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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-07-27 · Heft 30 (27.7.1880) · p. Seite 470

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 30 (27.7.1880)
Date
1880-07-27
Page
Seite 470 (sequence 6)
Language
German
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470 viel größere Zahl Rangstufen jeder Art erreicht als in Deutschland, und selbst die Finanz zählt wichtige jüdische Namen in ihrer Mitte. Warum haben wir nun in Frankreich niemals eine solche Erfahrung zu machen? Man wird bemerken, daß in Frankreich die Gleichstellung viel älter ist, da sie in Deutschland in Wirklichkeit kaum viel mehr als ein Jahrzehnt alt ist. Allein dies stammt ja aus denselben Ur fachen; gab es doch in Deutschland Geister, welche die Gleichstellung verlangten, noch viel früher als in Frankreich, und selbst als sie in Frankreich noch jung war, fand sie derartige Angriffe nicht. Im Jahre IS 18 wollte man von der Erneuerung der Napoleonischcn Decrcte aus dem Jahre 1808 nichts wiffen, und 1880 that man den letzten Schritt und nahm die Synagoge unter die vom Staate erhaltenen kirchlichen Institute auf, obschon man damals noch die .',0000 Elsäffer Juden hatte, 'liun, dies ist eben der Punkt, der uns weniger als Juden, aber sehr stark als Deutsche berührt und betrübt, und ich will deshalb über die Folgerungen hinweggehen. Was uns in Nordamerika vor solchen bösen Winden bewahrt, das sind nicht sowohl unsere freiheitlichen Institutionen, nicht allein der Geist gegenseitiger Duldung, der uns beseelt, als vielmehr das praktische Leben, das durch und durch herrschende Gefühl für Wirklichkeit, für die realistischen Zustände, das in unserem Lande und Volke Alles leitet und beherrscht. Wir theoretisiren nicht über die Erscheinungen, wir spintisiren nicht über die Ursachen, wir trachten nicht nach Reglements und Gesetzesmaßregeln, wir sehen die Tinge an, wie sie sind, wir folgen dem wahren Bedürfniß, wirschätzen alles, was eine bewegende und schaffende Kraft hat, und jeder thut, was ihm in dieser Richtung recht und nützlich erscheint. Wir fragen nicht: woher bist du? sondern: was bist du? nicht: was denkst und glaubst du? sondern: was thust und treibst du? Ter Vortheil. den jemand erlangt, wir sehen ihn als einen Vcnthcil an auch für andere. auch für das Ganze. Diese Anschauungsweise und Gesinnung schützt zwar die einzelnen nicht vor Lob und Tadel, nicht vor Angriff und Kampf, wohl aber vor jedem Elassenhaß, vor jeder blinden Anschuldigung ganzer Gattungen, ganzer Stände, ganzer Volkstheile. Und dies ist so mächtig, daß die Neuangekominenen, welche aus Europa so mancherlei Vorurtheil und alten Blödsinn mitbringen, diese bald ausgeben, weil sic es eben muffen. i l i i M cj m \ a c tj n cf] \'C VV. Deutschland. i Berlin, 18. Juli. (Privatmitth3 Das Collegium, das! durch Aub, Geiger und Ungerleider gebildet gewesen, und bekanntlich nach längerem Interregnum auf Oettinger, Rosenstein j und Sachs gefolgt war, durch den Tod Geigers und durch die 1 Emeririrung, jetzt auch den Tod Aub's gesprengt wurde, ist; noch immer nicht wieder vollständig besetzt. An Geigers Stelle kam Frankl, aber die Wahl des Nachfolgers Aub's will immer noch nicht zu Stande kommen. Es ist dies auch, sehr erklärlich. Gewiß giebt es jetzt viele wackere und tüchtige Männer unter den jüngeren Rabbinern, aber doch feine: Berühmtheiten, keine solche, welche sich eines allgemeinen Ru-! fes und Vertrauens erfreuen, so daß ihr Name schon ent-' scheidend wäre. Es treten also die Bewerber an das Publij kum so gut wie unbekannt heran, und da bedürfte es eines! eminenten, eines überwindenden Genies, um sofort alle Stimmen zu vereinen. Deshalb das Schwanken, deshalb der Mangel an llebereinstimmung zwischen Vorstand und Repräsentanten, so daß Candidaten schon die Majorität des Vorstandes für sich hatten, ihre Wahl aber an der Majorität der Repräsentanten scheiterte. Vorerst hat deshalb die saison morte die Entscheidung wieder vvrschoben, und es fragt sich, ob der nächste Winter die Angelegenheit fördern werde. Straßburg, im Juli. Seit mehr als 30 Jahren erertönt in der hiesigen Synagoge die Orgel vereint mit dem Chore. Niemals hat man daran Anstoß genommen. Jetzt machen sich einige der sog. Neu-Orthodoxen auf, in die Gemeinde eine Spaltung hervorzurusen unter dem Vorwände der Orgel! Ueberall dasselbe Manoeuvre, bald als Personenfragc, bald als fachliche. Die Hauptsache ist: Hader, Spaltung — und das nennen diese Leute: Religion, Judenthum! Jndeß glauben wir, daß diese edlen Bemühungen hier keinen, oder nur einen sehr geringen Erfolg haben werden. Schwcrrcnz, d. 12.1. (Privatmtth.) Aus der Privat- Kanzlei Seiner Kaiserlichen und Königlichen Hoheit des Kronprinzen gelangte an Herrn Lehrer Moritz Grünseld Hierselbst anläßlich der Ueberreichung einer von demselben bearbeiteten Jugendschrift, welche den Zweck hat, schon in dem jugendlichen Gemüth Toleranz gegen Andersgläubige zu erwecken, folgendes Schreiben: Neues Palais, Wildpark, den Juli 1880. Ew. Wohlgeboren bin ich beauftragt, den besten Dank Seiner Kaiserlichen und Königlichen Hoheit des Kronprinzen l für die Aufmerksamkeit auszusprcchcn, welche Sie Höchst-; Demselben durch Ueberreichung der Anlage Ihres Schreibens; vom 20. v. Mts. haben erweisen wollen. v. Normann. I K. Kammerherr.

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