Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1880)
- Date
- 1880-07-27
- Page
- Seite 469 (sequence 5)
- Language
- German
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469 Sr. Majestät dem Sultan zu unterbreiten, der ihm gewiß nickt die ernste Aufmerksamkeit versagen wird, die ein im Namen der Mächte, welche die Unterzeichneten die Ehre zu vertreten haben, ausgedrückter Wunsch verdient. Madrid, 11. Juni 1S8<)." (Folgen die Unterschriften und Siegel aller Bevollmächtigten.) London, 12. Juli. Unterhaus. Uuterstaatsfecretär Dilke untwortete auf eine Anfrage Simons, nach der von der Madrider Conferenz zu Gunsten der religiösen Toleranz abgegebenen Erklärung habe der Botschafter von Marokko ein Schreiben des Kaisers von Marokko verlesen, wonach alle Gouverneure angewiesen worden seien, die Juden ganz eben so wie die Mohamedaner zu behandeln. Zum Hintergründe hatte der ganze Congreß - den in Marokko wüthcnden Auf st and, der soeben die Truppen des Sultans wieder stark aufs Haupt geschlagen hatt'. Eine amerikanische Ansicht. New-Aort, im Juni. Wir müßten keine Deutsche und keine Inden sein, wollten wir sagen, daß die jüngste literarische Polemik gegen die Juden in Deutschland uns nicht tief entrüstet hätte. Ich sage, „literarische", denn zu weiteren hat sie es doch nicht gebracht, und jeder Schritt ins praktische Leben hat die Unhaltbarkeit ihrer gehässigen Tiraden erwiesen. Jndeß sieht man derartiges in Amerika doch anders an. In unscreni Lande, wo seit anderthalb Jahrhunderten die unbeschränkteste: Preßfreiheit herrscht, wird Tag für Tag viel gelobt und noch mehr getadelt. Das erstere nimmt man gern entgegen, aus dem letzteren macht man sich nicht viel. Im Gegentheil, cs giebt viele Fälle, wo man den Tadel, so grob er auch sein mag, gern sieht. Denn Lobsprüche hält man in der Regel für bezahlt; eine tadelnde Kritik hingegen bezeugt stets, daß am getadelten etwas sein muß, daß er von Bedeutung ist, und einen großen Erfolg gehabt haben muß. Tenn nun machen sich Neid und Mißgunst an ihn, und es haben immerhin Viele Interesse daran, ihn in der ösicntlichcn Meinung wieder hernnterzubringcn. Darum, sage ich, sehen meine amerikanischen Landsleute oft lieber, daß sie angegriffen, ja hart geschmäht werden, als gelobt. Durch das erstere wird viel mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen, als durch das letztere: man spricht über sic, man discutirt, man vertheidigt sie, man begeistert sich für sie. Von diesem Standpunkte aus lasten Sic mich unsere Meinung über die sog. Judenhetzen in Deutschland anssprechen. Wir sehen in diesen Angriffen, in diesen Behauptungen und Anschuldigungen über den Einfluß und die Macht der deutschen Juden schließlich nichts weiter, als die Anerkennung, daß die letzteren sich tüchtig entwickelt, an der Cultur einen nachhaltigen Anthcil genommen, an Politik, den socialen Verhältnissen, Wissenschaft, Literatur und Kunst, an Industrie und Handel wacker mitgearbcitct haben. Allerdings hat man dies alles nicht wenig übertrieben, übertrieben in seiner Bedeutsamkeit und seinem Umfang, und bis ins Abenteuerliche übertrieben als bedrohlich, nachtheilig, gefährlich für das gesummte deutsche Wesen. Würden die Juden in ihrer Abgeschlossenheit verblieben sein, von allen öffentlichen und geistigen Interessen sich fern gehalten haben oder so stumpf, geist- und kraftlos, so durch die Verfolgungen der anderthalb Jahrtausende so heruntergekommen und entnervt gewesen sein, daß sie zu allen höheren Leistungen unfähig, zu jeder höheren Eultnrstuse untauglich waren dann hätte man das Geschrei der Verachtung und [ bcr Verhöhnung gehört, und in letzterem hätte gewiß viele «Wahrheit gesteckt. So aber macht sich hiervon nichts ver.! spürbar, sondern die Inden werden beschuldigt, die Presse; zu beherrschen, die Parlamente und Regierungen zu beeinislussen, dem öffentlichen Wesen und Verkehr ihren Charakter auszuprägen, in der Literatur und Musik sich geltend zu machen, und nebenbei das Capital in ihren Händen.auszuhäufen. Zieht man von allem diesem das Extravagante, die leidenschaftliche Uebertreibung, die Phantasien des Fanatismus ab, so bleibt nur übrig, was den Juden zu Lob und Anerkennung gereicht, daß sie nämlich in allen Zweigen des Culturlcbens aus ihrer früheren Absonderung und Erniedrigung wacker vorwärts gegangen, ihre Pflichten als Bürger, als Glieder der großen menschlichen Gesellschaft mit Anstrengung erfüll: und sich im "Allgemeinen eine ehrenfeste Stellung erworben haben. Das können natürlich Neid und Mißgunst, der alte Haß, das alte Gefühl abstoßender Antipathie nicht vertragen und mit einem wohlfeilen Aufwand von Verleumdung und Lüge, und mit listiger Benutzung mancher ins "Auge fallenden Momente stürzen sie über die Juden her, und kehren das ins Bedrohliche und Gefährliche um, was sie würdigen und beloben sollten. So sehen wir die Sache an, und obgleich wir wohl wissen, daß eine solche Fehde immer mit mancherlei Unannehmlichkeiten verbunden ist und nicht geringe Unbildc und Uebelstände herbeisüyrt, so muß man sich mit dem Kerne trösten, der in dieser rauhen und stachlichtcn Schale enthüllen ist. Tie Frage bleibt nun allerdings, warum diese Erscheinung so besonders in Deutschland anftritt? In Frankreich haben nach dem numerischen Verhältniß der dortigen jüdischen Bevölkerung die Juden jedenfalls viel mehr Chancen erreicht, als dies in Deutschland der Fall ist. In allen Zweigen des öffentlichen Lebens, in der Verwaltung, im Richter- und Advokatenstande, im Militär und in der Wissenschaft hat eine verhältnismäßig