aus 260 gestiegen. Sie erhalten dreimal wöchentlich ihre Suppe gratis und soll dies nunmehr täglich stattfinden. Aber auch hierfür müssen die Mittel erst beschafft werden. Glücklicher Weise hat der Verein in diesen Tagen von einem englischen Glaubclisgenossen die Summe von 0000 frcs. erhalten. Bei dieser Beschaffenheit, wo bei dem einen Theile der religiöse Geist gänzlich entschwunden ist, bei dem anderen nur noch im Formalismus alter Gewohnheit besteht, sind die Aussichten für die Zukunft sehr trübe. Bonn, IN. Juni. (Notizen.) In dem Städtchen Godesberg bei Bonn wurde in diesen Tagen eine neue evangelische Kirche eingcwciht. Die „evangelische Gemeinde" spricht in dem „Godesberger Fremden- und Bürgerblatt" „den Bewohnern Godesbergs, insbesvnderedenMitgliedernderkaiholischen und israelitischen Gemeinde" ihren „herzlichsten Dank für die rege Thcilnabme au dem Feste der Einweihung der neuen Kirche und für das allgemeine Beflaggen der Häuser" ans. Man kann sich über dieses friedliche und theilnahmvolle Verbalten der beiden Confessionen unter einander nur herzlich freuen. —- In Rußland!! Vor einiger Zeit ging ein Schrei des Entsetzens über eine Greuelthat in Marokko durch Europa. Der „Wilenskij Westnik" („Wilnaer Bote") erzählt folgenden schaudererregenden Fall: Vor einigen Tagen kam in das Dorf Dolnyje Jage-

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