Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1880)
- Date
- 1880-07-20
- Page
- Seite 461 (sequence 13)
- Language
- German
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461 den ältesten Sagenstoffen der Menschheit gehört. Die Hindus erzählen: Das Haupt der indischen Göttertrias, Indra, verfolgte den Gott Agni, der ffch in eine Taube verwandelte, um der Verfolgung leichter entfliehen zu können. Aber Indra wurde zum Falken, damit ihm seine Beute nicht entgehe. Da suchte Agni bei Wischnu, dem indischen Heiland, Schutz, der die Taube an seiner Brust verbarg. Indra schwor, von der Brust Wischnu's sich so viel Fleisch rauben;u wollen, als der Körper der Taube ausmache. Es geschah, was er ge' schworen. Bon den Blutstropfen, die dabei zur Erde fielen, bildeten fich die Schriftzüge des Veda. . . . Aehnlich ist die Geschichte in Mahäbhärata erzählt und dieselbe Legende ist auch in den „Puräna sarvasvan“ rcproducirt. Nach einer alten persischen Erzählung stehen ein Moslim und ein Armenier wegen des Pfundes Fleisch vor dem Richter. Die Lösung des Conflictes erfolgt hier nicht durch den Spruch, daß kein Blut vergoffen werden dürfe, der Richter dringt nur auf die größte Exaktheit im Gewichte. Aehnliches wird in Aegypten erzählt. — Wir nehmen diesen Nachweis gern entgegen, denn die Gestalt des Juden verschwindet dadurch gänzlich und wird erst recht zu einer willkürlichen Erfindung. Auch thut dies der Erzählung Leti's keinen Abbruch, um so mehr, als in derselben die juristischen Pointen fehlen und der Papst sich vielmehr auf den humanen Standpunkt stellt, daß eine solche um das Menschenleben spielende Wette an sich strafbar sei. Bei dieser Gelegenheit kommt noch ein anderer Gegenstand zur Sprache, der von geschichtlichem Jntereffc ist. Man hatte daraus hingcwiesen, daß bis Cromwell in England die Juden gar kein Aufenthaltsrecht gehabt haben. Herr- Hugo Klein führt nun folgendes an. Es ist in neuester Zeit aus den Staatspapieren, betreffend die Heirath Katharinas von Arragonien mit Arthur, Prinzen von Wales, bewiesen worden, daß Heinrich VII. mit einem spanischen Gesandten eine lange Unterredung betreffs der den Juden in England gewährten Toleranz gehabt hat. In einem Buche aus dem Anfänge des 17. Jahrhunderts, das kürzlich in London eine neue Edition gefunden, berichtet ferner ein Autor „daß es in England eine große Anzahl Juden giebt; wenig in der Nähe des Hofes, viel in der City, noch mehr ans dem Lande". Aus verschiedenen intercffanten, in Staats- und Privat-Archiven Vorgefundenen Schriftstücken find schließlich in allerletzter Zeit die Schicksale einer jüdischen Familie, Namens Lopez, welche in England in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts lebte, bekannt geworden. Soeben ist in London auf Grund dieser Documentc aus der Feder S. L. Lee's eine höchst feffelndc Studie über das Haupt dieser Familie, den jüdischen Doctor Roderigo Lopez, erschienen, welcher zu seiner Zeit eine angesehene und einflußreiche Stellung am englischen Hofe eingenommen hat und das eigentliche „Urbild des Shylock" gewesen ist. Es war gerade ein Jahr vor der Entstehung des „Kaufmannes von Venedig", daß dieser Jude, das Opfer einer Art Hof-Jntrigue, in einen Proceß verwickelt und hingcrichtet wurde. Die Affairc machte in England ungeheures Aussehen und brachte den Namen des Roderigo Lopez auf Aller Lippen. Ter gefallene Lopez war mit Hohn und Spott überhäuft worden und jedes Bestreben, ihn gründlich lächerlich zu machen, war populär. Shakspearc, der TÜeater- Practiker par excollenre. knüpfte an diese Figur an und Bnrbagc's komische Darstellung des Juden vom Rialto schmeichelte der Stimmung der Menge. Es lohnt wohl die Mühe, daß wir auf die Arbeit Lee's etwas ausführlicher rcflectiren und uns jene Figur näher rücken. Es eristirt eine Carricatur des Roderigo Lopez aus dem Jahre 1594, die ihn als bejahrten Mann darstellt, so daß sein Geburtsjahr zwischen 1520 und 1560 gesucht werden müßte. Roderigo erhielt seine medicinische Erziehung an irgend einer Universität des Südens und begann vorerst in Italien die ärztliche Praxis auszuüben. Er kam aber frühzeitig nach England zurück und schloß sich dort dem im Jahre 1516 gegründeten College of Physicians an. Er gelangte bald zu großem Rufe. 1566 wurde er von der Facultät gewählt, in diesem Jahre die anatomischen Vorlesungen zu halten. und 1575 erscheint sein Name an der Spitze der renommirtestcn Doctoren Londons. Er heirathcte einige Jahre vorher eine Jüdin aus Antwerpen; ans dieser Ehe gingen zahlreiche Töchter hervor. Lopez wird auch ein ..Staatsmann" genannt und befaßte sich offenbar mit Politik. Eine zcitlaug übte er auf Lord Leiccster, deffen Leibarzt er war, großen Einfluß aus. Lopez war mit dem Lord auch häufig in Kenilworth, wohin derselbe die Schauspieler aus dem benachbarten Stratfort berief, die als -thc Earl nt’ Loicnster’s Company ot' Servants aml Players" bekam» waren. Dieser Gesellschaft gehörte unter Anderen 1577 James Burbage, der spätere Freund Shakspeare's an; Burbage mochte Lopez in Kenilworth häufig gesehen haben und konnte ihn darum in seiner Maske und in seinem ganzen Gehaben zwanzig Jahre später earrikireu. 156«; wurde Lopez Leibarzt der Königin, was seinen politischen Einfluß, vornehmlich durch neue Beziehungen mit Sir Fraueis Walsingham und Lord Burleigh, wesentlich erhöhte. Freunde vertrauten ihre bedrohte Sache seiner mächtigen Fürsprache au; Vielen seiner Glaubensgenossen ermöglichte sein Wort die Niederlassung in England. Zu jener Zeit flüchtete sich ein Manu, Namens Antonio Perez. ein portugiesischer Thronprätendeut, vor dem Zorn Philipp'S ll. von Spanien nach England, wo er mit wildem Enthusiasmus empfangen wurde. Der Hof zeichnete ihn in jeder möglichen Weise aus. „King Antonio", wie mau ihn in London nannte, war aber ein Mann von geringer Intelligenz und wenig