Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1880)
- Date
- 1880-07-20
- Page
- Seite 460 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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460 Sie erweckten in ihrer Heimath, wenn sie mit reichem Wissen zurückgekehrt waren, das Streben nach allgemeiner Bildung. Der Vermehrung der Schulen folgte auf dem Fuße eine mehr oder minder brauchbare Schul- oder Schulbücher-Literatur. Schon 1806 brachte die damals mächtig anregende Fränkel'sche „Sulamith" einen Aufsatz über den „methodischen Religions-Unterricht." '814 erschien das Religionsbuch von Bock; Wolf und Solomon schrieben eine hebräische Cbrestomatie, Arnheim ein heute noch vortreffliches Rechenbuch und eine Handelsgeographie, Louis eine französische und englische Grammatik, Lax eine englische Grammatik, Bacharach eine Fibel und eine deutsche Sprachlehre.') Dabei behielten die Schulen einen streng jüdischen Charakter. Dem hebräischen Unterricht war die größte Stundenzahl gegönnt, und das Pensum war eben kein geringes. Wurden doch in den oberen Classen nicht nur die hebräischen Bibel-Commentare gelehrt, sondern auch hebräische Stilübungen angefertigt und im Talmud unterrichtet. Freilich zur Meisterschaft in der letzteren Diseiplin konnten die Zöglinge nicht mehr gebracht werden, und diejenigen, welche die talmudische Durchbildung für eine wesentliche Grundlage religiöser Bildung ansahen, standen nicht an, die neuen Schulen als Feindinnen der religiösen Wissenschaft nach Kräften in Verruf zu bringen. Für Anstalten, die aus Gcmeindemitteln erhalten wurden und von dem Wohlwollen der Gemeinden!itglieder abhängig waren, wurden solche Agitationen nicht selten verhängnißvoll. Ein anderer Uebelstand kam hinzu. Wurde den Fronimen zu wenig Hebräisch gelehrt, so war das Gebotene den Aufgeklärten viel zu viel. So befand sich die jüdische Schule bald in ähnlicher Lage, wie ein Mann, von welchem der Talmud erzählt, daß ihm seine ältere Frau das schwarze, seine jüngere das weiße Haar entfernt haben. Allmählich öffneten auch die christlichen Lehranstalten jüdischen Zöglingen ihre Pforten. Der Principienkampf auf dem Gebiete der Pädagogik und die Emancipation der Juden, mit der die Emancipation des Judenthums in unserem Vaterlande bekanntlich niemals gleichen Schritt gehalten hat, führten nach und nach den Verfall der neuen Schulen herbei. Nur wenige Anstalten waren so glücklich gestellt, daß sic der Zeit bis auf unsere Tage haben trotzen können. Es galt ein anderes Schulsystem zu schaffen, neue Lehranstalten, die eine religiöse Erziehung zum Ziele hatten, zu organisiren. Die erste Schule dieser Art trat in Magdeburg ins Leben und wurde von dem damaligen dortigen Prediger vr. Ludwig Philippson Religionsschule genannt. Dieser Name, der am 22. Oktober 1) Diese Notizen sind selbstverständlich nicht vollständig; sonst hätten nicht Moses Philipvson's Mode libne binah (2. Aufl s. 2-olf's und Salomon's Charakter des Judenthums und vor Allem Joölson's Religionslehrc übergangen werden dürfen. Redaction. 1883 sein 50jähriges Jubiläum feiern wird, bezeichnet in der That das Ziel seiner Anstalten zutreffend. Sie erzielen eine gründliche religiöse Durchbildung der jüdischen Jugend und erreichen diesen Zweck durch die Anbahnung eines genügenden Verständnisses der hebräischen Sprache, der Sprache der heiligen Schrift und des Gottesdienstes und durch die Ertheilung eines systematischen Unterrichts in der Religionslehre, biblischen und jüdischen Geschichte. In diesem Sinne, und nach diesem Plane erblüheten nunmehr Anstalten in den größeren und kleineren Gemeinden Deutschlands. Trotz mancher Schwierigkeiten, die zu überwinden waren und zum Thcil noch zu überwinden sind, haben die Religionsschulen Segensreiches geleistet. Denn in der That ist es ja in der Gegenwart das Streben der Gemeinden, nicht nur durch Anstellung tüchtiger Lehrkräfte, sondern auch durch Kräftigung der Autorität ihrer Schulmänner zur Erhaltung und zur Pflege des Erbtheils der Gemeinde Jacobs beizutragen. Wieder etwas vermeintlich Neues über Shylock. Eine von uns vor kurzem in der Köln. Ztg. anonym geführte Controverse über Shylock hat, wie eine spätere Correspondenz derselben Zeitungaus London bemerkte, auch in England Aufsehen erregt. Sie resultirte darin, daß Shakespeare den von Leti berichteten Vorgang unter Papst Sixtus V., welcher sich an den englischen Seehelden Franz Drake knüpfte, als ein zeitgenössisches Ereigniß vor Augen gehabt, nur daß er die Rolle des Blutdürstigen dem Juden zuertheilte, während dieser in Wirklichkeit ein Christ gewesen. Er mag hierin sich an die Novellensammlung von Fiorentino gehalten haben, der seinerseits aus dem mittelalterlichen Erzählungsbuche Gesta Romanorum geschöpft, das zu Shakespeare's Zeit in einer englischen Uebersetzung von Robinson vorhanden war. In dem letzteren Werke geht die Geschichte zwischen 2 Kaufleuten ohne Bezeichnung der Religion vor sich. Dies ist der einfache Thatbestand, und wir sind an demselben eben nur darum interessirt, weil man den Shylock Shakespeare's zu einem jüdischen Typus machen wollte, wozu freilich der Dichter mit vollen Händen beigetragen hat. Jndeß kann man stets voraussctzen, daß die Gelehrten sich mit dem einfachen Thatbestand nicht begnügen und durch ihre Forschungen ihn recht bald wieder verdunkeln werden. Dies ist denn auch geschehen. In einem Feuilleton der Wiener „Presse" giebt Hugo Klein einen Bericht über diese neuesten „Forschungen" in England, und so wenig der obige Thatbestand dadurch alterirt wird, so ergiebt sich doch einiges Interessante daraus, was wir hier hervorheben wollen. In dem letzten Hefte des Isiustesutb Oenturv weist der Sanskritforfcher Moncure D. Conway nach, daß die Geschichte vom Pfunde Fleisch zu